Wirtschaft : Bankgeschäfte brauchen keine Bank (Kommentar)

Henrik Mortsiefer

1600 Einwohner besuchen in Deutschland statistisch gesehen eine einzige Bankfiliale. In den USA sind es 2600. Wenn sich jetzt Deutsche und Dresdner Bank zusammen schließen, wird die Quote hierzulande spürbar steigen. 1000 der zusammen gerechnet 3000 Filialen sollen dem Vernehmen nach geschlossen werden. Deutschland wird deshalb noch lange nicht zu einer Service-Wüste verkommen. Das Gegenteil ist wahrscheinlicher. Das riesige und teure Filialnetz hat den beiden Banken sowenig Freude gemacht wie einem großen Teil ihrer privaten Kundschaft. Das zeigt das halbherzig abgespeckte Privatkunden-Geschäft der Bank 24, das die Laufkundschaft nicht angezogen, sondern eher abgeschreckt hat. Ein neuer Geldautomat in der Schalterhalle reicht heute nicht mehr aus: 80 Prozent der Kleinanleger und Sparer sind Kunden der Sparkassen, Genossenschafts- oder Regionalbanken geblieben. Und junge Neukunden wählen sich bei den Internet-Banken und Online-Brokern ein, die keine Schalteröffnungszeiten kennen und mehr als nur hauseigene Finanzprodukte im Angebot haben.

Frei nach Bill Gates ("Wir werden auch in Zukunft Bankgeschäft brauchen, aber keine Banken mehr") bricht das Internet-Zeitalter bei den deutschen Großbanken an. Der Trend ist klar: Künftig werden nahezu alle privaten Finanzen zu jeder Tageszeit an jedem beliebigen Ort elektronisch verwaltet. Die Standardisierung der Dienstleistungen, die Fülle an Informationsquellen und wasserdichte Sicherheitsnormen im Internet beschleunigen den Strukturwandel. Individuelle Beratung wird es deshalb weiter geben. Aber nicht mehr nur am Schalter. Hier tun sich im übrigen Chancen für jene Banker auf, die nach der Fusion von Deutscher und Dresdner Bank um ihren Arbeitsplatz fürchten. Die unterbesetzten Call-Center der Direktbanken zeigen: Der Internet-Revolution im Bankgewerbe fehlt das Personal.

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