Wirtschaft : Bayer kämpft für seine Patentrechte an Cipro

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Düsseldorf / Berlin (agr/bef/pet/HB). Die Bayer AG will für die Einhaltung ihrer Patentrechte an dem gegen Milzbrand wirksamen Antibiotikum Cipro kämpfen. Bayer-Vorstandschef Manfred Schneider kündigte im Gespräch mit dem Handelsblatt an, er wolle sich mit der kanadischen Regierung über die Versorgung mit Cipro einigen. "Wir können den von der kanadischen und von der US-Regierung geforderten Bedarf an Cipro-Tabletten vollständig decken", sagte Schneider. Dafür werde er sich in einem Brief an US-Präsident George W. Bush persönlich verbürgen. Es gebe keinerlei Lieferprobleme mit dem Medikament.

Das kanadische Gesundheitsministerium hatte in der vergangenen Woche beschlossen, anstatt des patentgeschützten Cipro ein billigeres Nachahmerprodukt zu kaufen. Eine Verletzung des Patentrechts sieht Kanada darin nicht. In einem extremen Notfall seien Ausnahmen vom Patenrecht möglich, hieß es zur Begründung. Anders als in den USA, wo bereits ein Mensch an Milzbrand gestorben und mehrere infiziert worden sind, ist in Kanada noch kein Fall der Krankheit aufgetreten. Mit dem Medikament will das kanadische Ministerium angesichts der vielen Anschläge mit Milzbranderregern in Nordamerika die Bestände auffüllen. Cipro ist dort das einzige zur Behandlung von Milzbrand zugelassene Antibiotikum.

Der Bayer-Konzern will die kanadische Regierung nun zur Rücknahme der Bestellung von Nachahmerprodukten bewegen. Bayer hatte angekündigt, in den USA die Produktion von Cipro in den kommenden drei Monaten auf 200 Millionen Tabletten zu verdreifachen. Der Konzern unterstützt die Entscheidung der US-Gesundheitsbehörde FDA, das Nachahmerprodukt Doxycyclin zur Behandlung von Milzbrand anzuerkennen. Dieses Mittel basiert auf einem anderen Wirkstoff als Cipro.

Für Bayer wird die unerwartet hohe Nachfrage nach dem Antibiotikum laut Schneider im laufenden Jahr einen "positiven Einfluss" auf das Konzernergebnis haben. Allerdings reiche das bei weitem nicht, um den Umsatz- und Ertragsausfall durch die Rücknahme des Cholesterinsenkers Lipobay auszugleichen. Schneider warnte davor, die Zukunft der Pharma-Industrie allzu positiv darzustellen, und sprach damit Forderungen nach verbilligter Lieferung von Medikamenten an. Zuletzt hatten Pharmafirmen auf Druck der Öffentlichkeit und Politik Aids-Medikamente zu deutlich geringeren Preisen nach Südafrika geliefert. "Es ist damit zu rechnen, dass solche Forderungen verstärkt auf die Branche zukommen", sagte Schneider.

Auch in den USA wird die Kritik an der Politik des Bayer-Konzerns lauter. Der Minderheitsführer im Senat, Trent Lott, hat den Senat aufgefordert, darüber zu beratschlagen, ob der Patentschutz für Cipro gelockert werden kann, wie das "Wall Street Journal" am Montag berichtete. Trotz gegenteiliger Beteuerungen des Bayer-Konzerns bestehen offenbar Zweifel daran, dass das Pharmaunternehmen die große Nachfrage aus eigener Produktion decken kann. Mit Cipro produziert der Konzern das derzeit wirksamste Medikament gegen Milzbrand. Der Patentschutz läuft in den USA Ende 2003 aus. Der Bayer-Konzern sieht sich daher in den USA mit dem Vorwurf konfrontiert, seine Monopolstellung bei Cipro über den Preis auszunutzen - während Amerika in der Angst vor neuen Anschlägen zittert.

Der Kurs der Bayer-Aktie gab am Montag um 0,43 Prozent auf 34,45 Euro nach. "Der Markt ist sich bewusst, dass der Preis, den Bayer für Cipro verlangt, zu hoch ist", sagte Andreas Heine, Pharma-Analyst der Hypo-Vereinsbank in München. Das Unternehmen, das in dieser Woche in Verhandlungen mit der kanadischen Regierung treten will, dürfe die Notfallsituation nicht ausnutzen. Dass die große Nachfrage nach Cipro dem nach der Krise um das cholesterinsenkende Medikament Lipobay geschwächten Unternehmen wieder auf die Beine helfen könnte, glaubt Heine nicht. "In zwei Jahren läuft der Patentschutz in den USA bereits aus", begründet das der Analyst. Auch die Bankgesellschaft Berlin geht davon aus, dass die große Nachfrage nach Cipro ein "einmaliger Sondereffekt" sei. Nach Berechnungen der Bank wird Bayer durch den Auftrag der US-Regierung zwischen 360 und 540 Millionen Dollar einnehmen. Daraus ergebe sich ein zusätzlicher Gewinn von 162 bis 234 Millionen Dollar. Nach dem Lipobay-Debakel hatte Bayer seine Ergebniserwartungen für 2001 um rund 800 Millionen Mark nach unten gesetzt.

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