Bahntickets : Frühstück vor der Lidl-Filiale

Nach 14 Minuten durfte man bei Lidl wieder Gemüse kaufen. Denn knapp eine Viertelstunde nach Kassenstart waren die Billig-Tickets der Deutschen Bahn am Donnerstagmorgen schon weg.

Stuttgart (19.05.2005, 12:11 Uhr) - «Wir haben mit viel gerechnet, aber damit nicht», ruft der Verkäufer in einer Stuttgarter Filiale und rennt ins Lager, um seinen Chef um Nachschub zu bitten. Rund 200 Tickets gab es für Hunderte von Kunden im Laden. Zu wenig für die meisten, die im Morgengrauen aufgestanden waren, um eines der Fahrkartenheftchen für zwei beliebig lange Fahrten innerhalb Deutschlands zum Preis von 49,90 Euro zu ergattern.

Schon um 7.00 Uhr positioniert sich Marianne Petzold als erste vor der Tür. Kritisch beäugt sie die Menschen, die Richtung Lidl laufen. Viele packen ihre Brotzeitdosen aus und kauen müde ihr Frühstück. Petzold ist um 6.00 Uhr aufgestanden, um sich drei Tickets zu kaufen - an die Ostsee will die Stuttgarterin. «Das habe ich so geplant, als ich das Angebot gelesen hatte.» Lidl-Schlangen schrecken sie nicht: «Als es Billig-Staubsauger gab, war auch so viel los.»

Die Erfahrung haben Lisa und Katharina Grözinger nicht. Mit verquollenen Augen rauchen die Mädchen eine Morgenkippe und nippen an einem Pappbecher Kaffee. «Wir machen zum ersten Mal so eine Aktion», erzählt Lisa. «Das ist die erste gute Idee, die die Bahn hatte», meint ihre Schwester. «Wir haben extra überlegt, welchen Lidl wir von den drei Läden in der Nachbarschaft nehmen. So billig kommen wir sonst nie nach Berlin.»

Es ist ein fröhlicher, bunter Haufen, der sich vor dem Discounter versammelt: Studenten, Männer mit Anzug und ältere Damen mit Einkaufskorb plaudern und lachen. Ein Jugendlicher knipst mit der Digitalkamera Fotos von der immer länger werdenden Schlange. Erst kurz bevor die Filiale um 8.00 Uhr öffnet, beginnen die ersten zu drängeln. An der Tür hat sich ein junger Kunde mit finsterem Gesichtsausdruck aufgebaut. Als sich die Türen aufschieben, stürmt er hinein, ein Pulk johlender Menschen hinterher.

Von allen Seiten strömt die Masse zu den Kassen. Die meisten Kunden kaufen gleich fünf Tickets - so viel ist höchstens erlaubt. «Jetzt holt die Bahn die Leute endlich von der Straße», meint eine Frau zufrieden mit ihren Karten wedelnd. Hinter ihr werfen die Leute bange Blicke auf die kleine Papierschachtel, in der ein Häuflein Tickets liegt. Nach wenigen Minuten ist alles vorbei. Den Enttäuschten bleibt nur übrig, sich mit ihren Telefonnummern in eine der ausgelegten Warteliste einzutragen. Daran, dass sie angerufen werden, wenn Nachschub kommt, glauben die meisten allerdings nicht. (Von Annette Reuther, dpa)

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