Barbie : Goldpuppe

Kein Spielzeug ist kommerziell so erfolgreich wie Barbie. Morgen wird sie 50. Emanzipiert war sie von Anfang an.

Sonja Pohlmann
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Zwei Barbies. -Foto: AFP

Was sie jetzt wirklich gut gebrauchen könnte, ist ein Stück Geburtstagskuchen, am besten mit Sahne. Denn sie ist ja so unglaublich dünn. Ohnehin machen sich die Ärzte Sorgen um sie. Bei Maßen von 99-46-84 hat sie überdimensionierte Brüste und viel zu kleine Füße – sie kann sich kaum fortbewegen, ohne nach vorne umzukippen. Und ihr Unterleib ist so schmal, dass die Organe darin kaum Platz finden.

Die Rede ist von einer Puppe, oder besser: der Puppe. Barbie nämlich. Am Montag wird sie 50. Keine andere Puppe muss sich so oft mit menschlichen Maßen vergleichen lassen. Keine Puppe wird so oft kritisiert. Zu schön, um wahr zu sein, sagen ihre Gegner. Forscher von der Universität Sussex sehen in ihr sogar eine Gefahr: Barbies ultradünne Figur schwäche das Selbstwertgefühl der Mädchen. Die Folge: Essstörungen und Magersucht rund um den Erdball.

Vermutlich ist Barbie das beliebteste Kinderspielzeug weltweit, gerade weil sie so unmenschlich und menschlich zugleich ist. Dass man nicht alles haben, alles können und nicht immer perfekt aussehen kann, ahnen ihre jungen Anhängerinnen. Umso schöner ist es aber, wenigstens eine Zeit lang davon zu träumen.

Statistisch gesehen werden pro Sekunde drei Barbies verkauft. Neun von zehn Mädchen zwischen drei und 13 Jahren besitzen mindestens ein Exemplar. Mehr als eine Milliarde Barbies bevölkern die Kinderzimmer rund um den Erdball. Barbie ist damit ein Weltstar. Doch der Geburtstag des Plastikpromis steht unter gemischten Vorzeichen. War Barbie bisher eine sichere Geldmaschine für den US-Hersteller Mattel, ging der Verkauf im vierten Quartal 2008 mit dem wichtigen Weihnachtsgeschäft um mehr als ein Fünftel zurück.

Schuld ist neben der Wirtschaftskrise auch ein Zickenkrieg im Spielzeugregal. Seit 2001 hat Barbie Konkurrenz: Bratz, ebenfalls großäugig, langbeinig und langhaarig. Muss die 50-Jährige nun fürchten, gegen eine Jüngere ausgetauscht zu werden? Wohl kaum. Denn genau wie der ebenfalls 50 Jahre alte Popstar Madonna erfindet sich auch Barbie immer wieder neu. Sie trug wallende Kleider während der Flower-Power-Bewegung und Schulterpolster in den 80ern, sie war Astronautin, ehe Neil Armstrong einen Schritt auf den Mond machte, und Präsidentschaftskandidatin, Jahrzehnte bevor Hillary Clinton antrat.

Stets wird Barbie neu inszeniert, und doch bleibt sie stets die verlässliche Anziehpuppe aus Plastik, wie sie die Amerikanerin Ruth Handler erfunden hat. Schuld an Barbies Double-Size-Zero-Maßen hat allerdings ein Deutscher. Der Karikaturist Reinhard Beuthien hatte in den 50er Jahren ein Pin-up-Girl namens Lilly gezeichnet, das mit flotten Sprüchen und flotter Figur Furore machte. Nach ihrem Vorbild gestaltete der Modelleur Max Weißbrodt eine Spielzeugpuppe, und als die Möbelproduzentin Ruth Handler nach Luzern reiste, entdeckte sie Lilly in einem Schaufenster. Tochter Barbara war von dem Mitbringsel begeistert, und die Barbie-Idee war geboren. Ruth Handler stellte ihre Lilly-Adaption am 9. März 1959 auf der Spielzeugmesse in New York vor.

Schnell entwickelte sich Barbie zur Goldpuppe. Mädchen in aller Welt sind Herrscherinnen über Haupt und Haar, Leben und Liebe, Erfolg und Niederlage. Der 29,9 Zentimeter großen Plastikfreundin legen sie Miniröcke, Ballkleider, Bikinis und Pumps an, während sie selbst noch in kratzenden Wollstrumpfhosen stecken. Barbie wird Tierärztin, Model und Prinzessin, Verführerin und Verführte. Mit Ken verkeilt sie sich in den wildesten Stellungen, lange bevor ihre kleinen Besitzerinnen die „Bravo“ entdecken. Und sollte eine Tante es wagen, statt einer Barbie die hässliche Petra zu schenken – nun, dann gibt es Ärger.

Immer wieder wurde versucht, das Erfolgsrezept zu kopieren. Doch der Mythos lebt. Mit immer neuen Kleidern und Accessoires, vom Barbie-Haus über diverse Barbie-Autos bis hin zum Barbie- Pferd weckt das Unternehmen immer neue Wünsche. Konsumabhängige Kinder werden so herangezogen, sagen Kritiker. Dabei wollte Ruth Handler einst mit Barbie bewusst eine Alternative zu den in den 50er Jahren fast ausschließlich verkauften Babypuppen bieten, mit denen die Mädchen bereits die spätere Mutterrolle einüben sollten.

Das Allround-Talent Barbie steht deshalb mit seinen inzwischen mehr als 100 erlernten Berufen vielleicht viel mehr für die Emanzipation der Frau als jede andere Puppe. Jetzt fehlt nur noch, dass sie Kind und Karriere unter einen Hut bringt. Das passt dann auch zum Weltfrauentag, der am heutigen Sonntag – einen Tag vor Barbies 50. Geburtstag – begangen wird.

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