Wirtschaft : "Bald gehen die ersten Versicherer in die Knie"

Knut Hohlfeld, scheidender Chef des Bundesaufsichtsamtes für das Versicherungswesen, schreitet gegen die Auswüchse in der Auto-Versicherung ein

Nach acht Jahren an der Spitze verläßt der Präsident des Bundesaufsichtsamts für das Versicherungswesen, Knut Hohlfeld, zum Jahresende die Behörde.Im Gespräch mit Heike Jahberg zieht der oberste Versicherungsaufseher ein Resümee seiner Arbeit und denkt laut über die Konsequenzen des Fusionsfiebers, den mißbräuchlichen Einsatz von Lebensversicherungen und das Tarifwirrwarr in der Autoversicherung nach. TAGESSPIEGEL: Herr Hohlfeld, die deutsche Wiedervereinigung und die Liberalisierung des europäischen Versicherungsmarktes sind in Ihre Amtszeit gefallen, der Euro steht bevor.Nun nehmen Sie sozusagen "mitten drin" Ihren Hut.Gehen Sie wenigstens mit einem weinenden Auge? HOHLFELD: Ja, Berlin zu verlassen und eine so interessante Aufgabe zu beenden, fällt mir natürlich nicht leicht, aber ich tue es ja freiwillig.Es reizt mich, eine neue Herausforderung anzunehmen.Nach acht Jahren Versicherungsaufsicht auf nationaler Ebene kann ich nun meine Erfahrungen auf internationaler Ebene einbringen. TAGESSPIEGEL: International arbeitet auch die Versicherungsbranche.Grenzüberschreitende Megafusionen sind heute an der Tagesordnung.Die Versicherungsriesen werden immer riesiger.Kann die Versicherungsaufsicht da eigentlich noch mithalten? HOHLFELD: Wir haben zum einen Zusammenschlüsse auf nationaler Ebene wie Ergo und Parion.Auf der anderen Seite haben wir internationale Fusionen wie das Angebot der Allianz an die AGF-Aktionäre, AGF zu übernehmen.Hinter den Zusammenschlüssen steht der Druck, international mithalten zu müssen.Das gilt ganz besonders in Europa.Die Deregulierung hat es ja mit sich gebracht, daß die Zulassung eines Versicherers in einem der 18 Staaten des Europäischen Wirtschaftsraums reicht, um überall im EWR seine Produkte anzubieten. TAGESSPIEGEL: Also liegt es an der Liberalisierung des Versicherungsmarktes, daß die Großen immer größer werden? HOHLFELD: Ja.Und das gilt sowohl national als auch international.Das heißt nicht, daß die Kleinen nicht mithalten können.Spezial- und Regionalversicherer haben auch weiterhin gute Chancen.Aber wer alle Sparten abdecken will und ganz Deutschland dazu, wer vielleicht sogar über die Grenzen hinaus tätig werden will, der braucht schon eine gewisse Größe.Für die wettwerbsrechtlichen Probleme, die sich daraus ergeben, sind nicht wir zuständig, sondern die Kartellbehörden.Uns stellt sich nur die Frage, ob die neuen Eigentümer für die Führung eines Versicherungsunternehmens ausreichend qualifiziert sind, und das kann ich für alle Unternehmen, die unserer Aufsicht unterstehen, bejahen. TAGESSPIEGEL: Wenn sich Versicherungsriesen zusammenschließen, kommen auch große Anlagevermögen zusammen.Lösen sich nicht peu à peu die Grenzen zwischen Banken und Versicherungen auf? Und bräuchte man nicht eine Super-Aufsichtsbehörde, die alle Finanzbereiche erfaßt, statt die Banken wie bisher dem Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen zu unterstellen und die Versicherungen Ihnen? HOHLFELD: Soweit sind wir noch lange nicht.Die Geschäfte sind noch viel zu unterschiedlich.Das gilt auch für die Ziele der Aufsicht.Die Bankenaufsicht muß Sorge tragen, daß der Bankenmarkt insgesamt funktioniert.Es ist nicht Aufgabe der Aufsicht, jedes einzelne Institut vor dem Konkurs zu schützen.Dagegen müssen wir darauf achten, daß die Versicherungsverträge auf Dauer erfüllbar bleiben.Das heißt: Wir müssen Konkurse vermeiden.Wenn ein Versicherungsunternehmen pleite geht, sind die Versicherten die Leidtragenden.Was soll denn ein 59jähriger machen, der privat krankenversichert ist? Der findet doch keine neue Gesellschaft mehr, die ihn zu bezahlbaren Bedingungen versichert. TAGESSPIEGEL: Aber müssen die Aufsichtsbehörden nicht wenigstens zusammenarbeiten, um die Finanzkonglomerate zu überwachen? HOHLFELD: Ja, und das geschieht auch.Aber eine Zusammenführung der Aufsichtsämter ist dazu nicht nötig.Richtig ist aber: Wagen sich Versicherungen zu sehr in das Bankgeschäft vor, kann das problematisch werden.Das gilt auch, wenn Versicherungen zu Finanzierungsgeschäften mißbraucht werden.Wenn man etwa die Steuervorteile von Lebensversicherungen ausnutzt, um an einen billigen Kredit zu kommen. TAGESSPIEGEL: Stichwort Optima: Wenn Firmen Lebensversicherungen abschließen, irgendeinen Mitarbeiter in der Police einsetzen und dann mit der Versicherung ein Bankdarlehen absichern ... HOHLFELD: Wenn man das macht, braucht man sich nicht zu wundern, wenn das Steuerprivileg in Frage gestellt wird.Wo wir derartiges Verhalten feststellten, haben wir den Unternehmen ausdrücklich untersagt, solche Geschäfte zu betreiben.Ich glaube, daß heute keiner mehr so etwas macht.Dabei halte ich es grundsätzlich für richtig, daß man die private Vorsorge begünstigt.Denken Sie doch nur an die Probleme der gesetzlichen Altersrente! Aber wenn Firmen Lebensversicherungen als Kreditabsicherung benutzen und der Tod des Versicherten quasi als Betriebsunfall eingestuft und dann einfach ein neuer Mitarbeiter in der Police eingesetzt wird, dann ist das Mißbrauch. TAGESSPIEGEL: Lebensversicherungen sind ja nicht der einzige problematische Bereich.In der Autohaftpflichtversicherung hat sich seit der Deregulierung ein Tarifwirrwarr entwickelt, das heute kaum noch jemand durchschaut ... HOHLFELD: Die Autoversicherung ist die Einstiegsbranche.Die Versicherer hoffen, daß sie den Kunden dann nach und nach noch andere Produkte verkaufen können, etwa eine Unfallversicherung oder eine Lebensversicherung.Deshalb sind die Unternehmen alle an der Kraftfahrt-Versicherung interessiert und deshalb auch der starke Wettbewerb.Der hat in den letzten Monaten sehr bedenkliche Ausmaße angenommen.Da kriegt plötzlich einer einen Rabatt in der Kfz-Versicherung, wenn er zugleich eine Tierkrankenversicherung abschließt oder einen Bausparvertrag im Konzern unterschreibt. TAGESSPIEGEL: Ist das denn überhaupt zulässig? HOHLFELD: Mir macht das Sorge.In diesem Jahr wird es wegen der vielen Rabatte zum ersten Mal einen Verlust in der Kraftfahrtversicherung geben.Die Verluste in der Haftpflichtsparte sind so hoch, daß sie nicht mehr von der Kaskoversicherung und den Kapitalanlage-Erträgen aufgefüllt werden können.Wenn das so weitergeht, gehen bald die ersten Versicherer in die Knie.Ich muß eingreifen, wenn das Unternehmen finanziell gefährdet wird, wenn etwa die Schadenrückstellungen unzulässigerweise gemindert werden. TAGESSPIEGEL: Aber was ist mit der Koppelung von Auto- und Tierversicherung? HOHLFELD: Das könnte eine Verletzung des Begünstigungsverbots sein.Einige Firmen gewähren heute sogar schon Konkurrenz-Rabatte.Da werden Kunden von einer Versicherung abgeworben, indem sie allein für das Wechseln einen Rabatt von 10 oder 20 Prozent bekommen, ohne daß der Einzelfall vorher geprüft wird.Das sind Auswüchse, die uns zum Einschreiten zwingen.Die Großen können sich so etwas leisten, aber die kleinen Versicherer müssen ja mithalten.Und wenn die dann versuchen, die Großen zu unterbieten, gefährden sie ihre Solvabilität.Daher müßten wir den Kleinen frühzeitig verbieten, solche Dumping-Prämien zu nehmen. TAGESSPIEGEL: Die Großen betreiben so aber Kannibalismus! HOHLFELD: Ja, das wäre zu befürchten.Ich halte aber Konkurrenz-Rabatte generell für unzulässig - wegen der damit verbundenen Begünstigung.Wenn ich Neukunden mit einem solchen Rabatt anlocke, begünstige ich sie damit im Verhältnis zu den Altkunden.Mit diesem Argument wollen wir jetzt gegen solche Praktiken angehen.Es gibt aber noch einen zweiten Weg: Wenn ein Versicherer einfach das Angebot der Konkurrenz pauschal unterschreitet, ohne eine seriöse Kalkulation anzustellen, sage ich: Offenbar ist der Vorstand dieses Unternehmens nicht ausreichend qualifiziert, ein Versicherungsunternehmen zu leiten.Der Vorstand muß seine Prämie vernünftig kalkulieren.Es gehört zu meinen Aufgaben, in solchen Fällen einzugreifen. TAGESSPIEGEL: Können Sie schon Namen nennen? HOHLFELD: Nein, dafür ist es jetzt zu früh.

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