Wirtschaft : Bautarife vor unsicherer Zukunft (Kommentar)

Alfons Frese

Wo der Mangel groß ist, da gibt es nichts zu verteilen. Oder doch ein bisschen, hat sich Heiner Geißler gedacht und für die ostdeutschen Bauarbeiter folgenden Schlichterspruch verkündet: Keine Tariflohnerhöhung in diesem Jahr, aber Anhebung der Mindestlöhne wie in Westdeutschland. Außerdem: Flexible Arbeitszeiten je nach Auftragslage über das Jahr verteilt, höheres Urlaubsgeld und eine tarifliche Zusatzrente. Mehr war nicht drin. Das ostdeutsche Baugewerbe ist in schlimmer Verfassung: In keiner Branche gibt es mehr Pleiten, nirgendwo verschwinden so viele Arbeitsplätze. Dementsprechend hat die Tarifpolitik so gut wie keine Spielräume. Wenn die Politik nicht mit dem Entsendegesetz beziehungsweise den Mindestlöhnen eingegriffen hätte, wäre das Thema Flächentarif auf ostdeuschen Baustellen wohl längst erledigt. Dem Präsidenten der Fachgemeinschaft Bau zufolge bekommt man für 2,50 Mark die Stunde am Bahnhof Zoo einen Bauarbeiter aus Weißrussland. Polen mauern, malern und renovieren für 6,50 Mark - bei solchen Preisen verpufft jede Lohnzurückhaltung. Also soll der Mindestlohn das Lohndumping verhindern. Das mag klappen, wenn aufwendig kontrolliert wird. Auf der anderen Seite breitet sich die Schwarzarbeit aus; schätzungsweise ein Drittel der regionalen Bauleistung wird inzwischen schwarz erbracht. In diesen verzweifelten Verhältnissen kämpfen Unternehmen, Verbände und Gewerkschaft ums Überleben. Ob erfolgreich, wissen wir in zwei Jahren. Dann gibt es die nächsten Tarifverhandlungen - und vielleicht noch Firmen, die Tarif zahlen.

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