Wirtschaft : Bahnindustrie beklagt Investitionsstau

Auftragshoch bei Fahrzeug-Bestellungen – Kritik an geringen Ausgaben für die Infrastruktur

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Berlin - Die Bahnindustrie in Deutschland fährt gegen den Trend. Während andere Branchen bereits einen Abschwung spüren, haben die Bahnbauer gefüllte Auftragsbücher. Dass das Auftragshoch im ersten Halbjahr 2011 gleich um 75 Prozent auf 8,4 Milliarden Euro stieg, verdanke man allerdings vornehmlich dem Großauftrag der Bahn AG an Siemens und Bombardier für den Bau neuer Fernzüge, sagte der Präsident des Verbandes der Bahnindustrie in Deutschland, Klaus Baur, am Freitag in Berlin bei der Vorstellung der Halbjahresbilanz. Allein der Auftrag für 130 neue Züge, ICx genannt, hat einen Wert von 3,7 Milliarden Euro.

Im Auslandsgeschäft ging der Bestelleingang allerdings von 2,9 Milliarden Euro auf nur noch zwei Milliarden Euro zurück. Dies seien übliche saisonale Schwankungen, sagte Baur. Einen Zusammenhang mit dem Fahrzeugdilemma in Deutschland sieht er nicht. Dabei hat sich die Misere um die S-Bahn in Berlin mit den unzähligen Fahrzeugmängeln weltweit ebenso herumgesprochen wie das Problem mit den neuen „Talent“-Triebwagen für den Nahverkehr, von denen mehr als 100 seit gut zwei Jahren im Berliner Raum auf Abstellgleisen stehen, weil sie immer noch nicht die komplette Zulassung vom Eisenbahn-Bundesamt erhalten haben. Die Berliner S-Bahnen und die „Talent“-Züge sind vom Bombardier-Konzern gebaut worden, dessen Deutschland-Chef Klaus Baur ist.

Das Zulassungsverfahren für neue Züge soll sich durch das Handbuch „Eisenbahnfahrzeuge“ vereinfachen, das die Bahn, die Behörden und die Industrie gemeinsam im Mai erstellt haben. Doch die Vorgaben seien immer noch nicht in Verordnungen umgesetzt worden, kritisierte Baur. Nur dann gebe es aber für die Industrie die nötige Planungssicherheit.

Während die Branche mit dem Auftragspolster bei den Fahrzeugen zufrieden ist, hält sie die Investitionen für die Infrastruktur weiter für nicht ausreichend. Hier seien die Aufträge zwar geringfügig auf 1,2 Milliarden Euro gestiegen, aber allein bei den Stellwerken liege man in Deutschland schätzungsweise 50 Prozent unter dem Bedarf, sagte Baur.

Auf heftige Kritik des Verbandes stößt dabei die Absicht des Bundesverkehrsministeriums, europäische Korridorstrecken, die durch Deutschland führen, nicht mit dem einheitlichen europäischen Signalsystem ETCS auszustatten, obwohl dies die EU bis 2015 verlangt. Die Überlegung, stattdessen in Lokomotiven ein Gerät zu installieren, das auch das deutsche Signalsystem erkennt, lehnt der Verband ab. Der Einbau in in- und ausländische Lokomotiven würde mindestens 200 Millionen Euro kosten, die ETCS-Technik auf der Strecke Emmerich-Basel sei dagegen mit 294 Millionen Euro veranschlagt, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Ronald Pörner. Klaus Kurpjuweit

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