Bayer-Chef Wenning : "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht"

Bayer-Chef Werner Wenning über Übernahmegerüchte, die Integration von Schering, die schwächelnde Konjunktur und Atomkraft.

Wenning
Werner Wenning. -Foto: Heinrich

Herr Wenning, Berliner kennen Sie als Käufer von Schering. Jetzt soll der Viagra-Hersteller Pfizer Interesse an Bayer angemeldet haben. Zittern Sie schon?

Ich zittere nicht – und ich habe auch keinerlei Angst, zumindest nicht im Geschäftlichen.

Die Börse jubelte. Bayer-Aktien stiegen um mehr als drei Prozent, als das Gerücht in der vergangenen Woche die Runde machte. Ist es mehr als ein Gerücht?

Ausschließen kann man gar nichts, in der heutigen Zeit erst recht nicht. Aber zu Marktgerüchten nehme ich grundsätzlich keine Stellung.

Falls es konkreter werden sollte: Haben Sie Vorsorge getroffen?

Natürlich. Wir haben schon seit Jahren unsere Hausaufgaben gemacht. Abgesehen davon tun wir alles, um den Konzern nach vorne zu bringen. Der beste Schutz gegen eine Übernahme ist eine hohe Marktkapitalisierung. Vor fünf Jahren lag unser Wert bei 14 Milliarden Euro, jetzt sind es rund 42 Milliarden Euro. Ich finde, das kann sich sehen lassen.

Großen Anteil haben die umsatzstarken Schering-Pillen. Während es Bayer glänzend geht, bangen Ex-Schering-Mitarbeiter in Berlin weiter um ihre Arbeitsplätze. Wie weit sind Sie mit dem Jobabbau?

Wir werden die Schering-Integration zum Ende dieses Jahres weitgehend abgeschlossen haben. Das ist ungewöhnlich schnell geschehen, ohne dass unser Geschäft gelitten hätte – ganz im Gegenteil. Es gibt noch etwa 50 Mitarbeiter, für die wir eine Lösung finden müssen. Das wollen wir bis Ende 2009 geschafft haben. Wir waren in Bezug auf die erforderlichen Maßnahmen stets fair und offen und haben schon vom ersten Tag an gesagt, dass wir Anpassungen machen müssen. Das zahlt sich auch aus: 700 Millionen Euro wollten wir an Synergien pro Jahr heben, mehr als 800 werden wir schaffen. Zudem sind wir im ersten Halbjahr mit der Pharmasparte schneller und stärker als der Markt gewachsen. Das ist der beste Beweis, dass sich unsere Erwartungen erfüllt haben.

Schließen Sie betriebsbedingte Kündigungen definitiv aus?

Es ist nicht unser Ziel, Arbeitsplätze abzubauen. Uns geht es in erster Linie darum, das Wachstum des Unternehmens voranzutreiben. Betriebsbedingte Kündigungen wären lediglich die Ultima Ratio. Wir sind in einem intensiven Dialog mit den Arbeitnehmervertretern, auch die wenigen verbliebenen Fälle zur Zufriedenheit aller Beteiligten lösen zu können.

Wann wird es neue Jobs in Berlin geben?

Weltweit stellen wir laufend Mitarbeiter ein, insbesondere in Wachstumsmärkten wie China. In Berlin, wo wir rund 5000 Mitarbeiter beschäftigen, ist eine Aufstockung derzeit nicht absehbar. Aber das ist natürlich nur eine Momentaufnahme.

Glauben Sie, dass sich die Scheringianer inzwischen als Bayer-Mitarbeiter fühlen?

Es wäre sicherlich vermessen, das schon bei allen Schering-Mitarbeitern anzunehmen. Aber wir bemühen uns darum, alle so einzubinden, dass sie sich auch in der neuen Struktur wiederfinden. Wir haben ja nicht umsonst entschieden, dass das neue Unternehmen Bayer Schering Pharma heißt und seinen Sitz in Berlin und nicht in Leverkusen hat. Vergessen Sie nicht, dass wir zudem wichtige Organisations- und Forschungseinheiten in die Hauptstadt verlegt haben. Berlin ist und bleibt für uns sehr wichtig!

Nach Informationen aus dem Unternehmen gehen noch immer ungewöhnlich viele ehemalige Schering-Führungskräfte weg.

Das kann ich so nicht bestätigen. Wir haben wirklich versucht, die Führungsjobs in Berlin so objektiv wie möglich zu besetzen. Aber heute sollten wir keinen Gedanken mehr daran verschwenden, wo der eine oder der andere herkommt. Denn die Frage, wer eine Bayer- und wer eine Schering-Vergangenheit hat, stellt sich doch nicht mehr. Jetzt gibt es Bayer Schering Pharma – und das ist die Gegenwart und gemeinsame Zukunft für alle.

Je dicker die Menschen werden, desto mehr Diabetes-Mittel verkauft Bayer. Je mehr die Menschen essen, desto mehr Saatgut und Pflanzenschutzmittel kaufen Ihnen die Bauern ab. Ist alles, was für die Welt schlecht ist, für Bayer gut?

Die Welt ist, wie sie ist. Aber unsere Produkte können helfen, dass es den Menschen weltweit besser geht. Natürlich profitieren wir auch von den Megatrends der Gesellschaft. Vor allem das Thema Gesundheit wird für uns Top-Priorität haben. Wir wollen vorne dabei sein, weil der Markt weiter wachsen wird, je älter die Menschen werden. Oder nehmen Sie das Thema Ernährung: Die Anbauflächen lassen sich nicht wesentlich vergrößern, also müssen die Erträge steigen, um den Ansprüchen der wachsenden Weltbevölkerung zu entsprechen. Dazu leisten zum Beispiel unsere Pflanzenschutzmittel wichtige Beiträge.

Bayer ist im Inland die Nummer eins, aber weltweit die Nummer zwölf der Pharma- Rangliste. Können Sie ohne weitere Übernahme global mithalten?

Das Ranking definieren wir anders: Keine Firma kann auf Dauer das gesamte Spektrum abdecken, deshalb geht der Trend zur Spezialisierung. Und unter den Herstellern von Pharma-Spezialitäten rangieren wir auf Rang sechs. Zum zweiten Teil der Frage: Ich schließe Übernahmen in der Gesundheitssparte nicht aus. Insgesamt wird der Konsolidierungsdruck in der Pharmaindustrie sicher zunehmen. Weltweit laufen viele Patente für wichtige Medikamente aus, das erhöht den Druck, extern zu wachsen. Außerdem ist der Pharmamarkt noch sehr fragmentiert. Darum gehe ich davon aus, dass wir noch mehr Übernahmen sehen werden.

Das Patent-Problem beschäftigt auch Bayer. Ihr umsatzstärkstes Medikament, die Anti-Baby-Pille Yasmin, hat seit Juli in den USA Billigkonkurrenz bekommen.

Keine Frage – das war für uns ein Rückschlag. Allerdings ist nicht Yasmin, sondern Yaz das wachsende Medikament dieser Produktgruppe. Deshalb sind wir optimistisch, uns im Segment Frauengesundheit weiterhin erfolgreich zu entwickeln. So ist beispielsweise der Umsatz mit der Hormonspirale Mirena allein im ersten Halbjahr um 49 Prozent gewachsen.

Bayer profitiert von der alternden Gesellschaft und dem Klimawandel, aber Sie haben auch eine Kunststoffsparte. Wie sehr trifft Sie die schwächelnde Konjunktur?

30 Prozent unseres Gesamt-Umsatzes sind konjunkturabhängig. Mit der konjunkturellen Eintrübung in den USA, aber auch mit gewissen Dämpfern in Teilen Europas sind wir in ein schwierigeres Fahrwasser geraten. Die spannende Frage wird sein, ob und wie Wachstumsmärkte wie China positiv gegensteuern können, China ist heute unser drittgrößter Markt. Deshalb spielt die weitere Entwicklung dort eine wichtige Rolle. Aber das wird man erst in den nächsten Wochen und Monaten besser beurteilen können.

Immerhin ist die Lage am Rohstoffmarkt entspannter. Ein Fass Öl kostet mit rund 100 Dollar ein Drittel weniger als im Juli. Erwarten Sie langfristig niedrige Preise?

Preise von 150 oder 160 Dollar je Barrel Öl werden wir in diesem Jahr wahrscheinlich nicht mehr bekommen. Aber wir sind gut beraten, wenn wir uns auch mittel- und langfristig auf hohe Energie- und Rohstoffpreise einstellen. Das Thema Versorgungssicherheit jedenfalls beschäftigt uns sehr intensiv – vor allem in Deutschland.

Befürchten Sie, dass Ihnen die Energie ausgeht?

Derzeit nicht, aber mittelfristig ist die Versorgungssicherheit in Deutschland gefährdet. Ab 2012 könnten wir nach Meinung von Energie-Experten Schwierigkeiten bekommen. Ich halte das für ein gravierendes Problem für den Standort. Wir brauchen aber Planungssicherheit für unsere Anlagen, denn es geht um Millioneninvestitionen. Und wir brauchen eine schnelle Klärung, weil wir demnächst entscheiden werden, wo wir unsere großen Investitionen für die nächsten zehn Jahre konzentrieren.

Was genau fordern Sie?

Ein strategisches Energiekonzept für den Standort Deutschland, das nachhaltig belastbar ist. Also einen Energiemix aus Atomkraft, fossilen Brennstoffen und erneuerbaren Energien. Ich kann nicht einsehen, warum die Kernkraft nicht auch einen angemessenen Beitrag zur Energieversorgung in Deutschland leisten sollte – wie in vielen anderen Ländern auch.

Das Interview führten Maren Peters, Gerd Appenzeller und Moritz Döbler.

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