Bahn : Lokführer buhen Bahnchef Mehdorn aus

Der bisher längste Streik der Lokführer hat den Bahnverkehr in Ostdeutschland fast vollständig zum Erliegen gebracht. Auch im Westen fährt nur die Hälfe der Züge, zudem bildeten sich hier lange Staus. Bahnchef Hartmut Mehdorn bekam den Frust der Lokführer indes aus nächster Nähe zu spüren.

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Pfiffe und Buhrufe: Die Lokführer sind mächtig sauer auf Bahnchef Mehdorn. -Foto: dpa

Berlin/Hannover/ErfurtBei einem Termin in Erfurt pfiffen den Vorstandsvorsitzenden Hartmut Mehrdorn etwa 50 mit Trillerpfeifen ausgerüstete Lokführer und linke Landtagsabgeordnete aus. Das teilte der stellvertretende GDL-Chef für Mitteldeutschland, Peter Korleck, mit. Sie protestierten damit nach Korlecks Worten gegen das Ausbleiben eines verhandlungsfähigen Angebots der Bahn.

Der auf 30 Stunden angesetzte Lokführerstreik hat den Nahverkehr der Bahn in einigen Regionen lahmgelegt. In den ostdeutschen Ländern sei der Zugverkehr "fast zum Erliegen gekommen", teilte das Unternehmen in einer Zwischenbilanz mit. In Westdeutschland sei etwa jeder zweite Regionalzug gefahren, sagte Bahn-Vorstandsmitglied Karl-Friedrich Rausch. Etwa 1300 Lokführer hätten sich an dem Ausstand beteiligt, der um zwei Uhr begann und am Freitag um acht Uhr enden sollte. Es ist damit der bisher längste Streik bei der Bahn.

In der Sache gab es keine Annäherung zwischen den Tarifparteien. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer GDL drohte mit neuen Streiks in der kommenden Woche. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Struck schlug sich in der strittigen Frage eines eigenständigen Tarifvertrages für die GDL auf die Seite der Deutschen Bahn.

"Das Chaos ist ausgeblieben"

Viele Pendler stiegen auf das Auto um, vor allem in den deutschen Großstädten kam es deshalb am Morgen zu vielen Staus und Behinderungen. Besonders betroffen waren nach Angaben des ADAC der Großraum München, das Rhein-Main-Gebiet, das Ruhrgebiet sowie Leipzig und Dresden. "Es war sehr dichter Verkehr auf den Zufahrtsstraßen, aber das Chaos ist ausgeblieben", sagte ein ADAC-Sprecher. Der Berufsverkehr habe eine Stunde früher als sonst eingesetzt. Am Mittag hatte sich die Situation entspannt.

Die Bahn hatte Notfahrpläne in Kraft gesetzt, um einen ausgedünnten, aber halbwegs geregelten Verkehr anzubieten. Dennoch fuhren in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern nach Unternehmensangaben bis zum Mittag lediglich zehn Prozent der Regionalzüge. In Leipzig und Dresden standen am Vormittag alle S-Bahnen still. Die S-Bahnen in Berlin, Hamburg, Stuttgart und Rhein-Ruhr mussten ihre Taktzeiten deutlich verlängern.

Die GDL hat in Ostdeutschland einen besonders hohen Organisationsgrad, außerdem stehen der Bahn dort nicht wie im Westen Beamte zur Verfügung. Beamte dürfen nicht streiken. Das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg hatte der Bahn auch untersagt, streikende Mitarbeiter zu Notdiensten zu verpflichten.

Jeder Streiktag schlägt nach Angaben der Bahn mit rund zehn Millionen Euro Schaden zu Buche. Dabei sei schon berücksichtigt, dass die meisten Kunden im Regional- und S-Bahn-Verkehr Monatskarten im Voraus gekauft haben, sagte ein Sprecher. Es entfielen jedoch die sogenannten Bestellerentgelte. Das ist das Geld, das die Bundesländer an die Bahn als Zuschuss zahlen - aber nur für Züge, die tatsächlich rollen.

"Wir erwarten ein vernünftiges Angebot"

Die Bahn rief die streikenden Lokführer in Zeitungsanzeigen auf, das vorliegende Angebot anzunehmen und verlangte von der GDL die Rückkehr an den Verhandlungstisch, auch im Interesse der Kunden. Das Angebot sei das "beste, was wir machen können". Es orientiert sich nach wie vor an dem Abschluss, der im Sommer mit den Gewerkschaften Transnet und GDBA erzielt wurde. Es sieht 4,5 Prozent mehr Einkommen und eine Einmalzahlung von 600 Euro vor.

Die Gewerkschaft lehnt das Angebot aber ab und beharrt auf einem eigenständigen Tarifvertrag. "Wir erwarten ein vernünftiges Angebot", sagte GDL-Vizechef Günther Kinscher dem Sender N-TV. Solange werde es auch im Hintergrund keine Gespräche geben. Über das weitere Vorgehen will die GDL an diesem Freitag entschieden.

Struck sprach sich gegen die GDL-Forderung nach einem eigenständigen Tarifvertrag aus. Es gelte das Prinzip: ein Betrieb, ein Tarifvertrag, sagte Struck dem Fernsehsender N24. "Wenn man anfinge zu differenzieren, dann kämen nachher die Stellwerker und viele andere, die genau die gleiche Verantwortung tragen. Dann würde ein Durcheinander entstehen, dass man überhaupt nicht akzeptieren kann."

Informationen zum Bahnverkehr gibt es auf der Internetseite www.bahn.de/aktuell und unter der kostenfreien Service-Telefonnummer 08000 99 66 33. (mit dpa)

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