Wirtschaft : Barrieren abbauen

Die Regierung wirbt für die Einstellung Behinderter.

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Foto: Kai-Uwe Heinrich
Foto: Kai-Uwe Heinrich

Berlin - Philipp von der Linden ist Berater bei Auticon und testet dort Software. Von der Linden hat Asperger, eine leichte Form von Autismus. Für Auticon kein Nachteil, im Gegenteil: Er wurde eingestellt, weil er als Mensch mit Asperger-Syndrom besondere Fähigkeiten hat. Er kann sich lange konzentrieren, detailgenau arbeiten und sehr logisch denken – ideale Eigenschaften für einen Software- Tester. „Nur wenn man eine Arbeit hat, kann man ein selbstbestimmtes Leben führen“, sagt der junge Mann im blauen Anzug, „ich möchte mich möglichst optimal einbringen“.

Mit solchen Erfolgsgeschichten will der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen Unternehmen animieren, mehr Menschen mit Behinderung einzustellen. Dazu touren Vertreter der Behörde gerade durch Deutschland. „Ziel der Konferenzen vor Ort ist, es, dass Unternehmen und Ansprechpartner sich kennen lernen“, sagt der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe.

Der Initiative spielt der demografische Wandel in die Hände. Bis zum Jahr 2025 werden mehr als sechs Millionen Arbeitnehmer in Deutschland fehlen. Hinzu kommt, dass Menschen länger arbeiten werden, ältere Menschen aber häufiger eine Behinderung haben. So waren Ende des vergangenen Jahres nach Angaben des Statistischen Bundesamts knapp die Hälfte der Schwerbehinderten zwischen 55 und 75 Jahre alt. Insgesamt gibt es 7,3 Millionen Menschen mit einem Behinderungsgrad von 50 Prozent und mehr in Deutschland. Und ihre Zahl steigt.

„Es kann sich kein Arbeitgeber mehr leisten, auf dieses Potenzial zu verzichten“, sagt Dieter Braun vom Handelsverband Deutschland. Bislang ist aber genau das passiert. Nach Informationen des Bundeswirtschaftsministeriums beträgt die Beschäftigungsquote von Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt durchschnittlich 4,5 Prozent, bei privaten Arbeitgebern sogar nur vier Prozent. Die meisten Betriebe kaufen sich lieber mit der so genannten Ausgleichsabgabe frei, die fällig wird, wenn ein Betrieb mit mindestens 20 Arbeitsplätzen weniger als fünf Prozent der Stellen an Schwerbehinderte vergibt.

Dass es auch anders gehen kann, demonstriert das Berliner Unternehmen Auticon. Geschäftsführer Dirk Müller-Remus hat selbst ein Kind mit Asperger-Syndrom. Daher kennt er die Defizite, aber auch die Fähigkeiten von Menschen mit Asperger. Sechs seiner elf Mitarbeiter haben diese Behinderung, langfristig will Müller-Remus 50 Stellen für Mitarbeiter mit Asperger schaffen. Weil seine Mitarbeiter auch Kunden besuchen, muss Müller-Remus viel Aufklärungsarbeit leisten: Was Autismus ist, was Asperger ist, und dass die Behinderung beispielsweise zu Defiziten im Sozialverhalten führt. Dem Unternehmer hat seine Geschäftsidee bislang viel Medieninteresse verschafft.

Das gilt auch für das Unternehmen Globetrotter, das seit 15 Jahren Menschen mit Behinderung beschäftigt. 44 von derzeit 1600 Mitarbeitern sind schwer behindert. Mit Praktika hat es angefangen – einer Methode, für die Karl-Sebastian Schulte, Geschäftsführer des Zentralverbandes des deutschen Handwerks, wirbt. „Es ist ein toller Einstieg, um herauszufinden, ob man zusammenpasst. Und wenn es nicht klappt, sagt das Unternehmen nicht ‚nie wieder’“. Wenn es klappt und der Mitarbeiter bei Globetrotter integriert ist, arbeitet er wie Kollegen ohne Behinderung und wird gleich entlohnt.

Dass Menschen mit einer Behinderung zu einer wichtigen Zielgruppe werden könnten, hat auch die Unternehmensberaterin Birgit Mogler gemerkt. Für die Bank ING Diba hat sie gerade ein Projekt zur Rekrutierung von Behinderten gestartet – und sie sagt: „Wenn man es ihnen einfach macht, stellen Unternehmen Menschen mit Behinderung ein.“ Tendenz steigend. Darauf könne man sich glatt spezialisieren. Constance Frey

Die nächsten Veranstaltungen finden in Bochum und Karlsruhe statt. Mehr Infos unter www.behindertenbeauftragter.de

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