Wirtschaft : Baustelle Siemens

Das ICE-Desaster wirft die Frage auf, ob Peter Löscher den Konzern noch im Griff hat.

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Aus besseren Tagen. Bahn-Chef Grube (l.) und Siemens-Chef Löscher bei der Vorstellung des neuen ICE 2010 in Berlin. Foto: p-a/dpa
Aus besseren Tagen. Bahn-Chef Grube (l.) und Siemens-Chef Löscher bei der Vorstellung des neuen ICE 2010 in Berlin. Foto: p-a/dpaFoto: picture alliance / dpa

München - Eine neue Konzernzentrale in feiner Münchner Lage möchte sich Siemens bis zum Jahr 2016 errichten, in der die 1200 Mitarbeiter untergebracht werden. Geht es aber beim Bau voran wie bei den 16 neuen ICE-Zügen, deren Lieferung an die Deutsche Bahn in dieser Woche nochmals verschoben wurde, dann wird die Siemens-Mannschaft, so sagen Spötter, im Provisorium arbeiten müssen.

Der Bahn drohen ohne die neuen Züge vom Typ Velaro D als Reserve bei strengen Minus-Temperaturen große Probleme – hat sich doch in den vergangenen Jahren die Anfälligkeit der ICEs bei Kälte wie Hitze gezeigt. Außerdem ist um die Weihnachtstage das Reiseaufkommen besonders hoch. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ist höchst erbost, dass Siemens zum wiederholten Mal nicht pünktlich liefern kann. Gerade die Elektronik funktioniert nicht richtig – obwohl Siemens doch in diesem Bereich am wenigsten Probleme haben sollte. Der Auftrag für die Züge ist fünf Milliarden Milliarden Euro schwer, über eine Entschädigung der Bahn soll nun verhandelt werden. Im Gespräch ist die Lieferung eines Gratis-Zuges. Viel Geld wird Siemens mit den ICEs jedenfalls nicht mehr verdienen.

In dem riesigen Technologiekonzern mit 120 000 Beschäftigten allein in Deutschland geht einiges drunter und drüber. Vor fünf Jahren ist Peter Löscher als Vorstandschef angetreten, um Siemens nach dem Korruptionsskandal fit zu machen für die Zukunft. Seitdem wird umstrukturiert, neu organisiert, aufgekauft und wieder abgestoßen, so dass manchmal der Überblick verlorenzugehen droht. Der Konzern erscheint als ewige Baustelle.

Erst im Herbst 2009 war Siemens ins Solargeschäft eingestiegen und hatte den Solarthermie-Betrieb Solel in Israel für 320 Millionen Euro gekauft. „Bei Siemens scheint künftig die Sonne“, verkündete Löscher damals stolz. Jetzt, drei Jahre später, löst der Konzern seine Sparten Solarthermie und Photovoltaik auf. Der Verlust wird auf 250 Millionen Euro geschätzt. Auch beendet Siemens seine Mitgliedschaft beim Wüstenstromprojekt Desertec zum Jahresende. Ziel der ehrgeizigen Stiftung ist es, in Nordafrika in großem Maß Strom herzustellen und ihn nach Europa zu transportieren. Siemens war ein wichtiges Mitglied, auch weil die DII (Desertec Industrial Initiative) ebenfalls in München angesiedelt ist. Neben der Solarenergie stehen ebenso Windparks auf hoher See und der Bereich Wasseraufbereitung zur Disposition.

Auf der Jahrespressekonferenz vor zweieinhalb Wochen in Berlin hat Peter Löscher nun ein drastisches Sparprogramm für den Gesamtkonzern verkündet: In den kommenden zwei Jahren sollen sechs Milliarden Euro eingespart werden. Die Hälfte davon will man durch Bündelung und Kostensenkungen im Einkauf hereinholen. Die Vermutung liegt allerdings nahe, dass man die dafür zuständige Verantwortliche im Vorstand, die Einkaufschefin Barbara Kux, nicht für fähig hält, das Sparprogramm durchzuziehen. Jedenfalls gibt es seit Tagen Meldungen, dass die Schweizerin ihren Vertrag in der kommenden Woche bei der Aufsichtsratssitzung nicht verlängert bekommt. Das Unternehmen nimmt dazu derzeit keine Stellung.

In welchen Bereichen wie viel gespart werden soll, ob weitere Abteilungen geschlossen werden – all das ist offen und sorgt für eine gewisse Unruhe. Löscher selbst sagt, dass Stellenabbau nicht „das erste Ziel“ sei. In Deutschland ist die Belegschaft weitgehend durch Betriebsvereinbarungen vor Kündigungen geschützt. Wohin aber die Reise gehen soll, bleibt unklar.

Die Medizin-Sparte leidet, weil Auftraggeber wie etwa Krankenhäuser kein Geld haben. Ähnlich ergeht es dem im vergangenen Jahr mit flotten Werbefilmen und knalligen Botschaften vorgestellten neuen Sektor „Infrastruktur und Städte“. Im Zuge der Krise haben Städte und Länder weltweit nicht die Mittel, um die Metropolen mit neuen Verkehrs- oder Energienetzen auszustatten. Da mutet Löschers Ziel immer utopischer an, den Siemens-Umsatz von jetzt 78 Milliarden Euro im Jahr „mittelfristig“ auf 100 Milliarden zu steigern.

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