Bahn-Tarifstreit : Lokführer drohen mit dem Superstreik

Der Ausstand im Güterverkehr zeigt seine Wirkung: Im Osten standen nach Gewerkschaftsangaben alle Züge still und auch der Westen kam nicht ungeschoren davon. Sollte die Bahn nicht auf die Lokführer zugehen, droht nächste Woche ein Superstreik in allen Transportbereichen.

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Streik im Güterverkehr: Die Lokführer legen für 42 Stunden ihre Arbeit nieder. -Foto: ddp

Hamburg/BerlinDer Güterverkehr im Osten war weitgehend lahmgelegt, in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fuhr bis zum Mittag fast kein Güterzug, in Niedersachsen blieben laut GDL die Hälfte der Bahnen stehen. Im Hamburger Hafen fielen mehr als ein Viertel der Züge aus oder waren verspätet, sagte eine Sprecherin. Am größten Rangierbahnhof Europas in Maschen bei Hamburg war der Betrieb beeinträchtigt.

Mehr als 1000 Züge seien bundesweit bereits liegen geblieben, sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL), Manfred Schell. "Je länger der Streik dauert, umso mehr Züge kommen hinzu." Bundesweit hätten sich innerhalb der ersten 24 Stunden des Arbeitskampfes mehr als 1800 Lokführer beteiligt. Die Bahn spricht dagegen lediglich von 900 Lokführern und 700 Zügen, die ausfielen. Normalerweise sind der Bahn zufolge etwa 5000 Güterzüge pro Tag unterwegs. Sie rechnet mit Auswirkungen bis Mitte der nächsten Woche, sagte ein Unternehmenssprecher.

"Das Wetter macht uns mehr zu schaffen"

Die Folgen des Streiks für die Wirtschaft scheinen bislang relativ gering. Im Rostocker Seehafen lief der Güterumschlag nach Angaben der Hafen-Entwicklungsgesellschaft weitgehend normal. Die Gewerkschaft sprach dagegen von erheblichen Einschränkungen. In Lübeck stauten sich im Hafen einige Container und Lkw-Auflieger. Ein Sprecher der Bremer Logistics Group sagte: "Das Wetter macht uns mehr zu schaffen als der Streik." Wegen des Sturms auf der Nordsee würden Schiffe vom geschlossenen Hafen Rotterdam nach Bremerhaven umgeleitet. Im Duisburger Hafen fielen zehn von 100 Zügen aus.

Auch in der Wirtschaft wurden nennenswerte Ausfälle nicht bekannt. Salzgitter verzeichnete einem Sprecher zufolge bei der Anlieferung von Rohstoffen leichte Verzögerungen. Wegen vorsorglich aufgefüllter Erzlager gebe es aber keine Produktionsausfälle. Bei BMW, Volkswagen und ThyssenKrupp Stahl kam es zu keinen großen Problemen - sie hatten sich wie viele andere Unternehmen mit Notfallplänen auf einen massiven Streik vorbereitet. Im Porsche-Werk in Leipzig traf ein dringend erwarteter Zug mit Nachschub am Morgen ein. Einige Automobilzulieferer in Sachsen-Anhalt berichteten von einer angespannten Lage, da Teile zeitnah angeliefert werden.

Der Deutsche Speditions- und Logistikverband (DSLV) kritisierte den Streik im Bahn-Güterverkehr scharf. "Das könnte die deutsche Wirtschaft bis ins Mark treffen", sagte Verbandspräsident Michael Kubenz. Güter könnten nicht einfach auf die Straße verlagert werden, weil es zu wenig Fahrer gebe. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) forderte erneut, "dass man zu konkreten Verhandlungen und nicht nur zu Gesprächen kommt".

Schell: Auslagerung in Servicegesellschaft möglicher Kompromiss

Ein neues Angebot habe die Bahn bisher nicht vorgelegt, sagte Schell. Es gebe offenbar auch keine Überlegungen, die Lokführer in eine eigene Servicegesellschaft auszugliedern, in der sie einen eigenen Tarifvertrag und höhere Gehaltssteigerungen erhalten könnten. Von einem solchen Vorschlag hatte die "Financial Times Deutschland" berichtet. "Ich habe mit der Bahn telefoniert und da wurde bestritten, dass es einen solchen Vorschlag gibt", sagte Schell. Grundsätzlich kann sich der GDL-Chef diese Lösung vorstellen. "Es wäre denkbar, dass daraus ein Kompromiss erwachsen könnte."

Schell warnte erneut vor einer weiteren Eskalation des Arbeitskampfes. "Wenn sich der Bahnvorstand nicht bewegt, dann werden wir in der nächsten Woche weiter streiken - und zwar in allen drei Transportbereichen." Das wären neben dem Güter- auch der Personenfern- und Nahverkehr. In den vergangenen Wochen hatte die GDL bereits den Nahverkehr in Deutschland teilweise lahmgelegt. Das Recht, im Güter- und Personenfernverkehr zu streiken, hatte sich die Lokführergewerkschaft am vorigen Freitag vor dem Sächsischen Landesarbeitsgericht in Chemnitz erstritten.

In der Bevölkerung ist die Unterstützung für den Streik der Lokführer seit Oktober deutlich gestiegen. Nach einer Erhebung des ZDF-Politbarometers halten 57 Prozent (Oktober: 45 Prozent) der Befragten den Arbeitskampf für gerechtfertigt. Nur noch 39 Prozent (Oktober: 50 Prozent) lehnten den Streik ab. Die Hauptschuld, dass es bisher zu keiner Einigung kam, geben 35 Prozent der Bahn, 17 Prozent der GDL und die Mehrheit von 44 Prozent gleichermaßen beiden Konfliktparteien. (mit dpa)

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