Wirtschaft : Barriere im tschechischen Außenhandel abgeschafft

LUDMILA RAKUSAN[PRAG]

Streit mit Brüssel beigelegt / Privatisierungen im BankenbereichVON LUDMILA RAKUSAN, PRAG

Mit sofortiger Wirkung hob die tschechische Regierung jetzt eine äußerst umstrittene Maßnahme auf, die vor vier Monaten zur Drosselung des bedrohlichen Defizits im Außenhandel eingeführt wurde und seitdem für böses Blut im Verhältnis zu Brüssel sorgte.Die tschechischen Importeure wurden seit April gezwungen, für Einfuhren von Lebensmitteln und Konsumgütern aus dem Ausland Bankdepositen in Höhe von 20 Prozent des Warenwertes anzulegen und die Gelder für ein halbes Jahr zinslos einzufrieren.Die EU-Kommission sah darin einen Verstoß gegen den tschechischen Assoziierungsvertrag mit Brüssel und drang auf Abschaffung der Barriere.Erbost zeigte sich ebenfalls die mit Tschechien in einer Zollunion eingebundene Slowakei und tat ihrerseits den tschechischen Warenexporten gegenüber das Gleiche. Auf Kritik stieß die Maßnahme jedoch auch in der Tschechischen Republik.Man bemängelte, daß sie vor allem kleine und mittlere Unternehmen treffe und durch Preiserhöhungen die Inflation antreibe.Die gewünschte Beschränkung des Außenhandels, der bereits im Vorjahr mit 160 Mrd.Kronen im Defizit war und dessen Bilanz auch Anfang 1997 rasch absackte, hätte man auch mit marktgerechten Mitteln, zum Beispiel mit einer Abschwächung der Krone, erzielen können.Diese Entwicklung setzte dann tatsächlich ein: trotz massiver Stützungskäufe mußte die Zentralbank Ende Mai den jahrelang stabilen Wechselkurs der Krone freigeben.Seitdem schwankt der Wechselkurs zwischen zehn und 15 Prozent unterhalb der früheren zentralen Parität.Und, wie der tschechische Industrie- und Handelsminister Karel Kühnl am Mittwoch offen zugab, es ist nicht einmal mehr möglich, diese Wirkung auf den Außenhandel von dessen eventueller Beeinflussung durch die Bankdepositen auseinander zu halten. Der neue Handelsminister versuchte den Eindruck zu vermeiden, mit der Abschaffung der von Kühnls Vorgänger Dlouhy durchgesetzten Bankdepositen beuge sich Prag den heftigen Protesten aus Brüssel.Seine Zusicherung, der Außenhandel entwickle sich jetzt besser als früher, klang jedoch angesichts der neuesten Zahlen, worauf die Krone bereits mit einer Abschwächung reagierte, nicht überzeugend. Erfreulicher sind dagegen in letzter Zeit die Entwicklungen an der Prager Börse, wo sich die ausländischen Investoren wieder für die einheimischen "blue chips" zu interessieren beginnen.Als Favoriten der Woche traten dort eine Radiokommunikationsfirma hervor, nachdem in diese die TeleDanmark mit 20,8 Prozenteingestiegen war.Zu langfristigen Rennern an der Börse gehören außerdem die tschechische Telecom und die größten tschechischen Bankhäuser, deren Attraktivität demnächst noch steigen könnte.Die tschechische Regierung beschloß in dieser Woche, die jeweils vom Staat gehaltenen Mehrheitsanteile im Kommerzbankhaus "Komercni banka", in der Sparkasse "Ceska sporitelna" und in der Handelsbank "Ceskoslovenska obchodni banka" an strategische Partner im Ausland zu veräußern.Allerdings muß dieser bereits seit langem erwogene Schritt noch dem tschechischen Parlament vorgelegt werden, bevor nach Interessenten in der internationalen Finanzwelt gesucht werden darf.Einen Vorreiter gibt es allerdings schon: erst neulich ist in Prag die Entscheidung gefallen, die Staatsanteile in der Investment- und Postbank IPB an das japanische Bankhaus Nomura zu verkaufen. Demnächst sollen an der Prager Börse ebenfalls die vom Staat in diesen Tagen herausgegebenen Hochwasser-Schuldverschreibungen gehandelt werden.Allerdings wurden diese Wertpapiere mit fünfjähriger Laufzeit vorrangig als eine Solidaritätsgeste der Bürger mit den von der Flutkatastrophe betroffenen Gebieten konzipiert.Ihre Verzinsung deckt daher lediglich die zu erwartende Inflation sowie die Besteuerung.Daß sie sich in Tschechien trotzdem überraschend gut verkaufen, führen die Experten auf mangelnde Gelegenheiten zurück, Erspartes sicher und ohne Inflationsverluste anzulegen.Einen regen Handel mit dieser Obligation an der Börse schließen sie jedoch aus.Für institutionelle Investoren sei diese Anlagemöglichkeit nicht attraktiv genug.

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