Bauindustrie : Mittelstand schöpft wieder Hoffnung

Wichtige Indikatoren wie Umsatz, Auftragseingang und Beschäftigung zeigen eine Stabilisierung der Situation an. Ein Interview mit dem Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbands Berlin-Brandenburg, Axel Wunschel.

Die günstige Konjunkturentwicklung in Deutschland hat auch die regionale Bauwirtschaft erfasst. Ist die elfjährige Krise der Branche in Berlin und Brandenburg zu Ende?



Wir können ein Ende der Krise wohl bestätigen. Bundesweit ist sie bereits in einen kleinen Aufschwung umgeschlagen. In Berlin und Brandenburg hat sich die Situation am Bau stabilisiert. Im Wirtschaftsbau registrieren wir ein zunehmendes Interesse internationaler Investoren vor allem an Wohnimmobilien, aber auch an Gewerbeimmobilien.

Die Hauptstadtregion hat auch eine gute Ausgangsposition, um Investitionen deutscher Unternehmen für den Bau von Produktionsstätten anzulocken. Die öffentlichen Haushalte scheinen endlich zu erkennen, dass kontinuierliche Investitionen in Unterhaltungsmaßnahmen und Infrastrukturausbau notwendig sind.

Alles dies zusammen führt aus unserer Sicht zumindest zu einer Stabilisierung, möglicherweise sogar zu einem leichten Aufschwung in 2007. Effekte erhoffen wir uns vor allem auch vom Bau des Flughafens BBI. Deren Umfang ist derzeit aber nur sehr schwer zu prognostizieren, weil nicht klar ist, wo der Großteil der Aufträge verbleiben wird.

Nach Angaben der Flughafengesellschaft sind bisher 80 Prozent der BBI-Aufträge an den Mittelstand in der Region vergeben worden, darunter auch der Bau des Bahntunnels und unterirdischen Bahnhofs. Wird die regionale mittelständische Bauindustrie weiterhin so gut im Rennen bleiben?

Der Mittelstand in der Region hat sich gut aufgestellt. Regionale Firmen haben durchaus gute Chancen im Wettbewerb, von Generalunternehmen Unteraufträge zu erhalten. Hier macht sich auch das Bieterverzeichnis in Cottbus bezahlt. Insgesamt hoffen wir, dass die regionale Bauwirtschaft einen guten Teil der Wertschöpfung beim BBI-Bau erbringen wird.

Woher nehmen Sie auf einmal diese Zuversicht? Die regionalen Bauverbände, auch der Bauindustrieverband Berlin-Brandenburg, haben immer wieder geklagt, die regionale Bauwirtschaft hätte kaum Chancen bei der Auftragsvergabe zum Bau des BBI. Sie forderten die Politik zum Gegensteuern auf.

Die ursprüngliche Idee der Auftragsvergabe war in der Tat sehr wenig mittelstandsgerecht. Hier sind wesentliche Fortschritte erzielt worden. Die Flughafengesellschaft scheint sich in die richtige Richtung bewegt zu haben. Und das ist auch der Politik und unserem Einfluss auf die Politik geschuldet.

Der Berliner Wirtschaftssenat wird nicht müde, den Mittelstand aufzufordern, sich stärker um Aufträge beim BBI-Bau zu bemühen. Die Firmen sollten sich zu Gemeinschaften zusammenschließen und ins Bieterverzeichnis in Cottbus eintragen lassen. Engagiert sich der Mittelstand zu wenig?

Der Mittelstand tut sehr viel. Solche Hinweise durch die Politik sind eine wohlfeile Möglichkeit, von eigenen Versäumnissen an anderen Stellen abzulenken. Die Wirtschaft macht ihre Hausaufgaben.

Wird das von Ihnen konstatierte Ende der Baukrise auch zu mehr Beschäftigung am Bau führen?

Wir sehen bereits heute, dass in Berlin und Brandenburg die Zahl der gewerblich Tätigen leicht zunimmt. Trotz des vergangenen sehr harten Winters wird 2006 in Berlin voraussichtlich insgesamt mit einer Zunahme der Beschäftigung im gewerblichen Bereich abgeschlossen. In Brandenburg wird allenfalls mit einem ganz leichten Rückgang gerechnet. Für dieses Jahr erwarten wir, dass die Beschäftigungszahl nicht abnimmt, sondern eher steigt.

Werden die Bauunternehmen nun mehr junge Leute ausbilden?

Ja, wir hatten in Brandenburg 2006 vier Prozent mehr betriebliche Lehrlinge als im Vorjahr. Bundesweit waren es sechs Prozent. In Berlin blieben die Zahlen konstant. Aber 2005 stiegen hier die Ausbildungszahlen gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt bilden die Unternehmen also wieder mehr aus.

Wie wird sich die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf die Bauwirtschaft auswirken?

Kaum. Die gewerblichen Auftraggeber betrifft die Mehrwertsteuererhöhung nicht. Für diese ist die Mehrwertsteuer ein durchlaufender Posten. Für die privaten Auftraggeber ist die eigene Einschätzung der wirtschaftlichen und persönlichen Situation für eine Investitionsentscheidung ausschlaggebend. Überdies muss am Bau mit anziehenden Preisen gerechnet werden. Das könnte dazu motivieren, Investitionen früher zu beginnen. Diese beiden Aspekte sind wesentlich wichtiger für die Investitionsentscheidungen privater Auftraggeber als die dreiprozentige Erhöhung der Mehrwertsteuer. (Von Michael Winckler/ddp)

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