Wirtschaft : Baustelle Holzmann

Rolf Obertreis

Die beiden Hauptakteure vom November 1999 treten nicht auf. Bundeskanzler Gerhard Schröder lässt mitteilen, dass er Holzmann diesmal nicht unter die Arme greift. Die Banken würden alleine eine vernünftige Lösung finden. Und Betriebsratschef Jürgen Mahneke, der damals öffentlichkeitswirksam den Kanzler ins Boot geholt und damit auch den Banken Druck gemacht hatte, ist untergetaucht. Seit Tagen lässt er sich verleugnen. Ein publikumswirksamer Auftritt wäre dem "Medienkanzler" heute sowieso versagt. Holzmann musste Ende Februar die traditionsreiche Zentrale an der Frankfurter Taunusanlage aufgeben. Am 24. November 1999 hatte Schröder vor den Toren des 90 Jahre alten Gebäudes die Rettung des Konzerns verkündet. Rund 1000 Bauarbeiter hatten ihn mit "Gerhard, Gerhard"-Rufen gefeiert. Jetzt residiert der Holzmann-Vorstand abseits in einer Villa im Frankfurter Westend.

Wie lange die Holzmann-Manager dort noch agieren, ist offen. Spätestens Anfang April dürfte der Insolvenz-Antrag unvermeidlich sein. Drei Wochen Frist hat der Vorstand nach der Feststellung der Überschuldung, um eine Lösung zu finden. Beim ersten Banken-Treffen vor einer Woche hatte Holzmann-Finanzchef Johannes Ohlinger die Überschuldung eingeräumt. Der Verlust im vergangenen Jahr lag mit 237 Millionen Euro deutlich über dem Eigenkapital von 126 Millionen Euro. Fließt kein frisches Geld, ist Holzmann Pleite. Die neue Schieflage beruht auf zwei Entwicklungen: der dramatischen Talfahrt der Baubranche und dem mangelnden Erfolg von Holzmann beim Verkauf von Immobilien und Grundstücken.

Gleichwohl: Der Aufsichtsratschef Konrad Hinrichs, von der Deutschen Bank im Dezember 1999 engagiert und bis Ende Januar 2002 Vorstandsvorsitzender, hat zu viele Hoffnungen geweckt. Zwar hat der erfahrene Manager dem Konzern schlankere Strukturen verpasst. Aber die Verluste waren nur am Anfang kleiner. 2001 sind sie, wie auch Deutsche Bank-Chef Rolf Breuer sagt, in völlig "überraschende Dimensionen" gewachsen. Dabei hatte Finanzchef Ohlinger noch im Dezember erklärt, man werde das Minus unter 80 Millionen Euro drücken. Dass keine drei Monate später auf einmal 237 Millionen Euro fehlen, ist mehr als merkwürdig. Allein im Inland soll ein Verlust von 114 Millionen Euro entstanden sein. Viele Baustellen produzieren offenbar rote Zahlen.

Dass sich die Geldhäuser nicht einig werden über Forderungsverzicht, den Kauf profitabler Holzmann-Teile und die Übernahme zweit- und drittklassiger Immobilien, kann niemanden verwundern. Zähneknirschend und auf politischen Druck haben sie vor zwei Jahren rund zwei Milliarden Euro in das Unternehmen gepumpt. Zwar hat Holzmann mittlerweile 1,3 Milliarden Euro an Schulden beglichen. Aber jetzt geht es schon wieder um rund eine Milliarde Euro. Wie lange die reichen würden, weiß niemand. "Es gibt kein Konzept für das Überleben des Konzerns", sagt ein Banker und verweist auf die Überkapazitäten in der deutschen Baubranche. "Die Insolvenz wäre das Beste. Das heißt ja nicht, dass nichts bleibt." Auch bei Holzmann gebe es eine "ganze Menge gute Teile".

Letztlich will sich keines des 17 Geldhäuser den Vorwurf einhandeln, der Totengräber von Holzmann zu sein. Also verbreitet Breuer Optimismus, handelt sich dafür aber auch herbe Kritik der Wettbewerber ein. Und dann wenden die feinen Herren auch nicht so feine Methoden an: Wenn Du bei Kirch nicht mitmachst, bleiben wir eben bei Holzmann hart, rufen die Herren der Hypo-Vereinsbank den Deutschbankern zu. Das verlautet zumindest aus Bankenkreisen.

Dass auch 23 000 Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, wird derzeit allenfalls am Rande erwähnt. Rund 10 000 davon in Deutschland. Der Betriebsrat rührt sich nicht. Auch die Industriegewerkschaft Bau brauchte bis Freitag, bis sie sich endlich zur dramatischen Entwicklung bei Holzmann äußerte. Von einem "schmutzige Spiel der Banken mit den Arbeitsplätzen bei Holzmann" spricht IG Bau-Vize Ernst-Ludwig Laux.

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