Wirtschaft : Bayer droht neue US-Klage MG Technologies muss 2003 abhaken

Bluterkranke protestieren wegen HIV-verseuchter Präparate Gescheiterte Strategie des geschassten Vorstands Kajo Neukirchen belastet den Mischkonzern noch immer

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Düsseldorf (abo/HB/pet). Dem BayerKonzern droht in Zusammenhang mit Blutgerinnungspräparaten eine neue Sammelklage in den USA. Das „Wall Street Journal Europe“ berichtete am Montag, Anwälte, die sieben Bürger aus Taiwan repräsentierten, hätten bei einem kalifornischen Gericht Klage gegen die US-Tochter von Bayer und weitere Unternehmen eingereicht, weil diese in den achtziger Jahren angeblich mit dem HIV-Virus verseuchte Gerinnungsmedikamente für Bluterkranke hergestellt hätten. Zahlreiche Menschen sollen damals in Folge der Behandlung mit solchen Mitteln an Aids erkrankt sein. „Bei Bayer ist bislang noch keine Klage eingegangen, aber nach Eingang werden wir die Anschuldigungen überprüfen und uns entschieden verteidigen", sagte ein Bayer-Sprecher am Montag.

Eine erste Klagewelle in den USA hatte Bayer mit Vergleichen beigelegt, ohne dabei eine Schuld anzuerkennen. Die Klagen waren von 1996 bis 2002 durch Zahlung von insgesamt 600 Millionen Dollar an insgesamt 6000 Kläger außergerichtlich beigelegt worden, bestätigte der Bayer-Sprecher. Bayer habe mit 290 Millionen Dollar die Hauptlast in diesen Vergleichen getragen. Sieben Streitfälle laufen nach Angaben der Leverkusener noch.

Das Unternehmen geht nicht davon aus, dass die angedrohte neue Klage in Kalifornien die Ertragslage des Unternehmens in absehbarer Zeit schmälern wird. „Eventuelle Zahlungen wären von unseren Versicherungen gedeckt“, sagte der Sprecher. Außerdem seien bereits in den 90er Jahren vorsorglich Rückstellungen für diesen Fall gebildet worden. Wenn die bisher nur 21 neuen Kläger einen ähnlichen Schadensersatz zugesprochen bekommen wie die Kläger der früheren Prozesse, geht es beim aktuellen Stand der Dinge um eine Gesamtsumme von rund 2Millionen Euro. Die Herstellung von Gerinnungshemmern für Bluter ist inzwischen geändert worden.

Berlin (alf). Der Frankfurter Mischkonzern MG Technologies hat ein schweres Jahr zu überstehen. Aufgrund von „hohen Sonderbelastungen“ und „hohen Verlusten“ im Großanlagenbau verbuchte der Konzern im zweiten Quartal ein Minus von 21,2 Millionen Euro; im Vorjahresquartal hatte es noch einen Gewinn von knapp 80 Millionen Euro gegeben. Nachdem das Ergebnis im ersten Halbjahr insgesamt um gut 85 Prozent gesunken ist, erwartet der Vorstand auch im zweiten Quartal „keine Verbesserung des schwachen Konzernergebnisses“, heißt es in einer Mitteilung über das erste Halbjahr.

Für die Zukunft wird eine „konservativere“ Bilanzierung in Aussicht gestellt. Offenbar hat der langjährige MG-Chef Kajo Neukirchen den Konzern „hart am Rand bilanziert“, wie ein Analyst am Montag meinte. Die Neubewertung von Risiken sowie mögliche Kosten für den Personalabbau in der komplizierten Holding mit ihren rund 400 Mitarbeiten dürften dazu führen, dass MG in diesem Jahr nur ein leicht positives Ergebnis erreicht. Mit Spannung wird nun erwartet, welche Strategie der neue Vorstandschef Udo G. Stark dem Unternehmen geben wird.

Stark hatte im Frühjahr den Vorstandsvorsitz von Neukirchen übernommen, nachdem sich dieser mit dem Großaktionär Otto Happel überworfen hatte. Neukirchen hatte Ende 1993 die Führung der damaligen Metallgesellschaft übernommen, nachdem das Unternehmen wegen misslungener Öltermingeschäfte in den USA in eine Liquiditätskrise geraten war und saniert werden musste. Heute fußt die MG Technologies im Wesentlichen auf zwei Geschäftsbereichen: Zum einen Anlagenbau (Gea) und zum anderen Chemie (Dynamit Nobel und Solvadis). Hinzu kommt der Großanlagenbau mit Lurgi und Lurgi Lentjes und Zimmer. Bei der Neuausrichtung des Konzerns wird aller Wahrscheinlichkeit nach entweder die Chemie oder der Anlagenbau verkauft. Christopher Schardt von der Hypo-Vereinsbank (HVB) erwartet eher den Verkauf von Dynamit Nobel, weil für die Chemie ein höherer Preis zu erzielen sei als für den Anlagenbau.

Ferner spricht gegen den Verkauf von Gea, dass MG-Hauptaktionär Otto Happel diese Sparte dann sozusagen schon zum zweiten Mal verkaufen würde. Happel ist der Sohn des Gea-Gründers, und bereits 1999 war die Gea gegen Bargeld und MG-Aktien an den Frankfurter Mischkonzern verkauft worden. Später hatten sich Neukirchen und Happel zerstritten; letzterer erhöhte nach und nach seine MG-Beteiligung und konnte schließlich Neukirchen absetzen. Was nicht billig war: Neukirchen erhält das Gehalt für die Restlaufzeit seines Vertrages (bis 2006) über rund 13 Millionen Euro. Ferner scheidet auch der bisherige Personalvorstand Rolf Niemann aus, was den Konzern drei Millionen Euro kostet.

Im zweiten Quartal des laufenden Jahres verdiente MG rund 100 Millionen Euro weniger als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Insgesamt gab es im ersten Halbjahr negative Sondereffekte im Volumen von 53,1 Millionen Euro; dazu zählten unter anderem die Vorstandsabfindungen, Restrukturierungsaufwendungen sowie ein negativer Erlös von 23 Millionen Euro durch den Verkauf des schweren Stahlbaus. Für die zweite Jahreshälfte rechnet das Unternehmen mit „erheblichen Sondereffekten“, insbesondere aufgrund der Änderungen bei den Bilanzierungs- und Bewertungsmethoden. Vor allem werden die Abrechnungsmodalitäten im Anlagenbau sowie die „Konzern-Strukturen mit ihren mehrstufigen Holdings“ überprüft. Alles in allem werde deshalb „die Ergebnisentwicklung in 2003 unter großem Druck bleiben“. Aus heutiger Sicht erwarte MG „keine Verbesserung des schwachen Ergebnisses aus dem 1. Halbjahr“, heißt es in der Mitteilung zum Halbjahresbericht.

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