Wirtschaft : Banken in Angst

Institute leihen einander immer weniger Geld

Berlin/Frankfurt am Main - Das gegenseitige Misstrauen unter den Banken des Euroraums nimmt offenbar weiter zu. Zuletzt haben die Institute über Nacht 128,719 Milliarden Euro bei der Europäischen Zentralbank (EZB) als eintägige Einlagen hinterlegt, wie die Bank am Dienstag mitteilte. Dies sind rund 22,8 Milliarden Euro mehr als zu Wochenbeginn. Normalerweise leihen Banken einander Geld. Zögern sie damit und parken es lieber zu meist unattraktiveren Konditionen bei der Zentralbank, könnte dies ein Anzeichen für eine erneute Bankenkrise sein. Schließlich nehmen Institute Einbußen bei der Verzinsung in Kauf, nur um ihr Geld sicher unterzubringen. Man nehme dieses Signal „sehr ernst“, hatte EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark kürzlich dazu gesagt.

Die Notenbank hat Angst vor einer neuen Finanzkrise – im Herbst 2008 hatten die Banken zeitweise mehr als 200 Milliarden Euro bei der EZB deponiert. Das Misstrauen verschärfte die Krise deutlich. Der bisherige Höchstwert der eintägigen Einlagen lag Anfang August bei 145 Milliarden Euro. Schuld an der Risikoscheu der Banken sind die schwierige Marktlage und die Schuldenkrise in Europa. Denn die Staatsanleihen der hoch verschuldeten Länder liegen zu einem großen Teil bei den Banken – werden sie abgewertet, droht auch den Kredithäusern eine Schieflage.

Die unsichere Lage spiegelt sich auch in den Börsenkursen der großen Banken. Fast 27 Prozent hat der Stoxx-Index der 600 größten Häuser Europas seit Anfang Juli verloren. Bei der Deutschen Bank lag das Minus in dieser Zeit bei fast 36 Prozent, bei der Commerzbank waren es sogar knapp 40 Prozent. In der vergangenen Woche musste sich eine Bank aus der Euro-Zone sogar für eine Woche 500 Millionen Dollar von der EZB leihen – wer das war, ist aber noch unbekannt.

Probleme bei den Banken könnten schwer wiegende Folgen für die Realwirtschaft haben – insbesondere bei der Versorgung mit Krediten. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) ist bereits über eine mögliche Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen für die Firmen in Deutschland und Europa besorgt. „Die letzten Wochen sind hier nicht wirklich ermutigend gewesen“, sagte DIHK-Außenhandelschef Volker Treier. Man müsse diesen Punkt genau beobachten.

Die französische Großbank Société Générale, deren Kurs kürzlich an einem einzigen Tag um mehr als 20 Prozent eingebrochen war, strebt künftig eine stabilere Notierung an. Dazu will sie sich von der Privatbank Rothschild überwachen lassen. Die beiden Banken schlossen einen 170 Millionen Euro schweren Vertrag ab, der zu starke Schwankungen des Kurses verhindern soll, teilte Société Générale mit. Mit dem Geld kann Rothschild Aktien der Großbank kaufen, etwa um fallende Kurse aufzufangen. brö/dpa

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