Banken : Axel Webers innere Emigration

Bundesbank-Chef Axel Weber galt lange als Meinungsführer bei der Europäischen Zentralbank. Das hat sich offenbar verändert.

Andreas Framke
Partner oder Gegner? Bundesbankpräsident Axel Weber (l.) kritisiert EZB-Präsident Jean-Claude Trichet.
Partner oder Gegner? Bundesbankpräsident Axel Weber (l.) kritisiert EZB-Präsident Jean-Claude Trichet.Foto: AFP

Frankfurt am Main - Die verbale Breitseite kam prompt: „Der Ankauf von Staatsanleihen birgt erhebliche stabilitätspolitische Risiken, und daher sehe ich diesen Teil des Beschlusses des EZB-Rats auch in dieser außerordentlichen Situation kritisch“, sagte Bundesbank-Präsident Axel Weber dem Reporter der „Börsen-Zeitung“ – nur Stunden nach der Entscheidung der Notenbanker am Wochenende in der schwersten Krise des Euro. Dabei hat die Europäische Zentralbank (EZB) ein Tabu gebrochen: Seit Montag kauft sie Staatsanleihen der Euro-Problemländer, finanziert damit indirekt deren Schulden und nimmt Inflationsgefahren billigend in Kauf – trotz gegenteiliger Beteuerungen. Für Bundesbank-Chef Weber, der sich als Inflationshardliner einen Namen gemacht hat, kommt das einem Alptraum gleich.

Weber hat in den vergangenen Wochen eine Wandlung vollzogen. Aus dem einstigen Meinungsführer im EZB-Rat ist der Oppositionsführer geworden. Was das für Webers Chancen auf die Nachfolge des eineinhalb Jahre vor dem Ende seiner Amtszeit immer blasser wirkenden Zentralbank-Präsidenten Jean-Claude Trichet bedeutet, gilt als offen. Ein Durchmarsch ohne Widerstände dürfte es freilich nicht werden. EZB-Analyst Michael Schubert von der Commerzbank hält Weber im Zweikampf um die Trichet-Nachfolge mit Mario Draghi, dem Chef der italienischen Notenbank, gerade jetzt für den einzigen auch in der Öffentlichkeit vermittelbaren Kandidaten: „Draghi als Vertreter eines ehemaligen Weichwährungslandes dürfte sich kaum durchsetzen lassen.“ Außerdem habe die Politik mit dem Portugiesen Vitor Constancio gerade erst einen Vertreter eines der Problemländer der Euro-Zone als Vize neben Trichet installiert. Nach Einschätzung von Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel hängt im Notenbanker-Personalkarussell viel davon ab, in welchem Zustand sich die Euro-Zone Anfang 2011 befindet, wenn über die Nachfolge Trichets entschieden wird: „Wenn sich die Lage bis dahin stabilisiert und die EZB als Feuerwehr wieder abrücken kann, dann könnten Leute wie Weber gefragt sein.“

Der Bundesbank-Chef gilt als einer der sogenannten Falken im EZB-Rat, also derjenigen Notenbanker, die sehr stark darauf achten, Inflationsgefahren schon im Keim zu ersticken. Falken erhöhen im Zweifelsfall lieber die Zinsen und nehmen damit eine Schwächung des Wirtschaftswachstums in Kauf. So geschehen im Juli 2008, zwei Monate vor der Pleite von Lehman Brothers. Damals erhöhte die EZB den Leitzins für die Euro-Zone aus Angst vor einer Inflation noch einmal um einen viertel Prozentpunkt auf 4,25 Prozent. Auch später, in der akuten Krisenbekämpfung, als alle Währungshüter im Rekordtempo die Zinsen senkten, bestand Weber auf einem Mindestzins von einem Prozent und setzte sich durch.

Seit jenen Tagen ist viel Zeit vergangen. Und Weber dürfte immer mehr Bauchschmerzen bekommen haben mit den Entscheidungen des EZB-Rats. Erst warfen die Notenbanker alle Bedenken über Bord und akzeptierten griechische Anleihen als Sicherheiten. Nur Tage später brachen dann alle Dämme. Die große Frage für viele Experten ist derzeit, ob die EZB auf Druck der Finanzmärkte oder auf Druck der Politik zur Finanzierung von Schuldenstaaten bereit war. „Wenn sie der Politik nachgegeben hat, dann spräche das gegen einen künftigen EZB-Präsidenten Axel Weber“, meint Commerzbanker Schubert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben