Wirtschaft : Baseler Akkord: Bankenaufsicht braucht dringend Spezialisten

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Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht veröffentlichte im Juni 1999 ein Papier, dass sich mit den Mindestanforderungen an die Eigenkapitalausstattung der Kreditinstitute befasst. Danach sollen die Banken künftig die Risikosituation des Kreditnehmers genauer einschätzen und dann entsprechend der Gefahr eines Kreditausfalls Eigenkapital vorhalten müssen. Bisher wurde eine Eigenkapitalunterlegung von acht Prozent gefordert, künftig dürfte diese zwischen einem und 16 Prozent liegen. Schlechtere Kreditnehmer binden mehr Eigenkapital der Bank und dürften deshalb in Zukunft höhere Zinsen zahlen. Zur Beurteilung der Kunden hat die Bank die Möglichkeit des externen Ratings, etwa durch Agenturen. Beim internen Rating ermittelt sie selbst die Bonität.

Wenige Wochen vor dem Umzug von Berlin nach Bonn plagen den Präsidenten des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen (BAKred), Jochen Sanio, Personalsorgen. Die Lücken, die diejenigen Mitarbeiter gerissen haben, die nicht mit ins Rheinland wollten, sind geschlossen, aber der bevorstehende Baseler Akkord, die Neuregelung der Eigenkapitalvorschriften für Kreditinstitute, dürfte eine gewaltige Arbeitsbelastung für das Amt bringen. "Die Banken erhalten zwar weitgehende Methodenfreiheit bei der Bewertung der Risiken, doch diese Methoden werden fortlaufend von einer neutralen Einheit auf ihre Funktionsfähigkeit überprüft", so Sanio am Donnerstag bei der Vorlage des Jahresberichts 1999 vor der Presse in Berlin. Der Prüfer heißt Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen und Sanio schätzt, dass das Amt neben seinen bisher rund 630 Mitarbeitern sicherlich 500 bis 600 zusätzliche Fachleute braucht. Mindestens 50 werden hochqualifizierte Controller sein müssen, die die vielschichtigen Risikokontroll- und Steuerungssysteme der beaufsichtigten Institute analysieren und bewerten müssen. Diese Spezialisten, lassen sich aber zu Beamtengehältern nicht anwerben, befürchtet Sanio.

Es sei anzunehmen, dass Hunderte von deutschen Kreditinstituten die Zulassung zum internen Rating beantragen würden. Wenn die Politik nicht sehr bald Voraussetzungen schaffe, drohe ein Reputationsverlust der Bankenausicht und damit des Finanzplatzes Deutschland, warnte der Präsident. Er schätzt, das das Amt höchstens noch drei Jahre Zeit hat, die materielle Neuausrichtung der Aufsicht vorzunehmen.

Sanio schwebt auch schon ein Modell vor: Da eine Privatisierung der Bankenaufsicht aus verfassungsrechtlichen Gründen (Art 33 GG) nicht möglich erscheint, käme eine Anstalt des öffentlichen Rechts in Frage, die über einen eigenen Haushalt verfügt. Die Finanzierung könnten die Banken und Sparkassen übernehmen, die schon heute 90 Prozent des Haushalts des Amtes tragen.

Angesichts dieser Sorgen verblasst für Sanio die Diskussion über die Neuordnung der Bankenaufsicht in Deutschland etwas. Der Präsident räumte ein, dass er die enge Verbundenheit mit dem Bundesministerium für Finanzen, seinem obersten Dienstherrn, durchaus erhalten wissen will, ging aber einer Beantwortung der Frage, ob auch ein Zusammengehen mit der Deutschen Bundesbank in Frage komme, bewusst aus dem Wege. Das Amt dürfe sich aus Loyalitätsgründen nicht äußern.

Die Bankenbranche blieb nach dem Bericht des Amtes 1999 von größeren Krisen verschont. Erhebliche Gewinneinbrüche oder spektakuläre Schieflagen seien 1999 lediglich bei einigen Sparkassen, Kreditgenossenschaften und Spezialbanken zu beobachten gewesen, heißt es im Jahresbericht. Die Ertragslage sei trotz des zunehmenden Drucks in Kreditgeschäft weitgehend stabil geblieben, allerdings ergänzte Sanio, dass die deutschen Institute innerhalb der G-10 und der EU im Durchschnitt zu den ertragsschwächsten zählten. In 377 Fällen kam es zu gravierenden Beanstandungen des Amtes. Im Bereich des "Grauen Kapitalmarktes" untersagte das Amt in 20 Fällen das Betreiben von Bankgeschäften, in 822 Fällen wurden Ermittlungen aufgenommen.

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