Wirtschaft : Bahngewerkschaften auf Konfliktkurs

Die EVG lässt den Grundlagenvertrag mit der GDL auslaufen / Streiks möglich

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Stillstand. Beim letzten Tarifstreit ging auf der Bahnschiene lange nichts. Foto: dapd
Stillstand. Beim letzten Tarifstreit ging auf der Bahnschiene lange nichts. Foto: dapdFoto: dapd

Berlin - Bei der Bahn kündigt sich schon wieder Zoff an. Die Eisenbahngewerkschaft EVG will den mit der Lokführergewerkschaft GDL geschlossen Grundlagenvertrag, der die Zusammenarbeit der Gewerkschaften regelt, auslaufen lassen. „Wir haben 2008 den Grundlagenvertrag abgeschlossen, um einen Konflikt zu befrieden“, sagte EVG-Vorstandsmitglied Reiner Bieck dem Tagesspiegel. „Inzwischen wissen wir, dass die Kooperation nicht funktioniert, denn eine ganz bestimmt Gruppe, nämlich einige Lokführer in der GDL, profilieren sich auf Kosten der Masse, also der übrigen Bahnbeschäftigten.“ GDL-Chef Claus Weselsky reagierte gelassen: „Der Arbeitgeber entscheidet, mit wem er einen Tarifvertrag abschließt“ – der Ball liege also im Feld des Bahnvorstands.

Nach der sehr langwierigen Tarifauseinandersetzung 2007/08, in der sich die GDL erstmals einen Tarifvertrag erkämpfte, hatten die geradezu verfeindeten Gewerkschaften auf Betreiben der Bahnspitze einen Vertrag geschlossen, der dem Unternehmen einigermaßen friedliche Zustände bringen sollte. Im Kern ist geregelt, dass die EVG, die mit ihren 232 000 Mitgliedern alle möglichen Beschäftigtengruppen bei der Bahn umfasst, nur für diese Leute Tarife abschließt und die GDL nur für die Lokführer. Wenn dieser Vertrag gekündigt wird – das geht indes frühestens zum Juni 2014 –, könnten die Gewerkschaften versuchen, sich wechselseitig Mitglieder abzuwerben. Auch durch teure Tarifabschlüsse, woran die Bahn natürlich kein Interesse hat. „Wenn der Grundlagenvertrag ausläuft, gibt es das freie Spiel der Kräfte. Dann ist allerdings auch eine Situation wie 2007 möglich“, sagt EVG-Vorstand Bieck. Über viele Monate hatte damals die Tarifauseinandersetzung den Bahnverkehr in Deutschland beeinträchtigt.

Seit dem damaligen Konflikt verbindet die beiden Bahngewerkschaften eine herzliche Feindschaft. Im zurückliegenden Frühjahr schloss die EVG einen Branchentarif ab, die GDL verhandelte monatelang für einen eigenen Tarif und steht bei manchem privaten Bahnunternehmen noch immer im Tarifkonflikt. „Wir tarifieren jetzt auch Unternehmen, die den Branchentarif unterzeichnet haben“, sagt GDL-Chef Weselsky dazu. Will sagen: Die GDL schließt einen besseren Tarif ab als die EVG und versucht, auf diesem Weg EVG-Mitglieder zu sich zu ziehen.

„Wir wollen mit der GDL kooperieren, aber das ist nicht möglich, wie man auch in diesem Frühjahr, als es um einen Branchentarifvertrag ging, gesehen hat“, sagt Klein dazu. Die Lokführergewerkschaft beharre auf ihrem Alleinvertretungsanspruch. „Wenn ab 2014 jede Gewerkschaft für alle Beschäftigten der Bahn verhandelt, dann kann es krachen. Aber wir wollen auf keinen Fall, dass sich die Tarifabschlüsse hochschaukeln. Wir wollen vermeiden, dass es Opfer des Wettbewerbs gibt“, sagte Klein dem Tagesspiegel. Die EVG habe fast sechsmal so viele Mitglieder wie die GdL und „aufgrund der Vielfalt der Mitgliederstruktur eine größere Verantwortung als die GdL“, meinte Klein. Weselsky wiederum erklärt sich das Vorgehen der EVG mit deren Unzufriedenheit über den eigenen Branchentarifvertrag: „Die Kollegen sind in einer äußerst misslichen Lage“, spottet der GDL-Chef über die EVG, „denn der Branchentarif geht den Bach runter.“

Das sieht die EVG ganz anders. Beiden Seiten gemeinsam ist die Konfliktbereitschaft – und das ist schlecht für die Bahn und ihre Kunden. Alfons Frese

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