Bauernpräsident Sonnleitner : "Biosprit ist nicht für den Hunger in der Welt verantwortlich“

In der Nähe von Passau bewirtschaftet Gerd Sonnleitner einen Hof, der auf Rinder- und Schweinemast spezialisiert ist. Seit 1997 führt er den Deutschen Bauernverband. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel redet er über Mais im Tank, Gentechnik auf dem Acker und Milchpreise.

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Landwirt und Bauernpräsident: Gerd Sonnleitner. -Foto: dpa

Herr Sonnleitner, für den Anbau von Pflanzen für die Biospritproduktion bekommen Bauern hohe Zuschüsse. Gleichzeitig sind Lebensmittel so teuer geworden, dass Millionen von Menschen sie nicht mehr bezahlen können. Ist das gerecht?

Ich halte nichts von diesen einseitigen Schuldzuweisungen, wonach Biosprit für den Hunger in der Welt verantwortlich sein soll. Auf ein Prozent der Flächen weltweit wird Bioenergie produziert. Allein die Ernteschwankungen und Verluste nach der Ernte sind gewaltiger. Energiepflanzen werden nur in der EU auf zwei Prozent der landwirtschaftlichen Fläche angebaut.

Die USA haben zuletzt 30 Prozent ihrer Maisproduktion in den Tank gesteckt.

Gleichzeitig hat Amerika aber mehr Mais denn je am Weltmarkt verkauft.

Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul hat wegen der hohen Lebensmittelpreise ein Moratorium für die Biospritproduktion gefordert.

Mir wird das Thema Bioenergie zu negativ diskutiert. Es geht schließlich auch um Klimaschutz und Energiesicherung. Wir sind dafür, dass man das Biokraftstoffquotengesetz in der alten Form, das bis 2015 einen Biokraftstoffanteil von acht Prozent vorsieht, aufrechterhält...

... die EU will bis 2020 zehn Prozent ...

... aber mehr braucht es nicht. Wir waren auch früher schon immer vorsichtig mit zu ambitionierten Zahlen. Nach der Einführungsphase muss der Markt entscheiden. Wir sehen schon jetzt, dass die meisten Bioethanolanlagen in Deutschland nur mit halber Kraft fahren. Die Nahrungsmittelproduktion ist bei den Preisen eindeutig wirtschaftlicher.

Wie viel der landwirtschaftlichen Fläche wird in Deutschland für die Biospritproduktion genutzt?

Von den 17 Millionen Hektar entfallen etwa zwei Millionen Hektar auf den Anbau von Energiepflanzen und nachwachsenden Rohstoffen, also rund zwölf Prozent. Wir werden in Deutschland vordringlich Nahrungsmittel erzeugen. Entscheidend für die zukünftige Entwicklung ist, was bei den Rohstoffen weltweit passiert bei Angebot und Nachfrage.

Kann die Krise durch den Einsatz von Gentechnik in Deutschland gestoppt werden?

In diese Diskussion will ich nicht einsteigen. Wenn es um die grüne Gentechnik geht, reden wir plötzlich nicht mehr über Hunger und Elend in der Dritten Welt, sondern nur von Risiken. Andererseits ist die Gentechnik kein Königsweg bei der Problemlösung. Es gibt andere Wege, mit denen wir schneller zum Erfolg kommen. Bei der konventionellen Pflanzenzüchtung gibt es viel mehr Möglichkeiten zur Ertrags- und Qualitätssteigerung als mit Gentechnik.

Welchen Anteil tragen Spekulanten an den hohen Lebensmittelpreisen?

In Thailand ist der Preis für eine Tonne Reis von 200 Dollar auf 1000 Dollar gestiegen. Dort gibt es keine Biospritkonkurrenz, das liegt also vermutlich an Spekulanten. Meine Sorge ist, dass wir durch die Spekulanten dieselben Schäden in der Realwirtschaft erleiden wie bei der Finanzkrise und den Banken. Bei denen war es zunächst ja auch nur eine Blase, die jetzt zum Schaden aller gereicht hat. Wenn jetzt auch die Agrarrohstoffe durch die Spekulanten hochgetrieben werden, schädigen Sie die reale Wirtschaft. Und darum müssen die Regeln verschärft werden.

Die hohen Lebensmittelpreise haben – zusammen mit teurer Energie – die Inflation in den vergangenen Monaten kräftig angeheizt. Ist die reale Wirtschaft nicht schon längst in Mitleidenschaft gezogen?

Über 20 Jahre lagen wir in Deutschland bei den Lebensmittelpreisen bei der Hälfte der Inflationsrate. Da wurde nicht gelobt: Die niedrigen Lebensmittelpreise bremsen die Inflation. Die Kehrseite waren sinkende Einkommen bei den Bauern. Aber jetzt, wo wir ein halbes Jahr bei drei Prozent Preisauftrieb lagen, wird der Branche vorgeworfen, die Inflation anzuheizen. Da ist die Öffentlichkeit ein bisschen ungerecht. Es wird gerne vergessen, dass auch Landwirte nicht nur durch explodierende Kosten höhere Ausgaben haben und sich diese bei den Erzeugerpreisen widerspiegeln müssen.

Das Einkommen der Bauern lag 2007 so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr. Außerdem unterstützt die EU ihre Bauern in jedem Jahr mit 50 Milliarden Euro Subventionen aus Steuergeldern. Ist das nicht ein bisschen viel Zumutung für Verbraucher?

Die Deutschen geben elf Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus. Und was die Einkommen angeht: Durchschnittlich 2100 Euro monatlich hat ein Landwirt in 2007 brutto verdient. Davon muss er seine Sozialabgaben und Steuern zahlen und in seinen Betrieb investieren.

Bundesagrarminister Horst Seehofer hat im Rahmen der Welthandelsrunde gerade gefordert, dass China, Indien und die USA die höheren Umwelt- und Gesundheitsstandards einhalten sollen, wenn sie Produkte in die EU einführen wollen. Werden da neue Handelsschranken aufgebaut?

Es muss das Ziel sein, dass im Welthandel die annähernd gleichen Standards für Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutz gelten. Es kann doch keinen geteilten Gesundheitsschutz geben. Wenn zum Beispiel Pflanzenschutzmittel bei uns verboten sind, kann es doch nicht sein, dass diese über Importe ins Land kommen.

Nach der jüngsten Milchpreissenkung haben Sie dem Handel „Raubtierkapitalismus“ vorgeworfen und das Kartellamt zu Hilfe gerufen. Warum?

Ich halte die fast 20-prozentige Milchpreissenkung im April zeitgleich bei den großen Lebensmittelhändlern für einen Machtmissbrauch gegenüber Vorlieferanten und Bauern. Wir haben in Deutschland acht Händler, die fast 90 Prozent der Nahrungsmittel vertreiben. Dagegen stehen 6500 Firmen in der Ernährungsindustrie und 350 000 Bauern. An diesem Größenverhältnis sehen Sie, dass auch wir gefordert sind, um auf gleicher Augenhöhe verhandeln zu können.

Ist schon eine Lösung in Sicht?

So, wie das Kartellgesetz aufgebaut ist, ist es für uns schwierig, gegen die Marktmacht der Händler vorzugehen. Aber mit der Infragestellung der Fusion von Netto und Plus stellen wir beim Bundeskartellamt zum ersten Mal einen Paradigmenwechsel fest: Ursprünglich war alles erlaubt, was die Discounter stärkte. Konzentration ist deshalb gutgeheißen worden. Die Fusion von Netto und Plus wird jetzt kritisch hinterfragt, weil die Abhängigkeit der Lieferanten bei einem Zusammenschluss zu groß geworden wäre. Das macht uns Hoffnung.

Im Gegensatz zu den Bauern sind viele Verbraucher glücklich über die günstige Milch. Wie lange wird das so bleiben?

Wir rechnen damit, dass die Milch im Sommer oder Frühherbst wieder teurer wird. Auch Bauern sind Verbraucher. Aber was nützt es, wenn die Milchbauern wegen zu niedriger Erzeugerpreise die Produktion aufgeben und die Verbraucher von Importen abhängig werden. Die Preisschwankungen wären größer, das Angebot kleiner. Bei der Energie erleben wir, dass bei Importabhängigkeit die Preise stetig steigen. Da steht auch der Lebensmittelhandel in gewisser Verantwortung.

Das Gespräch führten Maren Peters und Kevin Hoffmann.

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