Wirtschaft : Bankgesellschaft Berlin: Die Kunden sind Gold wert

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War das angemeldete Interesse der Flowers-Gruppe an der Bankgesellschaft Berlin nur der Anfang? Wolfgang Gerke, Professor am Lehrstuhl für Bank- und Börsenwesen der Universität Erlangen-Nürnberg, kann sich durchaus vorstellen, dass sich auch noch andere Interessenten aus der Deckung wagen. Berlin sei eine so wichtige Stadt für Deutschland, ein so starkes strategisches Feld, dass diesen Bankenplatz keine Gruppierung außer Acht lasse. Und die Bankgesellschaft habe mit einem Marktanteil von rund 60 Prozent im Privatkundengeschäft ein sehr gutes Pfund, mit dem man wuchern könne. "Auf dem deutschen Markt lässt sich auch im Privatkundengeschäft stabil Geld verdienen", ist der Wissenschaftler überzeugt. Die Citibank und andere Institute hätten es vorgemacht. Die Einführung der privaten Altersvorsorge mache den Markt sogar noch interessanter.

Ob das Angebot von etwa zwei Milliarden Euro bei einer derzeitigen Marktkapitalisierung von knapp 1,5 Milliarden Euro wirklich angemessen ist? Gerke will sich bei dieser Frage nicht festlegen, verweist nur darauf, "dass bei solchen Größenordnungen immer ein Paketzuschlag zu bezahlen ist". Die Flowers-Gruppe hält Gerke darüber hinaus durchaus für kompetent und solvent. Mit der Übernahme der heutigen Shinsei-Bank habe sie ihr Können auf dem sehr schwierigen japanischen Markt bewiesen. "Ich hätte mich das nicht getraut."

In der Tat, ein wesentlicher Wert der Bankgesellschaft sei wohl ihre "Kundenkartei". Auch Thomas Körfgen, Senior Fund Manager bei der DWS Deutsche Gesellschaft für Wertpapiersparen, betont, der deutsche Markt, insbesondere der der Privatkunden, sei für ausländische Investoren vielversprechend, und werde angesichts der Steuerreform und der Privatisierung der Altersvorsorge noch an Bedeutung gewinnen. Doch der Marktzugang sei schwer. "Es gibt nicht viele Banken, die noch zu haben sind", sagt Körfgen. "Die BHF-Bank ist von der ING übernommen worden, die BfG von der SEB." Der Aufbau eines eigenen Filialnetzes aber sei sehr teuer, wenn nicht zu teurer. Deshalb bleibe der Zugang zum Kunden wertvoll und durch die Veränderung der Distributionswege könne auch der Margendruck etwas gemildert werden. Es gibt also durchaus die Möglichkeit auch im Reatilgeschäft Geld zu verdienen.

Die Aktie spielt bei der DWS allerdings keine Rolle. Körfgen gibt ein Beispiel: Bis Freitagmittag sind über das elektronische Handelssystem Xetra gar keine Aktien der Bankgesellschaft gehandelt worden. Auf dem Parkett war der Umsatz so gering, dass schon kleine Orders zu enormen Kursausschlägen geführt hätten. "Wenn wir da als Fonds investiert wären, wir kämen nicht wieder raus."

So beobachten immer weniger Analysten die Aktie. Ihr Argument: mangelndes Interesse institutioneller Anleger. Mancher Investmentbanker sagt auch, die Bankgesellschaft werde schlicht marginalisiert. Zu Beginn des Jahres stellten die DG Bank und M.M. Warburg ihre Beobachtung ein. Auch bei der Credit Suisse und bei der Citibank lautet die Antwort schlicht: "Mit der Bankgesellschaft beschäftigen wird uns nicht."

Einer der wenigen, der sich noch mit dem Papier beschäftigt, ist Analyst Kay Strippel von Independent Research in Frankfurt (Main). Sein Urteil ist eindeutig: "Verkaufen". Die jüngsten Zahlen seien, wie erwartet, schwach ausgefallen. Strippel verweist besonders darauf, dass die Provisionserträge um rund zehn Prozent zurückgegangen seien. Die Risikovorsorge liege zwar im Plan, doch, so räumt er ein, nach den Erfahrungen der Vergangenheit, bleibe zunächst ein Rest von Misstrauen. Und für das Gesamtjahr 2001 rechnet der Analyst mit einem negativen Nettoergebnis. Die jüngsten Äußerungen der Berliner Finanzsenatorin Christiane Krajewski ließen zudem die weitere Notierung der Aktie an der Börse fraglich erscheinen. "Doch wenn ein nationaler oder internationaler Investor kommt, und einen vernüftigen Preis pro Aktie bietet, so Strippel, werden wir unser Urteil natürlich überdenken."

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