Bankenkrise : Spanien geht über die rote Linie

Die Renditen für spanische Anleihen steigen zeitweise über die kritische Marke von sieben Prozent. Nicht nur Brüssel verliert das Vertrauen in Regierungschef Rajoy.

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Kein Königsweg. Monarch Juan Carlos I. ziert die spanische Euro-Münze. Regierungschef Rajoy hingegen wird zum Problem.
Kein Königsweg. Monarch Juan Carlos I. ziert die spanische Euro-Münze. Regierungschef Rajoy hingegen wird zum Problem.Foto: dpa

Spanien nähert sich dem finanziellen Kollaps. Die Zinsen an den Geldmärkten drohen das Land zu erdrücken und treiben den Krisenstaat weiter auf den europäischen Rettungsschirm zu. Spanische Schuldscheine werden zeitweise für mehr als sieben Prozent gehandelt. Damit erreicht der Zinssatz eine kritische Grenze, die das Land mit seinem hohen Kreditbedarf nicht lange aushalten kann. Vergangenes Wochenende hatte die Euro- Gruppe Spanien bereits einen Notkredit von 100 Milliarden Euro zugesagt, um die heimische Bankenbranche, die sich mit Immobilienkrediten im großen Stil verzockt hat, vor dem Zusammenbruch zu retten.

Am Donnerstag verschärfte sich die Zinskrise noch, nachdem die Ratingagentur Moody’s die Kreditwürdigkeit gleich um drei Noten von A3 auf Baa3 herabsetzte. Somit liegt die Bonität Spaniens bei Moody’s nur noch knapp über dem Ramschniveau, ab dem Geldanlagen als „spekulativ“ gelten. Auch die Analysten von Standard & Poor’s und Fitch – die beiden anderen großen US-Agenturen, die Kreditrisiken bewerten – hatten Spanien und seine Banken bereits ähnlich tief fallengelassen. Den weiteren Ausblick schätzen sie durchweg als „negativ“ ein.

Ausschlaggebend für die Abstufung sei der Schritt der Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy gewesen, um Hilfe für sein Bankensystem zu bitten, erläuterte eine Sprecherin von Moody’s gegenüber der spanischen staatlichen Presseagentur Efe. Der milliardenschwere Rettungskredit der Euro-Gruppe für die kranken Banken sei „kein Zeichen der Stärke, sondern der Schwäche“. Die europäische Rettungsspritze für die Geldhäuser in einer Höhe von bis zu 100 Milliarden Euro erhöhe die Schuldenlast Spaniens. Moody’s sieht ein „steigendes Risiko“, dass bald der gesamte spanische Staat Hilfe vom Euro-Rettungsschirm brauche. Mit rund 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) lag die Verschuldung 2011 zwar deutlich niedriger als in anderen Krisenstaaten wie Griechenland oder Italien. Aber in den vergangenen Monaten ist sie sprunghaft angestiegen und nähert sich nun der Marke von 90 Prozent.

Bei der EU-Kommission in Brüssel wie in anderen Hauptstädten macht sich derweil die Sorge breit, dass die spanische Regierung die Kontrolle verlieren könnte. Ministerpräsident Rajoy meidet die Öffentlichkeit und lässt die Bevölkerung wie auch Europa im Unklaren darüber, wie es in diesem Krisendrama weitergehen soll. Erstaunen löste auch Rajoys jüngste Einschätzung aus, dass die spanische Bankenkrise „gelöst“ sei. Und auch dass er gleich nach diesem Satz, der sogar die hartgesottene spanische Nation sprachlos zurück ließ, samt Gefolge und auf Staatskosten zur Fußball-EM nach Polen flog, löste Verwunderung aus. Italiens Premierminister Mario Monti, der zu Hause ebenfalls mit einer Zinskrise kämpft, hatte sich schon vor längerem über den Schlingerkurs des Königreichs beklagt. Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, watschte Rajoy mit den Worten ab, die Bankenkrise sei in Madrid „denkbar schlecht“ gemanagt worden. Die EU-Kommission verlangt schon seit Monaten vergeblich, Rajoy solle sein Reformtempo beschleunigen, um das hohe Haushaltsdefizit und die tiefe Wirtschaftskrise zu überwinden.

Spanien steckt seit mehr als vier Jahren in einer tiefen Krise. Die Neuverschuldung explodierte und lag im Jahr 2011 bei knapp neun Prozent des BIP. Die Wirtschaft schrumpft derweil, 2012 vermutlich um zwei Prozent. Die Arbeitslosigkeit steuert auf die Albtraum-Marke von 25 Prozent zu.

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