Wirtschaft : Bahner sehen sich am moralischen Tiefpunkt

FRANKFURT (MAIN) (ro).Die jüngste Unfallserie bei der Deutschen Bahn ist für Vorstandschef Johannes Ludewig kein Anlaß, den Abbau von Arbeitsplätzen zu stoppen.Nach einer bisher beispiellosen Pannenserie wies Ludewig gestern der Politik die Schuld für den Zustand des Unternehmens zu: Das Unternehmen und seine Mitarbeiter bezahlten nun den Preis für jahrelange Vernachlässigung durch die Politik.Die Bahn-Gewerkschaften forderten dagegen eine Rationalisierungsdenkpause.

"Wir müssen Sicherheit nicht herstellen, sie ist gewährleistet", sagte Ludewig nach dem Gespräch.Sofort nach dem Unfall von Eschede sei die Überprüfung des gesamten Sicherheitssystems angelaufen, auch mit Hilfe von externen Experten der Lufthansa, großer Versicherungen oder des TÜV.

Trotz der Unfallhäufung in den ersten Märztagen sei die Unfallrate bei der Bahn seit 1993 rückläufig.1993 lag sie noch bei 0,020 Prozent pro einer Million gefahrener Kilometer.Bis 1998 ist sie auf 0,012 Prozent gesunken.Gab es 1991 inklusive auch der kleinsten Zwischenfälle 6984 Unfälle, so waren es im vergangenen Jahr 4320."Das belegt, daß wir mit unseren Anstrengungen bei der Modernisierung der Technik und in der Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter die richtige Richtung eingeschlagen haben", meinte Ludewig.Er räumte jedoch ein, daß sich bei den Fahrgästen in jüngster Zeit emotional der Eindruck ergeben habe, daß sich Gefahrensituationen häufen.

Noch in diesem Jahr will die Bahn erstmals einen umfassenden Sicherheitsbericht vorlegen.Konkrete Vereinbarungen dazu traf Ludewig mit den Gewerkschaftsvorsitzenden nicht.In weiteren Gesprächen soll nun erörtert werden, ob in manchen Bereichen eine Personaluntergrenze erreicht ist.

Norbert Hansen, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands erneuerte nach dem Gespräch die Kritik am Bahnvorstand.Er forderte eine "Rationalisierungsdenkpause".Der Personalabbau müsse so lange gestoppt werden, bis tragfähige Konzepte erarbeitet worden seien, mit denen die Zuverlässigkeit der Bahn wieder gewährleistet sei.Vor allem die Lokführer sind derzeit offenbar mit der Situation bei den einzelnen Bahn-Unternehmen unzufrieden.Der Chef der Lokomotivführergewerkschaft, Manfred Schell, betonte allerdings, "daß es keinen Kausalzusammenhang zwischen der Überlastung der Lokführer und der Unfallserie gibt." Allerdings wies er darauf hin, daß sich die derzeit rund 28 500 Lokführer unter einem enormen psychologischen Druck sähen.Durch die Aufspaltung der Bahn in fünf selbständige Unternehmen im September vergangenen Jahres seien sie auseinandergerissen worden."Die Stimmung der Lokomotivführer ist moralisch auf dem Tiefpunkt."

Auch Bahn-Chef Ludewig räumte ein, daß die Situation für die rund 250 000 Eisenbahner angesichts des Wandels im Unternehmen nicht einfach sei.Nach Ansicht von Ludewig zahlen die Bahner jetzt den Preis für die jahrzehntelange Vernachlässigung durch die Politik.Bis zum Jahr 2002 - dann laufen die öffentlichen Zuschüsse aus - müsse die Bahn auf eigenen Füßen stehen und voll wettbewerbsfähig sein."Damit müssen wir in wenigen Jahren das realisieren, wofür andere Jahrzehnte gehabt haben", sagte der Bahn-Chef.



"Zu vage, zu langsam"

Enttäscht reagierten die Gewerkschaften auf die Ergebnisse des Spitzengespräches.Margarita Chiari sprach mit dem designierten Vorsitzenden der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED), Norbert Hansen.



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