Wirtschaft : Bankgesellschaft Berlin: Der Glattbügler

Antje Sirleschtov

Wie muss man sich den Vorstandschef einer der großen deutschen Banken vorstellen? Einen, der jedes Jahr zig Milliarden Mark bewegt, der eben noch mit einem Federstrich Millionenkredite vergibt und im nächsten Augenblick schon mutig irgendwo auf dieser Welt Aktien für sechsstellige Summen ordert? Der auf eleganten Empfängen zwischen Frankfurt, London und New York mit vermögenden Kunden parliert, und auf dessen Standhaftigkeit rund 16 000 Mitarbeiter bauen? Ein Sanierer, der in den nächsten Monaten ein so gewaltiges Kreditinstitut wie die Bankgesellschaft Berlin aus der Krise führen kann - und zwar aus der schwersten Krise einer deutschen Bank überhaupt?

Wolfgang Rupf, ohnehin ein Mann zurückhaltender Töne, wirkt an diesem Sonnabendvormittag noch unauffälliger als sonst: die Hose in steingrau, braune Schuhe mit Socken in der Farbe des beigen Teppichbodens; das bärenbraunfarbene Sacko hat die Farbe der Polstergarnitur im Besucherraum der Landesbank an der Bundesallee. So stellt man sich eher den Angestellten hinter dem Kassenschalter vor. Nicht den Chef aller Sparkassen in der deutschen Hauptstadt. "Ohne viel Aufhebens in der Öffentlichkeit" habe er seit 1997 den Bankkonzern sanieren wollen, platzt es aus ihm heraus. Doch dann senkt er die Stimme, als ob die Wände Ohren hätten. Zahlenkolonnen reiht er aneinander: Wertberichtigungen aus hoch riskanten Immobiliengeschäften, Kredite für Investitionen, deren wirtschaftlicher Erfolg von Anfang an fraglich war. Und er erzählt, wie er zum fassungslosen Zeugen einer gigantischen Geldvernichtung in seinem eigenen Konzern wurde, wie er alles glattbügeln, wie er durch die "Kniffe des Bankgeschäftes das Schlimmste verhindern" wollte.

Mehr als zwölf Milliarden Mark hatten die Banker aus Ost- und West-Berlin seit der Maueröffnung schon verbrannt, als Rupf in der Hauptstadt anfing. Holzmann, Schneider, Balsam, Bremer Vulkan und der Lausitzring: Beinahe überall in Deutschland, wo man sich in der jüngeren Vergangenheit als Kreditgeber die Finger verbrennen konnte, war Berlin dabei. Dazu kamen gefährliche Großprojekte in der Bauwirtschaft. Als Gutachter schon davor warnten, dass der Traum von einer pulsierenden Sechs-Millionen-Metropole Berlin wohl nicht so schnell wahr wird, da pumpten die Berliner Banker noch immer Geldberge in solch Vorzeigeprojekte wie die Wasserstadt Oberhavel und Karow Nord - der Politik zuliebe.

Rupf sah die Katastrophe kommen. Aber er versuchte, sich in die Zukunft zu retten. Er hoffte auf bessere Zeiten - vor allem für Immobiliengeschäfte. Also nahm er Gewinne aus dem laufenden Geschäft, um die alten Löcher zu stopfen. Aber das eigentliche Problem packte er nicht an: die unheilvolle Allianz von Politik und Geschäft. So spielten die Bankgesellschaft und ihre Töchter weiter auf Risiko, während andere Banken längst zurückhaltender waren.

War Rupf für Berlin der falsche Mann? Er schien genau der richtige zu sein - zu richtig. Rupf war zehn Jahre lang teilhabender Geschäftsführer der Frankfurter BHF-Bank und kennt das Bankgeschäft in- und auswendig. Er lernte bei der Commerzbank, studierte in Tübingen und Lausanne. Vor Augen hatte er stets seinen berühmten Onkel Hugo Rupf, der das schwäbische Familienimperium Voith sanierte, hohe Ämter in der deutschen Industrie bekleidete und mit Orden und Ehrenzeichen bedacht wurde. Auch Rupf wollte ganz nach oben. Richtig angekommen ist er dort nie. Jedenfalls nicht im Olymp der Banker in Frankfurt, wo man ihn für "konfliktscheu" und "zu introvertiert" hält.

Als Edzard Reuter, damals Aufsichtsratsvorsitzender der Bankgesellschaft, 1996 händeringend einen Vorstandschef suchte, wurde ihm Rupf empfohlen. Der willigte ein. Erst jetzt lernte er die Berliner Politik richtig kennen - und er ergab sich ihr. Vielleicht träumte er davon, eines Tages auf der Ledercouch im Roten Rathaus zu sitzen und Vollzug melden zu können: alles saniert. Das wäre es gewesen. Doch dazu sollte es nicht kommen.

"Wir hätten es geschafft", sagt Rupf und wirkt dabei mehr wütend als traurig. Als habe dazu nur ein kleines bisschen Glück gefehlt. Zwei Schuldige hat Rupf ausgemacht: Die Bilanzprüfer von Price Waterhouse Coopers PWC hätten "kalte Füße bekommen", und das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen habe "den IBG-Verkaufsdeal vermasselt". Man kann es auch anders sehen: Die Aufseher haben in diesem Frühjahr den Scheinverkauf einer Immobilientochter verboten, für den Rupf den Käufern auch noch das Geld gegeben hätte. Nur deshalb ist der ganze Bankkonzern jetzt am Rande des Ruins? Rupf ist wohl einer der letzten, die das noch glauben.

Der Chef des Bankkonzerns ist einsam geworden. Und er fühlt sich verfolgt. Was sie ihm nicht alles andichten wollen, die Feinde in der Branche, die Gegner im eigenen Haus und natürlich auch die Schreiber, die nach Schlagzeilen gieren. Verdächtigt haben sie ihn, sich als Vorstand und Aufsichtsrat der Baumarktkette Hornbach zum Mittäter gemacht zu haben - ein paar der Baumarkt-Grundstücke gehörten zum Fondsvermögen der bankeigenen Immobiliengesellschaft IBG. Und er soll von den zweifelhaften Kreditzusagen gewusst haben, die Berlin-Hyp-Chef Klaus Landowsky den Job kosteten. Die Anschuldigungen machen Wolfgang Rupf zu schaffen: Das Sumpfgeschäft betrieben zu haben, das könne ihm wirklich keiner nachsagen.

Vielleicht wollte er aber auch nicht wissen. Denn Rupf hätte wissen können. Er ist ein ausgewiesener Experte im deutschen Immobiliengeschäft. Rupf musste durchschauen, was sich in der Landesbank Berlin und der Hypothekenbank abspielt - auch wenn ihm vieles verheimlicht wurde. Spätestens, als Wirtschaftsprüfer einige offenkundig desaströse Geschäfte lobten, hätte er skeptisch werden müssen. Doch statt sich zu wehren, sich vielleicht sogar unter Protest aus Berlin zu verabschieden, schwieg Rupf und verlängerte sogar seinen Vertrag bis 2006. Es käme einem Wunder gleich, wenn er so lange auch bliebe.

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