Bankenkrise : Der neue Wert des Privatkunden

Im Rahmen der Krisenbewältigung überarbeiten die Banken ihr Geschäftsmodell . Auch das Jahr 2009 wird sehr schwierig für Finanzunternehmen.

Stefan Kaiser

Berlin - Schlimmer geht es eigentlich nicht mehr: Milliardenabschreibungen, Teilverstaatlichungen, Pleiten und Beinahepleiten kennzeichnen das Bankenjahr 2008. Schaut man auf die Aktienkurse, so haben die großen deutschen Banken binnen eines Jahres ein Viertel ihres Wertes verloren. Die meisten Experten malen auch für 2009 tiefschwarz. „Es wird noch schlimmer“, sagt Konrad Becker, Analyst bei der Privatbank Merck Finck. „2007 hatten wir die Subprime-Krise in den USA, 2008 war es schon eine weltweite Finanzkrise und 2009 wird sich das noch mal hochschaukeln“, sagt Becker. Er fürchtet vor allem die Auswirkungen der Rezession und der damit verbundenen Pleitewelle auf die Bankenbranche. „Es wird deutlich höhere Ausfallraten bei Unternehmenskrediten geben“, sagt Becker. „Die Banken werden die Risikovorsorge drastisch erhöhen müssen.“ Damit rechnet auch die Ratingagentur Standard & Poor’s. Sie erwartet in den kommenden zwölf Monaten Kreditausfälle europäischer Unternehmen in Höhe von 25 Milliarden Euro.

Becker verweist auf die hohe Risikovorsorge, die während der letzten Kreditkrise 2002/2003 gebildet werden musste. Er schätzt, dass zum Beispiel die Deutsche Bank für die von ihr vergebenen Kredite in Höhe von rund 260 Milliarden Euro mehr als drei Milliarden Euro zurücklegen müsste, um Ausfälle zu kompensieren, wenn man die Vorsorgequote des Jahres 2002 zugrunde legt. „Das hat ja gerade erst angefangen“, sagt auch Stefan Frank, Partner und Bankenexperte bei der Unternehmensberatung Bain & Company. „Bisher haben wir ja kaum Pleiten gesehen.“ Mit dem Höhepunkt der Welle rechnet er sogar erst 2010.

Hinzu kommen die mittlerweile zur Normalität gewordenen Belastungen durch die Finanzkrise: Milliarden abschreibungen auf Wertpapiere. Zuerst waren es nur zweitklassige US-Hypothekenkredite (Subprime), mittlerweile sind sogar Staatsanleihen betroffen. Laut einer Studie von Bain & Company haben die deutschen Banken im Zuge der Krise bisher rund 53 Milliarden Euro abgeschrieben. Weitere 20 bis 30 Milliarden Euro erwarten die Berater noch. Das trifft auch die Arbeitsplätze. Bis zu 180 000 der insgesamt 650 000 Bankenjobs in Deutschland könnten wegfallen, schätzt Studienautor Frank. Trotz des 480 Milliarden Euro großen Rettungsschirms der Bundesregierung.

Staatliche Garantien für ihre Kredite wollen zwar mehrere Institute in Anspruch nehmen, doch vor einer Kapital beteiligung des Staates schrecken viele noch zurück. Abgesehen von den besonders schwer angeschlagenen Landesbanken, die sich von ihren Alteigentümern, den Ländern, helfen lassen, hat nur die Commerzbank Kapital in Anspruch genommen. „Ich denke, dass noch einige Banken Kapital aus dem Rettungsfonds brauchen“, sagt Konrad Becker von Merck Finck. Dies liege schon daran, dass Investoren und Geschäftspartner deutlich höhere Eigenkapitalquoten sehen wollten. Galten vor einem Jahr noch sieben Prozent des ausgereichten Kreditvolumens als Richtgröße, werden heute schon bis zu zwölf Prozent verlangt.

Generell geht der Trend in der Branche zu mehr Sicherheit und weniger Risiko. Das klassische Geschäft mit Privatkunden, das lange Jahre als langweilig und wenig rentabel galt, ist zur neuen Königsdisziplin geworden. „Die Banken wollen die stabilen Geschäftsfelder ausbauen“, sagt Analyst Becker. Kundeneinlagen sind derzeit gefragt wie nie. Weil sich die Banken untereinander kaum Geld leihen, ist derjenige König, der möglichst viel Geld von seinen Kunden bekommt. Auch deshalb gelten Sparkassen und Genossenschaftsbanken in Deutschland als Gewinner der Krise. „Die meisten Sparkassen finanzieren sich fast komplett aus Kundeneinlagen und sind kaum auf den Kapitalmarkt angewiesen“, sagt Becker.

Das Investmentbanking ist dagegen tot, Börsengänge und Übernahmen gibt es so gut wie keine. Und der Eigenhandel mit Wertpapieren, durch den die Banken einige Jahre hohe Gewinne erwirtschaften konnten, ist zum Verlustbringer Nummer eins geworden. Das macht vor allem den Größten der Branche zu schaffen. „Institute wie die Deutsche Bank haben ein Problem mit ihrem Geschäftsmodell, weil es unsicher geworden ist, ob das Investmentbanking als zentraler Pfeiler in Zukunft noch trägt“, sagt Becker. Deshalb denkt auch die Deutsche Bank um. Am 12. September, drei Tage vor der Pleite des US-Bankhauses Lehman Brothers, sicherte sich Bankchef Josef Ackermann 14,5 Millionen zusätzliche Privatkunden durch eine Beteiligung an der Postbank. Und die Commerzbank übernimmt die Dresdner Bank von der Allianz und baut das Investmentbanking radikal ab. Privatkunden und der Mittelstand sollen im Vordergrund stehen. Experten beschreiben so auch das Modell der Zukunft: „Für viele Institute wird es auf eine Stärkung der Geschäftsfelder Privatkunden und Firmenkunden hinauslaufen“, meint Frank von Bain & Company. „Alles andere sollten sie Spezialisten überlassen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben