Wirtschaft : Banken und Mittelstand: Immer auf die Kleinen

Carsten Brönstrup

Über mangelnde Aufmerksamkeit kann sich der Mittelstand in Deutschland derzeit nicht gerade beklagen. In den Parteizentralen werden die Programme für die Bundestagswahl im September geschmiedet, und dabei steht der Mittelstand hoch im Kurs - ganz links bei der PDS ebenso wie im streng konservativen Lager bei der CSU. Denn mit Mittelstandsthemen, das haben die Parteistrategen erkannt, lassen sich am 22. September viele Wählerstimmen holen. Motto: Ist der Unternehmer zufrieden, schafft er neue Stellen, und es freut sich der Arbeitnehmer.

Das war in dieser Wahlperiode nicht immer so. Bevor Kanzler Gerhard Schröder (SPD) Mitte April mit seiner Idee von einer neuen Mittelstandsbank vorgeprescht war, habe er kleine und mittelgroße Firmen eher stiefmütterlich behandelt, klagen die Lobbyisten von Mittelstands- und Handwerksverbänden und zählen zunehmende Arbeitsmarktregulierungen, immer mehr Bürokratie und weiter steigende Sozialabgaben auf.

Konzerne streichen eine Million Jobs

Das war womöglich ein großer Fehler. 99,6 Prozent der 3,3 Millionen Unternehmen in Deutschland fallen unter die Kategorie "Mittelstand". Sieben von zehn Beschäftigten arbeiten in einer solchen Firma, acht von zehn Lehrlingen werden dort ausgebildet. 46 Prozent der Bruttowertschöpfung findet in kleinen Betrieben statt. Und jede zweite Investitionsmark kommt aus einem kleinen Handwerksbetrieb, einem Metallverarbeiter, einem Call-Center-Betreiber oder einem Softwarebüro.

Auch bei den neu geschaffenen Arbeitsplätzen liegen die Kleinen vorn: Seit 1980 haben Betriebe mit weniger als 500 Arbeitern drei Millionen Jobs geschaffen - Großfirmen dagegen strichen währenddessen fast eine Million Stellen. Zudem, das haben Untersuchungen ergeben, schaffen Kleine in Boomzeiten mehr Arbeit für höher Qualifizierte - wie zuletzt in den beiden Wachstumsjahren 2000 und 2001.

Das Klein-Klein in Deutschland hat Tradition. Anders als in England dominierte hier zu Lande auch nach der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert der Mittelstand. Wirtschaftshistoriker erklären dies mit den Spätfolgen des Zunftwesens aus dem Mittelalter. Zudem führte der Mangel an Rohstoffen und die jahrezehntelang schlechte Infrastruktur dazu, dass sich vor allem in Süddeutschland weniger Industriekomplexe herausbildeten als in anderen Ländern.

Die Konzentration nimmt zu

Doch mit den Jahren haben sich die Gewichte immer mehr zu Gunsten der Großen verschoben. Seit den fünfziger Jahren beobachten Wirtschaftswissenschaftler eine zunehmende Konzentration. Die Globalisierung und der immer härtere Wettbewerb haben diesen Trend noch weiter beschleunigt: War vor 40 Jahren noch jeder Achte sein eigener Herr, ist heute nur noch etwa jeder Zehnte Unternehmer. "Heute sind Märkte und Konkurrenz größer, deshalb überleben auch nur größere, finanzkräftige Betriebe", sagt Ljuba Kokalj, Wissenschaftlerin am Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn. Die Pleitewelle wird auch in diesem Jahr für ein weiteres Sterben der Mittelständler sorgen. Mit 40 000 Insolvenzen allein rechnet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform.

Wer Kanzler werden will, muss dies ändern. Von zehn auf 15 Prozent will Unionskandidat Edmund Stoiber die Quote der Selbstständigen erhöhen - ein ehrgeiziges Ziel. Und auch die SPD bessert offenbar ihr Wahlprogramm noch zu Gunsten von Gründern nach. "Der Schlüssel zur Stärkung des Mittelstandes ist die Steuerpolitik", sagt Rüdiger Parsche vom Münchner Ifo-Institut. Die Pläne der großen Parteien gehen ihm aber nicht weit genug. "Es müsste eine deutliche Entlastung vor allem für kleine Unternehmen geben." Was die rot-grüne Koalition bislang getan habe, sei nicht genug. Zwar hat Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) die Tarife gesenkt - die Gewinner sind aber in erster Linie Kapitalgesellschaften, also große Konzerne. "Erst im Jahre 2005 profitieren auch die kleinen Firmen von der Steuerreform", moniert Parsche. "Für viele könnte das zu spät sein - denn dann sind sie längst pleite."

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