Wirtschaft : Bahnunternehmen: Keine Trauer um Railtrack

Aus dem Wall Street Journal.

Es war keine gute Woche für die privatisierten Unternehmen. Zuerst musste die Schweizer Fluggesellschaft Swissair ihre Pleite eingestehen. Zwei Tage später beantragte die belgische Luftfahrtgesellschaft Sabena vor Gericht Gläubigerschutz. Und dann teilte die britische Regierung mit, dass der nationale Schienennetzbetreiber Railtrack, vor sieben Jahren aus der Privatisierung der staatlichen British Rail hervorgegangen, wieder verstaatlicht werden soll. Diese Nachrichten kommen zu einer Zeit, da die Verluste permanent steigen, die Sorge um die Sicherheit wächst und staatliche Beihilfen weiter fließen.

Manche werden jetzt ein eindeutiges Horrorszenario entwerfen, vor allem, weil das so schön einfach ist: Die Labour Party zeigt ihr wahres Gesicht, wird es heißen. Jetzt verstaatlicht sie die Eisenbahn wieder. Bald schon werden Post und Energieversorgung dran sein. Wir haben euch gleich gesagt, dass das Sozialisten sind, und so weiter. Die Wahrheit freilich ist komplexer. Die "Privatisierung" von British Rail war schließlich von Anfang an nur halbherzig.

Das hat schon der damalige Premierminister John Major 1993 eingeräumt, als er sein Vorhaben seinerzeit als eine "Semi-Privatisierung" bezeichnete. Der in der Folge gegründete Schienennetzbetreiber Railtrack war von Anfang an ein stark reguliertes Monopol. Derartige Monopole erweisen sich selten, wenn überhaupt, als bessere Alternative zu der Ineffizienz und der Verschwendungsfreudigkeit des Staates. Trotz Börsennotierung und einer Dividende war Railtrack immer nur das Produkt einer halbherzigen Privatisierung.

Die Eisenbahngesellschaft blieb auf staatliche Beihilfen angewiesen und jeder Schritt wurde durch die Aufsichtsbehörde überwacht. Obgleich Sicherheit und Effizienz durchaus verbessert werden konnten - was der Öffentlichkeit weitgehend verborgen blieb. Was die Öffentlichkeit aber sah waren nur die enormen Verspätungen und nervende Geschwindigkeitsbegrenzungen. Mittlerweile hat sich die britische Regierung bereit erklärt, die Aktionäre auszuzahlen und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young - zumindest vorläufig - die Geschäftsführung zu übertragen.

Das kann als Hinweis darauf verstanden werden, dass die Regierung eher dazu tendiert, ein anderes Unternehmen an die Stelle von Railtrack treten zu lassen. Die Meinung, dass Bürokraten das Schienennetz besser betreiben könnten als ein privates Unternehmen, scheint jedenfalls nicht weit verbreitet zu sein. Zumindest hoffen wir das. Es besteht also die Hoffnung, dass der Rückkauf von Railtrack immerhin die Möglichkeit einer rationaleren und konsequenteren Umstrukturierung bietet. Denn klar ist: Die vor acht Jahren erfolgte Privatisierung war weniger vom Glauben an die Effizienz des Marktes getragen, sondern mehr von politischen Motiven.

Welche Pläne Premierminister Tony Blair mit der britischen Eisenbahn nun hat, muss sich noch herausstellen. Wenn er, was zu vermuten ist, Railtrack zurückkaufen will, um es im zweiten Anlauf besser zu machen, verdient er Applaus. Wenn er das Unternehmen aber unter staatliche Obhut nimmt, um, wie einige Hinterbänkler zweifellos hoffen, die Zeit in Großbritannien wieder zurück zu drehen, wird er bald feststellen, dass seiner Regierung die Geschäftsführung von Railtrack nicht leichter fallen wird als den früheren Betreibern.

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