Wirtschaft : Bayer: Fatale Nebenwirkungen bei Bayers Cholesterinmittel

Andrea Schäfer

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker..." - so endet gebetsmühlenartig jeder Werbespot für Medikamente. Bis zu einem bestimmten Maß ist sicher jeder Patient bereit, ein Restrisiko oder unangenehme Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen, solange das verschriebene Arzneimittel die eigentliche Krankheit wirkungsvoll bekämpft. Auch wenn das in Deutschland bislang bei dem Cholesterinmittel "Baycol/Lipobay" der Fall war, so hat sich der Pharma- und Chemiekonzern dennoch dazu entschlossen, das Produkt weltweit vom Markt zu nehmen. Ausschlaggebend hierfür war das Risiko, dass es zwischen Baycol/Lipobay und einem anderen Wirkstoff zur Cholesterinsenkung zu gefährlichen Wechselwirkungen kommen kann. Ausgenommen von der Rücknahme ist Japan, da der Wirkstoff Gemfibrozil, der die Komplikationen in Wechselwirkung mit Baycol/Lipobay auslöst, dort nicht im Handel ist. Die Konsequenzen dieser Entscheidung bringen für den Pharmahersteller weitmehr als nur "Nebenwirkungen" mit sich. Baycol/Lipobay war im vergangenen Jahr der drittgrößte Umsatzbringer in der Pharamasparte des Konzerns und erzielte mit plus 80 Prozent die höchsten Zuwachsraten.

"Die Sicherheit der Patienten geht in jedem Fall vor", sagte Günter Forneck, Sprecher des Unternehmens. Die freiwillige Rücknahme des Medikaments basiere vor allem darauf, dass bei Patienten, die neben Baycol/Lipobay trotz deutlicher Warnungen gleichzeitig den Wirkstoff Gemfibrozil erhielten, Muskelschwäche aufgetreten sei, so Forneck weiter. Weniger idealistisch sehen Arzneimittel-Experten hingegen den Vermarktungsstopp des Cholesterinsenkers. "In Deutschland war das Risiko solcher Komplikationen sehr gering, da auf dem deutschen Markt alternative Wirkstoffe für Gemfibrozil zugelassen sind, somit auf andere Präparate ausgewichen werden konnte und es erst gar nicht zu den befürchteten Muskelschwächen kommen musste", erklärt Professor Dr. Walter Schunack, Arzneimittel-Experte an der Freien Universität in Berlin. Anders hingegen gestalte sich die Situation auf dem Markt der Vereinigten Staaten, so Schunack weiter. Das Risiko, an einer schweren Muskelschwäche zu sterben, sei dort um ein Vielfaches höher, da auf dem US-Arzneimittelmarkt der Wirkstoff Gemfibrozil ganz überwiegend Anwendung finde.

Die Vermutung liegt nahe, dass der Bayer-Konzern in erster Linie mit Rücksicht auf das US-Geschäft - der für das Unternehmen eindeutig wichtigste Absatzmarkt - das potenziell gefährliche Mittel vom Markt genommen hat.Einem Bericht der Nachrichtenagentur AP zufolge, forderten Betroffene bereits Schadenersatz in dreistelliger Millionenhöhe. Zieht man in Betracht, mit welchen Summen Konzerne in den USA bei Schadenersatzklagen zu rechnen haben, liegt es nahe, dass Bayer sorgfältig abwägt, welche Konsequenzen das Unternehmen letztlich härter träfen.

"Patienten mit erhöhtem Cholesterinspiegel haben in Deutschland nichts zu befürchten", sagt Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Stoffwechsel-Expertin an der Humboldt-Uniklinik in Berlin. Es könne auf eine Reihe alternativer Produkte zurückgegriffen werden. Vorausgesetzt, dass Ärzte und Aptheker gründlich über dieses Thema informiert werden, was zumindest heute durch Bayer erst spät stattgefunden habe, obwohl es sich um ein oft verschriebenes Mittel handele, sagt Stefan Derix von der Apothekerkammer Nordrhein. Über Stunden hätten die Apotheker keine Antworten auf Patientenanfragen geben können.

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