Wirtschaft : Bankenchef Schmidt ringt um Fassung

MÜNCHEN (tmh).Die Bayerische HypoVereinsbank (HVB) ist von einem Immobiliendesaster erschüttert worden.Wegen Grundstücks- und Projektentwicklungen der in der HVB aufgegangenen Hypobank muß der Bankenriese 1998 zusätzlich zur normalen Risikovorsorge von 2,8 Mrd.DM rund 3,5 Mrd.DM ins Risiko nehmen, kündigte HVB-Chef Albrecht Schmidt bei einem Zwischenbericht in München an."Ich bin tief enttäuscht und erschüttert", räumte der sichtlich mit seiner Beherrschung kämpfende Bankier ein.Bis zuletzt habe er sich ein Versagen dieses Ausmaßes bei der Hypobank nicht vorstellen können.

Die wackeligen Kredite gehen überwiegend auf Hypo-Grundstücksinvestitionen zur Zeit der Vereinigungseuphorie zwischen 1989 und 1993 zurück.Regional liege der Schwerpunkt in Berlin, Leipzig und Frankfurt.Schon 1997 hatte die Hypobank 1,5 Mrd.DM ebenfalls für marode Immobiliengeschäfte ins Risiko genommen.Obwohl schon länger über marode Hypo-Grundstücksprojekte spekuliert wird, habe die ehemalige Bayerische Vereinsbank (BV) darauf vertraut, daß dieses jüngste "Großreinemachen" ausreiche, sagte Schmidt, der auch BV-Vorstandschef war.Rechtlich dürfe die HVB aber erst seit der Verschmelzung von BV und Hypobank Anfang September dieses Jahres detailliert Einzelfälle in den Hypobüchern prüfen.Das Hypo-Desaster habe personelle Konsequenzen zur Folge, kündigte Schmidt an.Namen wollte er nicht nennen.

Seinen Äußerungen zufolge sind die Schuldigen in der Hypo-Vorstandsetage zu suchen.Es gehe um Dimensionen, die die Zuständigkeit von Filialleitern weit übersteigen.Damit steht auch der ehemalige Hypo-Chef Eberhard Martini am Pranger, der jetzt HVB-Aufsichtsratschef ist.Martini sei in dieser Funktion nicht zurückgetreten, meinte Schmidt, wollte sich zu seinem Kollegen aber nicht weiter äußern.Über mögliche strafrechtliche Klagen wollte er nicht spekulieren."Ich habe eine kräftige Wut im Bauch, und das sollte nicht Maßstab meines Handelns sein", bremste sich Schmidt.Konsequenzen für die Fusion von BV und Hypobank sieht er nicht.Rückwirkend betrachtet sei die Hypobank wegen ihrer Immobilienflops überbewertet.Reaktionen von Aktionären blieben abzuwarten.Die drohenden Verluste verteilen sich auf Joint-Venture-Risiken, bei denen die Hypo auch als Bauträger vertreten war und Developer-Finanzierungen, bei denen sie als reiner Kreditgeber aufgetreten ist.Das Joint-Venture-Geschäft umfasse gut 8 Mrd.DM, die nun zu 50 Prozent ins Risiko genommen werden.Das Developer-Volumen, zu dem in geringem Umfang auch Altbestände der BV zählen, umfaßt gut 11 Mrd.DM.Davon stehen laut HVB-Finanzchef Wolfgang Sprißler 3,8 Mrd.DM im Risiko.Insgesamt drohen Ausfälle von fast 8 Mrd.DM.

Finanzieren will die HVB das aufgetauchte neue Risikovolumen von 3,5 Mrd.DM durch die Auflösung stiller Reserven, die derzeit bei 15,8 Mrd.DM liegen.Damit sei der "morsche Ast hart abgeschnitten", betonte Schmidt.Die Ergebnisse würden durch die Vorfälle nicht belastet.Die Bank sei nun wieder kerngesund.Abgesehen von den Hypo-Altlasten sei die neue Nummer zwei unter Deutschlands Großbanken unerwartet gut gestartet, sagte Schmidt.Im Gegensatz zu anderen Banken sind die Münchner nur mit Krediten in Höhe von 15 Mill.Dollar an hochspekulativen Hedge-Fonds beteiligt, was keine negativen Ertragseffekte nach sich ziehe.

In den ersten neun Monaten 1998 wuchs das HVB-Betriebsergebnis nach Risiko um gut zehn Prozent auf knapp 2,5 Mrd.DM.Das Ziel, den zehnprozentigen Zuwachs bis Jahresende zu halten, sei "ausgesprochen ehrgeizig", relativierte Schmidt.Andererseits soll die Risikovorsorge bis 2001 auf 1,4 Mrd.DM gesenkt werden, was noch vor dem ursprünglichen Planjahr 2003 eine Eigenkapitalrentabilität von 15 Prozent ermögliche.Die Bilanzsumme wuchs bis Ende September 1998 von 813 auf 858 Mrd.DM.Im Zuge der Fusion zwischen BV und Hypo wurden 200 Mitarbeiter auf nun 40 210 Frauen und Männer abgebaut und die Zahl der Geschäftsstellen um 36 auf noch 1426 Filialen verringert.

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