Wirtschaft : Balanceakt

Die Aussichten für Deutschlands Wirtschaft sind durchwachsen – es sei denn, die Krise eskaliert.

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Geht das gut? Bekommt die Politik die Schuldenkrise in den Griff, könnte es ab Sommer besser werden. Wenn nicht, droht der Absturz. Foto: Mauritius
Geht das gut? Bekommt die Politik die Schuldenkrise in den Griff, könnte es ab Sommer besser werden. Wenn nicht, droht der...Foto: mauritius images

2012 wird schwarz. Oder weiß. Dazwischen dürfte es kaum etwas geben. „Mit Grautönen ist nicht zu rechnen“, sagt Roland Döhrn, Konjunkturchef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung. „Entweder entwickelt sich die Wirtschaft in etwa so, wie wir es vorhersagen“, befindet er, „oder es gibt den großen Knall – was dann passiert, lässt sich seriös ohnehin nicht prognostizieren.“

Das ist das Dilemma, vor dem die Ökonomen zu Beginn des neuen Jahres stehen. Ob ihre Vorhersagen für das deutsche Bruttoinlandsprodukt von etwa einem halben Prozent Wachstum zutreffen, hängt vom Fortgang der Euro-Schuldenkrise ab. Schaffen es die Politiker, die angeschlagenen Länder zu stabilisieren und ihre Idee von der Fiskalunion umzusetzen, gibt es eine Chance, dass die Krise in sich zusammenfällt. Wächst indessen das Misstrauen weiter, könnte es für Italien oder Spanien eng werden – oder für eine ihrer Banken – mit bösen Folgen nicht nur für Europas Wirtschaft. „Selten war der Ausblick auf ein neues Jahr so zwiespältig wie heute“, urteilt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank.

Kurz vor Weihnachten senkten viele Ökonomen ihre Prognosen für 2012. Die Pessimisten, etwa das gewerkschaftsnahe IMK, gehen von einer Minirezession mit einem Minus von 0,1 Prozent aus. Die Optimisten, etwa die Bank Unicredit, rechnen mit höchstens 1,2 Prozent Wachstum. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, das noch an seiner Prognose feilt, wird im Januar dazwischenliegen. Nach zwei Jahren mit enormen Plusraten von drei Prozent und mehr geht das Wirtschaftswunder zu Ende. Allerdings liegen die Vorhersagen auffällig nahe beieinander – in früheren Jahren lag die Differenz eher bei zwei oder mehr Prozentpunkten als bei einem wie heute. Läuft die Konjunktur anders als gedacht, liegen die Forscher kollektiv falsch – wieder einmal.

Dass die Antriebskräfte nicht aus dem Ausland kommen werden, liegt auf der Hand. Die Nachfrage der wichtigsten Handelspartner geht zurück, das bremst vor allem die so wichtige Industrie. Das Wachstum muss aus dem Inland kommen. Dafür stehen die Chancen nicht schlecht, nicht nur wegen des robusten Arbeitsmarktes. Allerdings könnte die Wirtschaftsleistung zu Jahresbeginn trotzdem schrumpfen. Dann aber geht es wieder los, erwartet Berenberg-Mann Schmieding. „Bis Ostern 2012 gelingt es Europa, die Euro-Krise einzugrenzen. Dann kann Deutschland ab dem Frühsommer an die Hochkonjunktur anknüpfen, die es bis Juli 2011 genießen konnte“, ist er sich sicher.

Nicht alle teilen diese Zuversicht. „Eine Krise, die sich im Lauf von 40 Jahren aufgrund eines dauerhaften Deficit Spending in den Industrieländern aufgebaut hat, wird nicht in kurzer Zeit zu lösen sein“, hält Carsten Klude, Chefvolkswirt der Bank M. M. Warburg dagegen.

Die deutsche Hauptstadt kann dem neuen Jahr gelassen entgegensehen. „Die Berliner Wirtschaft ist noch in einer hervorragenden Verfassung“, sagt Hartmut Mertens, Chefökonom der Investitionsbank Berlin. 2012 dürfte die Stadt den Rest der Republik wieder abhängen, wie schon 2009. Mertens kalkuliert für Berlin mit 1,5 Prozent, das wäre ein Punkt mehr als im übrigen Land. Grund: Die Exportfirmen, die unter dem schwachen Welthandel leiden, spielen an der Spree keine große Rolle. Es dominieren Handel oder Dienstleistungen und der Tourismus. Das macht die Wirtschaft widerstandsfähiger. „Reisen unternehmen die Leute auch in schwierigen Zeiten, Berlin gilt zudem noch als preiswertes Ziel“, sagt Mertens. Die Zahl der Übernachtungen werde von gut 20 auf 22 Millionen steigen. Das heißt längst nicht, dass die Stadt vor einem Jobwunder steht. Für neue Stellen dürfte das Plus zu gering ausfallen, sich an der Arbeitslosenzahl kaum etwas ändern, vermutet Mertens. In der Stadt bleibt es mithin in jedem Fall grau – auch wenn es andernorts schwarz oder weiß wird.

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