Wirtschaft : Banken holen sich ihr Geld von der EZB zurück

Die Notenbank hatte den Zinssatz für Einlagen auf null gesetzt. Die Hoffnung: Die Institute bringen das Geld endlich in Umlauf.

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Die Europäische Zentralbank, hier ihr Präsident Mario Draghi, wertet die Entwicklung als „ermutigendes Zeichen“. Foto: dapd
Die Europäische Zentralbank, hier ihr Präsident Mario Draghi, wertet die Entwicklung als „ermutigendes Zeichen“. Foto: dapdFoto: dapd

Frankfurt am Main - Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) scheint mit seinen Zinsbeschlüssen der vergangenen Woche zumindest ein Ziel erreicht zu haben. Anfang Juli hatten die Währungshüter nicht nur den Leitzins von 1,0 auf 0,75 Prozent gesenkt, sondern auch den Zins für Einlagen der Banken von 0,25 auf null Prozent gedrückt. Die Folge: Jetzt haben die Geldhäuser auf einen Schlag fast eine halbe Billion Euro von den Konten der EZB abgezogen.

Am Dienstag lagen dort noch 808,5 Milliarden Euro, am Mittwochabend waren es nur noch 324,9 Milliarden und damit so wenig wie seit sieben Monaten nicht mehr. Bis Freitag stiegen die Einlagen dann wieder auf 366 Milliarden Euro. Trotzdem ist die Hälfte des Geldes, das die EZB im Dezember und Februar mit zwei Sondergeschäften den Banken zu einem Zins von 1,0 Prozent für drei Jahre zur Verfügung gestellt hatte, von den Konten der Notenbank verschwunden. Offenbar ist ein Teil des Geldes an die nationalen Notenbanken geflossen. Offen ist, ob Mittel über die Kreditvergabe in der Realwirtschaft landen. EZB-Vertreter werten die Entwicklung aber als „ermutigendes Zeichen“.

Seit Jahresanfang waren die Einlagen bei der EZB kontinuierlich angestiegen und summierten sich permanent auf Beträge zwischen 700 und mehr als 800 Milliarden Euro, obwohl dies für die Banken ein Verlustgeschäft war. Schließlich mussten sie der EZB einen Zins von 1,0 Prozent zahlen, um das Geld überhaupt zu bekommen. Im Gegenzug gewährte ihnen die Notenbank bis zur vergangenen Woche nur einen Einlagezins von 0,25 Prozent. Aber die Banken sahen das Geld bei der EZB als absolut sicher angelegt an. Eigentlich verleihen die Banken dieses Geld untereinander, so dass es auch Unternehmen und Verbrauchern zugutekommt. Aber aufgrund der Schuldenkrise ist das gegenseitige Misstrauen enorm, der sogenannte Interbankenhandel liegt brach. Den höchsten Stand erreichten die Einlagen bei der EZB Anfang März mit mehr als 827 Milliarden Euro.

„Das ist eine klare Folge der Zinsentscheidung der EZB“, ist sich Mario Mattera, Geldmarkt-Experte beim Bankhaus Metzler, sicher. „Das war ein gewünschtes Ziel.“ Zumindest einen Teil der halben Billion dürften Banken jetzt in variabel verzinste Anleihen des Bundes und der Bundesländer oder in Anleihen der anderen Kernländer der Eurozone anlegen. Solche Papiere werden aktuell mit Zinsen zwischen 0,4 und 0,6 Prozent gehandelt, allerdings kann es auch deutlich weniger sein. Ein Teil der Mittel werde jetzt auch bei den nationalen Notenbanken geparkt, glaubt Mattera, wo es allerdings auch keine Zinsen gibt.

Ob und wann Teile des Geldes über Kredite in der Realwirtschaft landen, ist nach Ansicht des Metzler-Experten nicht abzusehen. Zunächst einmal werde es nach und nach am Kapitalmarkt angelegt. Für den Geldmarkt und damit den Interbankenmarkt stelle der starke Abfluss der Einlagen von der EZB erneut eine Ausnahmesituation dar. Liquidität sei genug vorhanden. Das Geld, das aus dem Eurotower abfließe, sorge auch auf dem Geldmarkt für sinkende Zinsen, sagt Mattera. Innerhalb von nur einer Woche ist der dafür wichtige Interbankenzins Euribor für Termingelder mit drei Monaten Laufzeit von 0,645 Prozent auf nur noch 0,50 Prozent am Freitag gesunken. Dies dürften auch Privatanleger bald spüren, wenn die Zinsen für Spareinlagen und Tagesgeld nun weiter fallen. Rolf Obertreis

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