Wirtschaft : Banken fürchten den starken Staat

Mit der Zerschlagung der Großbank Dexia wächst die Sorge vor der Zwangsverstaatlichung

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Ruhe vor dem Sturm. Die deutschen Banken wären von einer Pleite Griechenlands nicht direkt betroffen – wohl aber von deren Auswirkungen. Foto: dpa
Ruhe vor dem Sturm. Die deutschen Banken wären von einer Pleite Griechenlands nicht direkt betroffen – wohl aber von deren...Foto: dpa

Berlin – Die Schuldenkrise fordert ihr erstes Opfer. Die belgisch-französische Großbank Dexia, die sich mit Krediten an Griechenland übernommen hat, soll verstaatlicht werden. Das beschloss der Verwaltungsrat am Montag. Zuvor hatten verängstigte Kunden reihenweise Geld bei der Bank abgehoben. Derweil wächst unter den deutschen Banken die Sorge, dass auch sie gezwungen werden könnten, staatliche Hilfen anzunehmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hatten nach ihrem Treffen am Sonntagabend in Berlin betont, man werde „das Nötige“ tun, um die Rekapitalisierung der Banken sicherzustellen.

Die Politiker haben Angst, dass die Kapitaldecke ihrer Banken im Fall einer Pleite Griechenlands reißen würde. Derzeit wird über einen Schuldenschnitt von 50 bis 60 Prozent diskutiert. Das heißt, die Gläubiger müssten mindestens auf die Hälfte ihres Geldes verzichten. Für die deutschen Banken wäre dies kein Problem, sagt Olaf Kayser, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg. Ernster sei die Lage bei den griechischen Instituten. Zwar hätten die deutschen Banken nach den französischen am zweitstärksten in griechische Anleihen investiert. So ist die Commerzbank nach Berechnungen von Bloomberg mit rund 2,2 Milliarden beteiligt (Stand Ende Juni), die Deutsche Bank mit 1,15 Milliarden Euro, die genossenschaftliche DZ Bank mit etwa 790 Millionen Euro, die Allianz mit rund 780 Millionen Euro und die Bad Bank der West LB mit 1,2 Milliarden Euro. Kayser zufolge könnten die Banken den Schuldenschnitt aber verkraften, zumal ein Großteil der Kredite ohnehin schon lange nicht mehr zum ursprünglichen Wert in den Büchern stehe.

Ganz anders sähe die Lage aus, wenn die Anleger auch das Vertrauen in Schuldenstaaten wie Italien oder Spanien verlieren sollten. Ginge eines der großen Länder pleite, könnten auch die deutschen Institute in Schwierigkeiten geraten, sagt Kayser. Mit einem Volumen von 177,9 Milliarden Dollar halten die deutschen Banken die meisten spanischen Anleihen. Ein weiteres Risiko ist der Markt für Kreditausfallversicherungen, kurz CDS. Sie werden im Fall einer Staatspleite ausgezahlt. Man kann sie nicht an der Börse kaufen, Banken und Hedge-Fonds handeln sie untereinander. Die Preise für CDS auf griechische Staatsanleihen sind in den letzten Jahren ständig angestiegen. Niemand weiß, wer im Fall eines Schuldenschnitts dafür aufkommen müsste.

Noch gefährlicher wäre ein solches Szenario für die spanischen Sparkassen, von denen einige bedrohlich wenig Eigenkapital besitzen. Sie haben zwar kaum griechische Anleihen im Depot, dafür jede Menge Staatspapiere des hochverschuldeten Nachbarn Portugal.

Das künftige EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen sprach sich deshalb am Montag für eine gleichzeitige Rekapitalisierung aller wichtigen europäischen Banken aus. Ein institutsspezifisches Vorgehen sei nicht sinnvoll, sagte der deutsche Finanzstaatssekretär und künftige EZB-Chefvolkswirt vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments in Brüssel. Zugleich müsse eine Lösung für die Banken Bestandteil eines Gesamtpakets sein. Isolierte Instrumente würden in der gegenwärtigen Situation nicht helfen. „Wir brauchen eine Paketlösung“, sagte er.

Vor allem die französischen Geldhäuser bestehen darauf, dass sie eine Rekapitalisierung nur mitmachen, wenn auch die Deutsche Bank dabei wäre. Sie fürchten Wettbewerbsnachteile. Als Vorbild dienen dabei die USA: Dort mussten während der Finanzkrise alle Großbanken staatliche Kapitalspritzen annehmen. Nach der Krise stieg der Staat in vielen Fällen sogar mit Gewinn wieder aus.

In der deutschen Bankenbranche gibt es dagegen Widerstand gegen eine staatlich aufgezwungene Rekapitalisierung. „Das käme einer Enteignung gleich“, sagte ein Spitzenbanker eines großen deutschen Geldhauses der Nachrichtenagentur Reuters. Solche Eingriffe in die Eigentumsrechte zögen mit Sicherheit rechtliche Schritte nach sich, warnte er. Anders als die französische Regierung will Deutschland den Banken allerdings die Möglichkeit geben, sich die Gelder zunächst selbst am Kapitalmarkt zu beschaffen, bevor der Staat einspringt.

Die Anleger reagierten am Montag mit Gelassenheit auf die Diskussion um einen mögliche Pleite Griechenlands. Stärker als die Angst vor einem Schuldenschnitt wiegt offenbar die Hoffnung auf eine baldige Lösung der Schuldenkrise. Der Dax gewann über drei Prozent, auch der Euro stieg. Auch auf dem Markt für europäische Staatsanleihen scheint Entspannung einzukehren. Die Europäische Zentralbank hat abermals weniger Anleihen aufgekauft. Nach 3,8 Milliarden Euro in der Vorwoche lag der Wert in der abgelaufenen Woche bei rund 2,3 Milliarden Euro, wie die EZB am Montag mitteilte. Mit den Käufen versucht die Zentralbank die Zinsen für Krisenstaaten wie Spanien und Italien niedrig zu halten. mit dpa, rtr

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