Bankenfusionen : Trügerische Ruhe in der deutschen Idylle?

Die Übernahme von ABN Amro durch die britische Barclays Bank müsste für eine einigermaßen große Aufregung bei den deutschen Großbanken sorgen. Aber hierzulande ist man sich selbst genug. Eine Auffassung, die sich in der Zukunft rächen könnte.

Markus Mechnich

Schon lange wird in der Bankenwelt eine Konsolidierungswelle vorhergesagt. Experten sehen ein wachsendes Ungleichgewicht zwischen den großen und finanzstarken Geldhäusern aus den USA und vermehrt auch aus Asien. Daher reagieren die Börsen auf jedes noch so kleine Gerücht mit kräftigen Kurssprüngen, auch bei den deutschen Titeln. Aber in Deutschland herrscht Stille, was Aufkäufe oder Fusionen angeht. Selbst bei dem Dauerkandidat für Übernahmen, der Commerzbank, ist man zum Thema Fremd-Akquisitionen recht ruhig.

Dabei tut sich was in Europa. Das hat nicht nur die Super-Fusion von ABN Amro und Barclays gezeigt. Bei der italienischen Großbank Unicredit, die bereits die bayerische Hypo Vereinsbank gekauft hat, und der französischen Societé General wollen die Gerüchte über einen Zusammenschluss nicht verstummen. Beide Seiten dementieren zwar vehement, aber immerhin wurden Ende letzter Woche Kontakte auf oberster Ebene bestätigt. Der Kauf der deutschen Hypo Vereinsbank war bis zum heutigen Tage der größte Zusammenschluss zweier europäischer Banken. Dieser wurde jetzt getoppt durch Barclays und ABN Amro. Durch die Fusion ist das zweitgrößte europäische Bankhaus nach der HSBC in der Entstehung. Und das Haus will weiter wachsen. Barclays-Vorstand John Varley, der den neuen Konzern führen wird, kündigte bereits weitere Übernahmen an.

Deutsche Banken sind attraktiv

Doch die Ruhe der deutschen Finanzmanager könnte gefährlich werden. Die deutschen Geldinstitute sind kaum an den Börsen kapitalisiert. Große Teile der Aktien sind in der Hand institutioneller Anleger oder von Einzelaktionären. Eine Übernahme wäre demnach relativ einfach, sollte es gelingen einen oder mehrere der Großaktionäre zu überzeugen. Letztlich nicht unmöglich, sobald der Preis stimmt. Je größer die Banken in Europa und den USA werden desto mehr geraten auch die deutschen Geldhäuser in den Fokus von Aufkäufern. Kein Wunder, denn der hiesige Markt hat großes Potenzial. Es gibt eine Menge Geld zu verdienen zwischen Isar und Elbe. Daher sind die deutschen Banken attraktive Übernahme-Objekte.

Bei der Commerzbank ist man es bereits leid die Gerüchte zu kommentieren. Das hätte "inzwischen einen langen Bart", befand selbst Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller kürzlich in einem Zeitungsinterview. Doch Müller räumt auch ein: "Wenn alle Banken um einen herum größer werden und die deutschen nicht, dann hat das Konsequenzen." Nach seiner Überzeugung ist keine europäische Bank gänzlich davor geschützt, selber zum Übernahmekandidaten zu werden. Dabei würde sich das Geldhaus eher für eine Zerschlagung eignen. Dadurch könnte der Kaufpreis relativ schnell refinanziert werden, denn die einzelnen Teile würden wohl mehr Geld bringen als das Haus als Ganzes kosten dürfte. Ein typisches Geschäft für Hedge-Fonds also.

Deutsche Bank: Das Kapital sind die Mitarbeiter

Anders sieht es bei der Deutschen Bank aus. Das Unternehmen ist hoch profitabel und würde sich nur in einem Stück lohnen. Allerdings sehen Finanzmanager die Gefahr einer massiven Abwanderung von Spitzenleuten nach einem Aufkauf. Bankanalyst Flade hält deshalb die Deutsche Bank nicht für ein attraktives Übernahmeziel. "Ihr Kapital sind die Mitarbeiter. Sollte oben beschlossen werden, dass die Deutsche Bank übernommen wird, geht das Human-Kapital unten zur Tür raus", sagt er. Also könnte im Umkehrschluss die Deutsche Bank selbst zum Käufer werden. Doch derzeit gibt es keine Anzeichen für irgendwelche Akquisitionen.

Auch die deutschen Landesbanken sehen sich von der zunehmenden Konzentration in der europäischen Bankenlandschaft nicht zu Fusionen untereinander gedrängt. "Bei unseren Landesbanken gibt es derzeit nicht eine so große Tendenz, über Zusammenschlüsse größerer Art zu diskutieren", sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB), Karl-Heinz Boos. Dort ist man auch gegen die geplante Kontrolle durch die Europäische Union. Der Bankensektor sollte besser unter nationale Aufsicht gestellt werden. Wie zeitgemäß diese Auffassung ist wird die Zukunft zeigen.

Hedge-Fonds werden immer potenter

Doch die Gefahr ist groß und sie wächst noch durch die zunehmenden Aktivitäten der Hedge-Fonds im Finanzsektor. In den letzten Jahren haben die Risiko-Kapitalgesellschaften enorm an Macht gewonnen. War es früher für die Fonds kaum denkbar, Übernahmen von der Größenordnung einer ABN Amro zu stemmen, so trauen sie sich mittlerweile deutlich mehr. Sie schwimmen derzeit geradezu im Geld, das sie sich von den amerikanischen Großbanken besorgen. Aufgrund des lang anhaltenden Wirtschaftsbooms sind diese recht großzügig. So schwärmen die Fonds-Manager hinaus in die Welt und kaufen alles mögliche. Im Bankenbereich setzt sich das Modell durch, in einem Konsortium mit anderen Banken einzusteigen. Eine praktische Sache, denn man holt sich so Seriosität ins Boot und muss nicht ganz so viel Geld für die kapitalintensiven Projekte in die Hand nehmen.

Es bleibt also spannend im Bankensektor. Die Ruhe hierzulande könnte sich daher noch als trügerisch erweisen. Zumindest in den USA haben einige bereits ein Auge auf den deutschen Markt geworfen. Und nicht nur da. Auch die gewachsene europäische Konkurrenz könnte sich eines der hiesigen Geldhäuser schnappen wollen. Wenn sich die Kräfteverhältnisse erst mal deutlich zu Gunsten der europäischen und außereuropäischen Konkurrenz verschoben haben, dürfte es schwer werden für die deutschen Banken ihre Unabhängigkeit zu erhalten.

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