Bankberatung : Vom Saulus zum Paulus

Früher haben die Banken ihren Kunden Lehman-Zertifikate angedreht, jetzt helfen sie ihnen im Insolvenzverfahren in den USA.

Heike Jahberg
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Proteste: Immer wieder gehen Lehman-Anleger auf die Straße, um gegen die Banken zu demonstrieren. Foto: dpa/padpa

Berlin – Opfer sehen anders aus. Paul Pinneberg (Name geändert) ist Journalist. Er hat einige Jahre im Ausland gelebt. Er ist intelligent, selbstbewusst und hat gelernt, die richtigen Fragen zu stellen. Doch das alles hat ihn nicht davor bewahrt, Geld zu verlieren.

Vor vier Jahren kauften Pinneberg und seine Frau auf Empfehlung der Citibank – heute Crédit Mutuel – Lehman-Papiere. Als „sichere“ Anlage seien ihnen diese angeboten worden, betont Pinneberg, die Bank hätte ihn und seine Frau als „konservative Anleger“ eingestuft. Doch seit dem Zusammenbruch der Lehman-Bank vor einem Jahr sind die vermeintlich sicheren Zertifikate praktisch wertlos. Und weil Pinneberg bei der Bank nicht als schützenswertes Opfer gilt, hat er – anders als andere – auch keine Entschädigung auf dem Kulanzweg erhalten. Seine letzte Hoffnung liegt jetzt in den USA: Dort können Lehman-Geschädigte noch bis zum 2. November ihre Forderungen im Insolvenzverfahren anmelden, um wenigstens einen Teil ihres Geldes zurückzubekommen.

Wie viel das sein wird, weiß niemand. Weder ist bekannt, wie groß die zu verteilende Insolvenzmasse ist, noch kann man sagen, wie viele Forderungen bereits angemeldet sind. Klar ist aber, dass einiges zusammenkommen dürfte. Nach Informationen des Handelsblatts haben allein die deutschen Banken, der Bankenverband und die Bundesbank Ansprüche in Höhe von 34 Milliarden Euro angemeldet. Hinzu kommen noch einmal rund 50 000 Kleinanleger, die ihr Erspartes in Lehman-Zertifikate gesteckt haben. Allein in Deutschland.

Dennoch sollten sich die Anleger nicht entmutigen lassen, raten Experten. „Der Markt spekuliert auf eine Entschädigung von bis zu 16 Prozent“, berichtet Marco Cabras, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Der Frankfurter Anwalt Matthias Schröder, der zahlreiche Lehman-Geschädigte vor Gericht vertritt, ist vorsichtiger: „Die Insolvenzquote kann auch bei zwei Prozent liegen oder darunter.“ Allerdings entstehen den Anlegern im Gegenzug auch kaum Kosten – so lange sie das Formular selber ausfüllen: Das Verfahren selbst ist gebührenfrei, nur das Porto für den Brief in die USA muss man zahlen. Anders sieht die Sache aus, wenn man zur Bank geht. 120 Euro und mehr würden einige Häuser für den Ausfüllservice verlangen, sagt Schröder. Andere lassen die Kunden einfach abblitzen. Das hat das Berliner Rentnerehepaar Gudrun und Herbert Hübner erlebt. Als sie die Postbank baten, ihnen beim Ausfüllen der Formulare zu helfen, stießen sie beim Berater auf taube Ohren. „Verkaufen konnten sie uns den Mist“, schimpft Gudrun Hübner, „aber Hilfe ist nicht drin.“ 10 000 Euro haben die Hübners auf Empfehlung des Postbank-Finanzberaters in Lehman-Zertifikate angelegt. Mit dem Geld wollten sie eigentlich ihre Kinder unterstützen, jetzt ist es weg.

Bei der Postbank verweist man darauf, dass Lehman-Zertifikate ausschließlich von den 4000 mobilen Mitarbeitern der Postbank Finanzberatung verkauft worden seien, die die Kunden zu Hause besuchen. In den Filialen habe man die Papiere nicht angeboten. „Daher können unsere Filialmitarbeiter bei diesem Thema leider nicht helfen“, sagt Postbank-Sprecher Ralf Palm. Betroffene müssten sich entweder an den mobilen Berater wenden oder an eine spezielle Hotline (0180-3040700). Gudrun Hübner hat sich das Formular jetzt selbst beschafft (www.dsw-info.de und www.vz-berlin.de). Über eine Stunde hat sie über dem Vordruck gebrütet, alle Angaben hat sie erst einmal mit Bleistift gemacht – „sicherheitshalber“, wie sie sagt.

Deutlich kulanter sind dagegen die Institute, die einst zu den Hauptverkäufern der Lehman-Zertifikate gehörten. „Die haben ein schlechtes Gewissen“, vermutet Marco Cabras von der DSW. Die Citibank, die Dresdner Bank, die Frankfurter und die Hamburger Sparkasse (Haspa) bieten ihren Lehman-geschädigten Kunden an, deren Forderungen in den USA anzumelden – kostenlos. „Das ist ein Service unsererseits“, sagt Citibank-Sprecher Ingo Stader. Kunden, die das nicht wollen, müssen widersprechen. Doch das macht kaum jemand. „Widerspruch kommt nur von einem Prozent“, berichtet Stader. Bei den anderen Häusern ist das ähnlich. Die Frankfurter Sparkasse bezahlt sogar eine internationale Anwaltskanzlei: White & Case vertritt die Sparkassenkunden in den USA.

Verbraucherschützer empfehlen, das Angebot der Banken anzunehmen. „Wir können nur zuraten“, sagt Peter Lischke von der Verbraucherzentrale Berlin. „Ich sehe keine Probleme“. Die hat eher derjenige, der versucht, das Verfahren auf eigene Faust durchzuziehen. Das Formular ist in Englisch, zudem muss man sich vorher bei der Bank eine sogenannte „Blocking Number“ besorgen, die verhindert, dass man das Papier weiterverkauft.

Mit ihrer Begleitung im Insolvenzverfahren versuchen die Banken, Boden gutzumachen. Einige Kunden sind zudem aus Kulanz – zumindest teilweise – entschädigt worden. Über 1000 waren es bei der Haspa, 570 sollen es bei der Frankfurter Sparkasse sein, knapp 2000 sind es bei der Citibank. Paul Pinneberg ist nicht dabei.

Lehman-Anleger, die gegen ihre Bank klagen wollen, müssen aufpassen. Tausende Ansprüche drohen zu verjähren, sagt Anwalt Matthias Schröder. Die Ansprüche auf Schadensersatz wegen Falschberatung verjähren drei Jahre nach Kauf der Zertifikate. Für viele Papiere läuft die Frist bald ab: Mitte Januar 2010 bei Sparkassenkunden, Anfang Februar bei der Dresdner Bank, im März und April sind Citibank-Kunden betroffen. Dagegen helfen: Mahnbescheid oder Klage. hej

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