Wirtschaft : Banken und Mittelstand: Kein Geld für die Basis

Daniel Rhee-Piening

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen rechnet im laufenden Jahr mit fast 37 000 Firmenzusammenbrüchen, eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr von rund 15 Prozent. Im Handwerk könnten bis Jahresende fast 5000 Betriebe in die Insolvenz gegangen sein, befürchten die Kammern.

Die Verbände sind alarmiert, die Politik beunruhigt. Ursachen für die schlechte Lage des Mittelstandes hat man bereits ausgemacht. Zuvörderst genannt wird die zögerliche Kreditvergabe durch die Banken und Sparkassen. Und die Zurückhaltung der Kreditinstitute schlägt durch. Laut einer Studie der Uni Marburg finanzieren sich 80 Prozent aller mittelständischen Unternehmen ausschließlich über Kredite ihrer Hausbank.

Unterschiedliche Definitionen

Unisono wird beklagt, dass sich insbesondere die Geschäftbanken aus der Mittelstandsfinanzierung zurückziehen. Doch die privaten Banken halten dagegen. Jüngst ließ der Verband die Öffentlichkeit wissen, dass die privaten Banken allein im vergangenen Jahr ihre Kredite an Unternehmen in Ostdeutschland um 1,3 Milliarden Euro auf insgesamt 149,3 Milliarden Euro ausgeweitet hätten. Die privaten Banken lägen damit bei den Unternehmenskrediten in Ostdeutschland mit einem Marktanteil von 38,2 Prozent unverändert auf Platz eins vor den Sparkassen (33,3 Prozent) und den Kreditgenossenschaften. Diese Kredite seien nicht überwiegend an Großunternehmen, sondern vor allem an den Mittelstand gegangen, heißt es auf Nachfrage.

Doch die Sparkassen und Genossenschaftsbanken halten dagegen. "Als natürliche Partner des Mittelstandes" hätten sie bereits in erheblichem Umfang mittelständische Engagements der privaten Banken übernommen. Eine Erklärung für die unterschiedliche Interpretation: Es gibt keine genaue Definition von Mittelstand. Für die eine Bank bedeutet Mittelstand den Handwerksbetrieb oder Laden um die Ecke, für andere wie den Chef der Hypo-Vereinsbank, Albrecht Schmidt, ist sogar der Kirch-Konzern mittelständisch.

Die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hat zusammen mit 20 Verbänden im vergangenen Herbst eine Umfrage unter mehr als 6000 Unternehmen aller Branchen, Größenklassen und Rechtsformen durchgeführt. Ergebnis: Bereits heute beklagt rund ein Drittel aller kleinen und mittelständischen Unternehmen Schwierigkeiten bei der Kreditvergabe durch ihre Bank. Die häufigsten Ablehnungsgründe sind laut KfW die "Geschäftspolitik der Bank" (rund 50 Prozent), die geringe Eigenkapitalquote der Unternehmen (42 Prozent) und zu geringe Sicherheiten (fast 47 Prozent).

Hermann Franzen, Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, kritisiert denn auch, dass der zunehmende Wettbewerb in der deutschen Kreditwirtschaft immer mehr zu einer Benachteiligung kleiner und mittlerer Unternehmen führe. Weil Firmenkredite für die Banken kein rentables Geschäft mehr seien, zögen sich die Großbanken aus dem Geschäft zurück, die Kreditaufnahme verteuere sich stetig und vielen Händlern werde schon jetzt keine Fremdkapitalfinanzierung mehr gewährt. Es habe den Anschein, so Franzen, "dass nicht der Zinsvorteil künftig das finanzielle Förderinstrument für den Mittelstand ist, sondern der Umstand, dass ein Unternehmen für seine Investitionen überhaupt langfristig Kredit bekommt".

Die Lage droht sich zu verschärfen

Und die Situation droht sich noch zu verschärfen, wenn Basel II, die neuen Eigenkapitalrichtlinien für Banken, wie geplant 2006 in Kraft treten. Dann, so die Befürchtung, werden sich private Banken, Genossenschaftsbanken und Sparkassen noch weiter aus der Mittelstandsfinanzierung zurückziehen. Kredite für kleine Unternehmen werden, wenn nicht unerreichbar, zumindest teurer. Teile der CDU in Baden-Württemberg, dem Heimatland des deutschen mittelständischen Unternehmers, sehen bereits böse internationale Mächte am Werk, die den deutschen Mittelstand via Basel ruinieren wollen.

Wahr ist, schon heute gibt mancher Kreditsachbearbeiter Basel II als Grund dafür an, dass er einen Kredit verweigert. Er geht mit dieser falschen Auskunft Diskussionen mit einem Kunden aus dem Wege, den er nicht mehr haben will. Wahr ist aber auch, dass Basel II höhere Anforderungen an die Zusammenarbeit zwischen Bank und Unternehmer stellt. Dass die Unternehmen mehr Sicherheiten bieten müssen.

Und Sicherheiten heißt in erster Linie Eigenkapital. Dies ist die Achillesferse des deutschen kleinen und mittleren Unternehmens. Die Sparkassen haben in einer Untersuchung vom Januar diesen Jahres die Situation des deutschen Mittelstandes als "Besorgnis erregend" bezeichnet. Mehr als die Hälfte aller Unternehmen mit einem Jahresumsatz von weniger als fünf Millionen Euro hat überhaupt kein Eigenkapital, so der Präsident des DSGV, Dietrich H. Hoppenstedt. Der Rest dieser Kleinen arbeite mit Eigenkapitalquoten von höchstens drei Prozent. Selbst über alle Sektoren der mittelständischen Wirtschaft lag die Eigenkapitalquote im Jahr 2000 bei knapp sieben Prozent.

Welche Bank aber, wird mit Recht gefragt, soll Betrieben mit so wenig Eigenkapital einen Kredit geben? Die Sparkassen sehen deshalb bei der Stärkung der Eigenkapitalbasis den größten Handlungsbedarf. Doch Besserung ist auf die Schnelle nicht in Sicht. Nimmt man wiederum die Studie der Sparkassen zur Hand, so arbeitet ein Drittel der untersuchten Unternehmen ohne Gewinn. Bei den anderen aber wird das Eigenkapital zum Teil durch Verluste oder Entnahmen sogar noch weiter aufgebraucht.

Bundeskanzler Gerhard Schröder hat nun die Schaffung einer Mittelstandsbank angeregt. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau, die sich bereits als "die Mittelstandsbank" sieht, hat neue Förderprogramme erdacht, und auch die Deutsche Ausgleichsbank will den Unternehmen mit speziellen Hilfen ermöglichen, ihre Eigenkapitalbasis zu erweitern. Die Forderungen der Wirtschaftsverbände, aber auch der Sparkassen, gehen indes weiter: Steuern und Sozialabgaben senken. Erst dies ermögliche es dem Mittelstand wieder Gewinne zu erwirtschaften und diese als Eigenkapital im Unternehmen zu belassen.

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