Wirtschaft : Bankgesellschaft Berlin: Im Rausch der Prognosen

Ralf Schönball

Als die Krise um die Berliner Bankgesellschaft begann und noch niemand ahnte, welches Desaster der Stadt bevorstand, hatte deren ehemaliger Immobilienvorstand und Berlin-Hyp-Chef Klaus Landowsky eine einfache Erklärung für die damals noch kleinen Sorgen um faule Kredite und gefährdete Immobilienfonds: "Niemand hat mit einer solchen Rezession am Immobilienmarkt gerechnet." Damals, Anfang der neunziger Jahre, da habe ein Boom ohnegleichen die Stadt erfasst. Die Euphorie nach der Wiedervereinigung habe sich auch in den Wirtschaftsberichten niedergeschlagen. Wer, so fragte der ehemalige CDU-Politiker, habe sich denn damals keine blutige Nase bei der Vergabe von Immobilien-Krediten geholt? Ist also nur die Konjunktur Schuld daran, dass Milliarden-Kredite leichtfertig an waghalsige Immobilien-Unternehmer gingen: An Roland Ernst, Jürgen Schneider und in die Fonds-Maschine des Bankenkonzerns?

"Berlin", so schrieben die Wirtschaftsforscher vom Prognos-Institut Anfang der 90er Jahre, "sollte sich im Jahre 2010 als Hauptstadt mit großstädtischer Wirtschaftsstruktur präsentieren, und diese Perspektive könnte dann die Basis darstellen, um in weiteren ein bis zwei Dekaden zur Europäischen Dienstleistungsmetropole aufzusteigen". Der unaufhaltsame Aufstieg der Stadt sollte schon Mitte der Neunziger mit einer kräftigen Entwicklung der Beschäftigung beginnen: 140 000 Menschen würden ab 1995 zusätzlich in Lohn und Brot stehen. Zwischen 2000 und 2005 würden weitere 100 000 neue Arbeitsplätze entstehen. Und bis 2010 noch einmal etwa 80 000 Stellen.

Natürlich sollte die Wirtschaft in der Stadt blühen und gedeihen: das Bruttoinlandsprodukt im Schnitt jährlich um 1,7 Prozent zulegen. Die Kollegen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sekundierten im Wochenbericht 1994: "Berlin profitiert stark vom Aufbauprozess in Ostdeutschland" und "entwickelt sich zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt in Ostdeutschland". Da die Metropole von einem "breit gefächerten Angebot an Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen" verfüge, ergäben sich daraus "vielfältige Möglichkeiten der Kooperation von Wirtschaft und Wissenschaft".

Die "besonders expansiven Bereiche" seien der private Dienstleistungssektor: Hotels und Gaststätten, Banken und Versicherungen, die Medienwirtschaft. Auch Finanzdienstleistungen, Software, Marketing, Werbung, Wirtschafts- und Rechtsberatung sowie Ingenieurleistungen sollten zum Aufschwung der Stadt beitragen. Und, mitten im Goldgräber-Rausch der Immobilien-Spekulanten, natürlich die Bauwirtschaft: Diese würde "eine kurzfristige Ausweitung um rund zwei Milliarden Euro" erfahren, ein Wachstum von 20 Prozent gegenüber 1993. Kurz, "für den Zeitraum 1993 bis 2000 ist ein Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts von (jährlich) drei Prozent zu erwarten" und Berlin würde sich von der Entwicklung im übrigen Bundesgebiet abkoppeln - und stärker wachsen!

Ach, wie schön waren die Perspektiven doch einst, so schön, dass die Forscher voller Sorge fragten: Würden die Baulöwen schnell und flexibel genug sein, um die große Nachfrage nach Wohnungen von teils hochqualifizierten Fachkräften befriedigen zu können? Und die vielen Büros erst, die gebaut werden müssten! Denn: "Es wird allgemein erwartet, dass die Einwohnerzahl kräftig wächst." Lebten 1991 4,3 Millionen Menschen in der Region, sollten es bis 2010 bereits 5,7 Millionen sein. Diese Zahl hatte ein Regionalausschuss verkündet. Und das DIW rechnete mit 600 000 Zuzüglern.

So viele neue Arbeitsplätze und so viele Neuberliner, wie sollten Banken und Immobilienlöwen nicht berauscht Projekte im Dutzend aushecken. Die Geldhäuser finanzierten nicht nur, sie bauten mit, als Partner von Projektentwicklern: bei Roland Ernst zum Beispiel stiegen Dresdner Bank und Hypo-Vereinsbank ein - und die LBB erwarb einen kleinen, erfolgreichen Nürnberger Bauträger. Der Name: Bavaria.

Die Rechnung war einfach: Für jeden Arbeitsplatz benötigt eine Firma etwa 25 Quadratmeter Bürofläche. Bei 320 000 neuen Stellen bis zum Jahr 2010, wie Empirica damals voraussagte, hätten die Baulöwen acht Millionen zusätzliche Quadratmeter absetzen können. Da die Studie von 1995 stammte, hätte das im Untersuchungszeitraum (15 Jahre) einer Büronachfrage nach rund 533 000 Quadratmetern jährlich entsprochen. Derart ungeheure Mengen von Beton wurden in Berlin in einem einzelnen Jahr bis heute nur ein einziges Mal verarbeitet. Die Durchschnittszahl jährlich fertig gestellter Bürohäuser liegt weit darunter. Dennoch stehen heute mehr als 1,2 Million Quadratmeter Büroflächen leer. Millionen-Gräber für die Banken. Und eine bricht daran fast zusammen: Die Bankgesellschaft Berlin. War also nur die Konjunktur schuld?

Bis Mitte der neunziger Jahre, vielleicht. Doch danach konnte jeder hören, der Ohren hatte. Denn da hatte sich das Blatt bereits gewendet und das DIW mahnte: Erwartungen und Prognosen aus dem Jahr 1990 seien "völlig unrealistisch" gewesen. Die Stadt "hinkt seit 1994 der allgemeinen Entwicklung hinterher. Die wirtschaftliche Leistung expandiert schwächer, die Beschäftigung geht stärker zurück als in Deutschland insgesamt". Zwar werde Berlin "bald wieder Anschluss an den gesamtwirtschaftlichen Wachstumspfad gewinnen". Doch die Stadt werde "zumindest bis 2010 nicht in der Lage sein, ihren Rückstand bei der Ausstattung mit überregionalen Dienstleistungsfunktionen gegenüber anderen Großstädten nennenswert zu verringern."

Da war von Berlin als "Drehscheibe" im Handel und Verkehr zwischen Ost und West sowie zwischen Skandinavien und Mitteleuropa keine Rede mehr. Immer wahrscheinlicher wurde dafür das Szenario, das die Auguren Anfang der 90er Jahre noch als relativ unwahrscheinlich abgetan hatten: Berlin als "Regionalzentrum Ost". Ein Bankkonzern aber machte weiter, als seien die Prognosen nie revidiert worden: Die Bankgesellschaft Berlin.

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