Wirtschaft : Bayer-Mittel Naproxen unter Verdacht

US-Arzneimittelbehörde warnt vor erhöhtem Herzkreislaufrisiko / Experte: Alle Anti-Rheumatika dieser Gruppe betroffen

Maren Peters

Berlin - Die weltweite Rücknahme des Schmerzmittels Vioxx zieht immer weitere Kreise. Nach der Bekanntgabe möglicher Herzkreislaufrisiken bei der Einnahme des Pfizer-Medikaments Celebrex warnte die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA am Montagabend auch vor der Einnahme des Schmerzmittels Naproxen. Das rezeptfreie Mittel wird in den USA von dem deutschen Pharmakonzern Bayer gemeinsam mit Roche unter dem Namen Aleve verkauft.

Während das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) vorerst keinen Handlungsbedarf sieht, geht der Pharmakologe Dirk Stichtenoth von der Medizinischen Hochschule Hannover davon aus, dass alle klassischen Rheumamittel wie Ibuprofen und Diclofenac ein erhöhtes Herzkreislaufrisiko aufweisen. „Alle Mittel könnten durch Wassereinlagerung und Blutdruckerhöhung zu kardiovaskulären Nebenwirkungen führen“, sagte Stichtenoth dieser Zeitung mit Hinweis auf wissenschaftliche Untersuchungen. „Offenbar handelt es sich um einen Klasseneffekt.“

Nach der Rücknahme des Schmerzmittel Vioxx durch den Hersteller Merck&Co Ende September waren zunächst nur die neueren Schmerzmittel, die so genannten Cox-2-Hemmer, unter Generalverdacht geraten. Sowohl die Arzneimittelkommision der Deutschen Ärzte als auch das Bfarm hatten sich entsprechend geäußert. Mit den Mitteln erzielen Hersteller wie Pfizer und MSD Millionenumsätze. Der Pharmaexperte Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des unabhängigen „Arznei-Telegramms“, hatte am Montag gefordert, sämtliche Cox-2-Mittel wegen gefährlicher Nebenwirkungen aus dem Verkehr zu ziehen.

Einen Tag später sieht es so aus, als sei das Problem noch viel größer. Die US-Gesundheitsbehörde kündigte am Dienstag an, sie werde sich bei der Untersuchung von Herzrisiken bei Celebrex und Naproxen „alle regulativen Möglichkeiten offen halten“. Ob das auch eine Rücknahme der Zulassung bedeuten könnte, wollte Bayer-Sprecher Helmut Schäfers nicht kommentieren. Noch liege dem Konzern die Studie, die ein erhöhtes Risiko von Herzproblemen gezeigt habe, nicht vor. Der Konzern stimme aber der FDA-Empfehlung zu, das Mittel nur in der empfohlenen Dosierung und nicht länger als zehn Tage anzuwenden. Die Bayer-Aktie gab am Dienstag nach.

Für den Bayer-Konzern, der nach dem Rückzug des Cholesterinsenkers Lipobay im Sommer 2001 in eine schwere Krise gestürzt war, droht damit ein weiterer Rückschlag. Der Konzern war nach dem Lipobay-Debakel komplett umgebaut worden. Im Zuge der Neuaufstellung hatte Bayer im Juli dieses Jahres für 2,4 Milliarden Euro das Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten des Schweizer Konkurrenten Roche übernommen.

Das Schmerzmittel Naproxen, vor dem die FDA jetzt warnte, war nach Angaben von Roche-Sprecher David Piller im vergangenen Jahr mit einem weltweiten Umsatz von knapp 264 Millionen Schweizer Franken (rund 176 Millionen Euro) das umsatzstärkste verschreibungsfreie Roche-Medikament. Bayer allein hat nach eigenen Angaben in den USA im vergangenen Jahr 90 Millionen Euro mit Naproxen verdient. Analysten erwarten in diesem Jahr ähnliche Umsätze.

Naproxen war 1976 als verschreibungspflichtiges Mittel auf den Markt gekommen. Seit 1994 ist es als rezeptfreies Mittel zugelassen. Das amerikanische National Health Institute hatte das Mittel jetzt für eine neue Indikation untersucht, nämlich zur Prävention der Alzheimer Krankheit. Trotz der negativen Ergebnisse sieht die deutsche Arzneimittelbehörde Bfarm vorerst keinen Handlungsbedarf. „Es besteht kein Grund zur Aufregung“, sagte Bfarm-Experte Axel Thiele.

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