Bayer : Pillen in der Pipeline

Bayers neuer Vorstandschef präsentiert Milliardenbudgets und Produkthoffnungen. Besonderer Augenmerk liegt auf der Forschung.

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Durchblick für den neuen Chef. Marijn Dekkers schaute sich bei einer Präsentation des Bayer-Konzerns am Mittwoch einen 3-D-Film an. In diesem und im nächsten Jahr stehen für Forschung und Entwicklung jeweils mehr als drei Milliarden Euro bereit.
Durchblick für den neuen Chef. Marijn Dekkers schaute sich bei einer Präsentation des Bayer-Konzerns am Mittwoch einen 3-D-Film...Foto: dpa

Von der Kritik der vergangenen Wochen ist Marijn Dekkers nichts anzumerken. Gelöst präsentiert der neue Bayer-Vorstandschef am Mittwoch in Leverkusen den Innovationsausblick des Pharma- und Chemiekonzerns, dem er erst vor wenigen Wochen einen rigorosen Sparkurs verordnet hatte. Mehr als 140 Journalisten hat Dekkers nach Leverkusen eingeladen, Hauptsitz des Konzerns und das Herz von Bayer. 1891 kam das Unternehmen in die Stadt unweit von Köln, und auch wenn sich in dem Chemiepark heute viele andere Konzerne tummeln, bleibt das riesige Bayer-Kreuz das Wahrzeichen von Leverkusen.

Dekkers, gebürtiger Niederländer mit amerikanischem Pass, spricht im Alltag eigentlich Englisch. Seine Rede trägt er in flüssigem Deutsch vor und hält sich dennoch Wort für Wort an sein Manuskript. „Unsere Aufwendungen für Forschung und Entwicklung werden wir im Jahr 2010 voraussichtlich auf einen neuen Rekordwert von 3,1 Milliarden Euro steigern – ein Plus von 13 Prozent“, verkündet er. Damit hat der erste Konzernchef, den Bayer je von außen geholt hat und der nicht aus Deutschland stammt, sein Versprechen wahr gemacht. Innerhalb weniger Wochen im Amt, hatte er einen neuen Kurs im Unternehmen durchgesetzt, weltweit 4500 Stellen gestrichen – und die Berliner Traditionsmarke Schering gleich mit. Den Konzernumbau hatte er damit begründet, Mittel für Innovationen frei machen zu wollen. Und das soll auch im kommenden Jahr so bleiben. 2011 will Bayer erneut 3,1 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung stecken. „Forschung, Entwicklung und auch die Vermarktung sind sehr teuer“, betont Dekkers. Allein 67 Prozent des Geldes fließen in die Gesundheitssparte, zu der auch das in Berlin ansässige Pharmageschäft gehört, 25 Prozent werden in die Pflanzenschutzsparte investiert. Dass Dekkers diese beiden Teilkonzerne besonders am Herzen liegen, zeigte schon die Neubesetzung der Chefposten unter seiner Führung.

Auch der Standort Berlin soll von den geplanten Investitionen profitieren. Dekkers hatte mit der Umbenennung des Pharmageschäfts und den Stellenstreichungen dort für großen Unmut in der Belegschaft gesorgt. Noch immer ist nicht klar, wie viele Arbeitsplätze in der Hauptstadt verloren gehen, wo derzeit 5000 Menschen für die ehemalige Bayer Schering Pharma arbeiten. Dekkers versucht die Wogen zu glätten. „Berlin ist ein wichtiger Standort für uns und wir werden dort in den nächsten Jahren weiter investieren, in Forschung, Entwicklung und Vermarktung“, sagte er. Ein großer Teil der Vermarktung neuer Präparate werde in Berlin stattfinden, zum Beispiel für den Gerinnungshemmer Xarelto. Das Mittel, das zur Schlaganfallprävention eingesetzt wird, ist einer der größten Hoffnungsträger des Konzerns und hatte zuletzt mehrere positive Studienergebnisse im Vergleich mit dem jahrzehntealten Standardmittel Warfarin erbracht. Bayer traut dem Präparat Umsätze von mehr als zwei Milliarden Euro pro Jahr zu und bereitet die Zulassung in den USA und Europa für Patienten mit Vorhofflimmern vor. „Seit einigen Wochen muss mein Schwiegervater mit Warfarin behandelt werden, und ich bin mir sicher, ihm wären die Vorteile von Xarelto sehr willkommen“, erzählt Dekkers.

Ob langfristig auch neue Arbeitsplätze in der Forschung in Berlin entstehen, lässt der Konzernchef offen. „Wir sind gerade erst im Gespräch mit den Arbeitnehmervertretern, da möchte ich nicht zu viel sagen“. Momentan arbeiten weltweit 12 500 von insgesamt 108 000 Beschäftigten in Forschung und Entwicklung.

Mit Erfolgsmeldungen spart Dekkers in Leverkusen nicht. Er spricht von erfolgreichen Medikamentenstudien, einer gut gefüllten Pipeline und vielversprechenden neuen Produkten in allen Sparten. 53 Projekte in allen klinischen Phasen gebe es in der Gesundheitssparte. Mehrere Krebsmittel, ein Blutdrucksenker und ein Augenmedikament seien bereits in der Erprobung am Patienten. „Xarelto ist dabei nur eines der Highlights in unserer späten Health-Care-Pipeline“, sagt Dekkers. Die Pflanzenschutzsparte sei ebenfalls gut aufgestellt. Seit 2000 habe Bayer 23 neue Wirkstoffe auf den Markt gebracht. „Bis 2012 sollen sechs weitere folgen“, sagte Dekkers. Allein im Bereich BioScience, der sich mit der Züchtung von Kulturpflanzen beschäftigt, gebe es 60 Projekte für verbesserte Pflanzeneigenschaften und Saatgut. Dekkers verknüpfte dies zugleich mit einem Plädoyer für die Gentechnik: „Ihre Sicherheit hat sich in langer Praxis in vielen Regionen der Welt erwiesen. Und dennoch steht diese Technologie in Europa vor großen regulatorischen Hürden“, sagt Dekkers. Grundlage für eine Beurteilung durch Politiker müssten Fakten sein, nicht Ängste.

Neben der Stärkung der Forschung in Europa will Bayer in den Schwellenländern wachsen. 2500 neue Stellen sollen dort entstehen. „Wir wollen unsere Produktionskapazitäten in China erheblich ausbauen“, sagt Dekkers. Genaueres will der Konzern in Kürze bekannt geben. Der Bayer-Chef bekennt sich auch erneut zu den drei Sparten des Konzerns. Immer wieder hatte es Spekulationen um den Verkauf der in der Krise stark eingebrochenen Kunststoffsparte gegeben. Zuletzt hatte sie jedoch am stärksten zugelegt. „Wir wollen Technologie- und Innovationsführer in unseren Märkten sein: Gesundheit, Pflanzenschutz und hochwertige Materialien“, sagt er. Größere Umstrukturierungen stehen also offenbar nicht an. Die Börse reagierte nicht übermäßig: Die Aktie legte um 0,7 Prozent auf 58,50 Euro zu.

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