Bayer-Vorstand Dieter Weinand im Interview : „Die Finanzierung von Monsanto ist gesichert“

Bayer-Vorstand Weinand über das wachsende Pharmageschäft, die Wahlkampfhilfe für Trump und den Standort Berlin.

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"Berlin ist ein toller Standort", sagt Bayer-Vorstandsmitglied Dieter Weinand (56), der auch in der Hauptstadt lebt und nach Leverkusen pendelt.
"Berlin ist ein toller Standort", sagt Bayer-Vorstandsmitglied Dieter Weinand (56), der auch in der Hauptstadt lebt und nach...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Herr Weinand, Bayer hat Donald Trump im Wahlkampf finanziell unterstützt. Was versprechen Sie sich von ihm?
Uns geht es darum, dass innovative Medikamente Patienten möglichst schnell zur Verfügung stehen. Wir möchten ein politisches Klima, das innovationsfreundlich ist.

Trump hat ein schlechtes Image, Monsanto, der Saatguthersteller, den Bayer kaufen will, auch. Befürchten Sie nicht, dass Ihr Ruf Schaden nehmen wird?
Unser guter Ruf hat sich über 150 Jahre aufgebaut. Es ist das Wertvollste, was eine Firma hat. Wir werden uns weiterhin so verhalten, wie es unserem guten Ruf entspricht.

Bayer will für Monsanto 66 Milliarden Dollar ausgeben. Können Sie sich das überhaupt leisten?
Ja, die Finanzierung steht. Sonst hätten wir das im Vorstand doch nie beschlossen.

Müssen Ihre Aktionäre um die Dividende fürchten?
Ich bin verantwortlich für das Pharmageschäft, und hier tun wir alles, damit Bayer auskömmlich und nachhaltig wächst. Unser Pharmageschäft war in den vergangenen drei Jahren eines der am schnellsten wachsenden weltweit. Über die ersten neun Monate in diesem Jahr hatten wir ein Umsatzwachstum bei Pharma von 9,3 Prozent, wir wachsen schneller als der Markt.

Wie machen Sie das?
Wir haben unser Pharmageschäft weiter entwickelt. Wir konzentrieren uns jetzt auf fünf Produkte, für die ein besonders hoher medizinischer Bedarf der Patienten besteht. Und wir verfügen über eine vielversprechende Entwicklungs-Pipeline. Der Umsatz unserer neuen Medikamente wie Xarelto, Xofigo, Stivarga und Adempas wächst sehr schnell, im vergangenen Quartal um mehr als 20 Prozent. Präparate wie unser Gerinnungshemmer Xarelto oder unser Augenmedikament Eylea haben noch ein riesiges Wachstumspotential vor sich. Bei Xarelto könnte sich die Zahl der Patienten verdoppeln. Xarelto kann zum Beispiel Schlaganfälle verhindern. Es verbessert die Lebensqualität der Menschen, und es hilft dem Gesundheitssystem, Geld zu sparen. Die Behandlung von Patienten mit Schlagfällen und daraus resultierende Folgekosten sind viel höher als die vorbeugende Therapie mit Xarelto.

In den USA kommt eine Klagewelle auf Sie zu. Xarelto soll massive Blutungen verursachen bis hin zu Todesfällen. Fürchten Sie, dass auch Patienten in Europa klagen?
Das positive Nutzen-Risikoprofil des Medikaments ist erwiesen, im Zulassungsverfahren, in vielen Zehntausenden klinischen Tests und in der Praxis. Das Blutungsrisiko ist signifikant niedriger als bei den Gerinnungshemmern der Vorgängergeneration. In den USA gibt es eine Klageindustrie. Die Anwälte schauen, welche Präparate die umsatzstärksten sind und reichen dann Klage ein.

Angeblich waren Messgeräte im Zulassungsverfahren kaputt.
Aber die Zulassungsbehörden haben bestätigt, dass das nichts an der Bewertung ändert. Xarelto kann Schlaganfälle verhindern.

Mit welchen Präparaten verdienen Sie am meisten?
Die Frage für uns ist: Wo ist der größte Bedarf, wo bringen Medikamente nachweislich Verbesserungen für den Patienten und für die Gesellschaft? Nehmen Sie Eylea, unser Medikament gegen Makula-Degeneration. Eylea kann die Erblindung verhindern. Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes werden wichtiger, weil die Menschen immer dicker werden. Auch das ist ein Feld für uns, genauso wie Krebs, Gerinnungshemmer, Augenheilkunde und Frauengesundheit.

Rund 5000 Mitarbeiter beschäftigt Bayer in Berlin, aus dem Vorstandsbüro des einstigen Schering-Hauses blickt man über die Stadt.
Rund 5000 Mitarbeiter beschäftigt Bayer in Berlin, aus dem Vorstandsbüro des einstigen Schering-Hauses blickt man über die Stadt.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Neue Produkte sind oft unwahrscheinlich teuer. Eine Pille des Hepatitis-C-Medikaments Sovaldi kostete anfangs 700 Euro. Wer soll das bezahlen?
Die Kosten sind eine wichtige Frage, wenn man bedenkt, dass die Bevölkerung immer älter wird. Arzneimittel sind aber mehr als ein Kostenfaktor. Sovaldi heilt Hepatitis C. Das ist eine Revolution. Die Krankheit war bislang chronisch, führte zu Leberzirrhose und Leberkrebs. Transplantationen waren nötig – mit enormen Kosten. Wir müssen bei der Krankenversorgung ganzheitlich denken, nicht mehr in Scheibchen.

Was meinen Sie damit?
Auf die pharmazeutische Industrie entfallen rund acht Prozent der Gesundheitsausgaben. Dabei können die richtigen Medikamente Schlaganfälle und Erblindung verhindern, sie können teure Klinikaufenthalte und Operationen unnötig machen. Wir sollten aufhören, allein in Budgets zu denken – für Kliniken, für niedergelassene Ärzte, und für Arzneimittel. Wir sollten stattdessen schauen, wie man dem Patienten am besten und gleichzeitig kosteneffektiv hilft.

Manchmal bringen Pharma-Innovationen aber nur kleine Fortschritte. Dennoch müssen die Kassen neue, teure Medikamente bezahlen. Überfordert das nicht das Gesundheitssystem?
Nein. Ein Beispiel: Vor rund 30 Jahren sind jedes Jahr 60 000 Frauen an Brustkrebs gestorben. 1980 lag die Fünf-Jahres-Überlebensrate bei rund 70 Prozent. Heute sind es 95 Prozent. Dieser Fortschritt ist aber nicht auf einen Schlag gekommen, sondern in kleinen Schritten. Deshalb ist es richtig, wenn die Kassen die Kosten für neue Medikamente auch dann übernehmen, wenn Verbesserungen zunächst nicht spektakulär aussehen.

Das heißt: Zahlen ohne Grenzen?
In Deutschland sind nach dem AMNOG

... dem Gesetz, mit dem die Kosten für Arzneimittel an deren Nutzen gemessen werden sollen ....
... rund 25 Medikamente vom Markt verschwunden, darunter unser Antikrebsmittel Stivarga. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat den Zusatznutzen nicht anerkannt. Aber das sehen wir aufgrund des erwiesenen Überlebensvorteils für die Patienten anders.

Ihre neuen Medikamente werden in Berlin erfunden. Wie viele Menschen arbeiten hier für Bayer?
Rund 5000, davon über 2000 in Forschung und Entwicklung.

Wollen Sie expandieren?
Wir investieren jedes Jahr rund 40 Millionen Euro in Berlin, aber wir planen derzeit keine signifikanten Investments. Berlin ist für uns ein wichtiger Standort. Davon profitieren auch andere. Ein Teil unserer Forschung läuft extern, etwa bei der Charité.

Wie wichtig sind die Kliniken und die Universitäten, die es in Berlin gibt, für Ihre Arbeit?
Sehr wichtig. Die Standorte Adlershof und Buch sind relevant, das Berliner Institut für Gesundheitsforschung, das Cluster Gesundheitswirtschaft, die Start-ups, alles. Die wissenschaftliche Infrastruktur ist großartig, und Berlin ist eine vibrierende Stadt, voller Energie. Wir können internationale Talente nach Berlin holen. Wir haben hier wirklich ausgezeichnete Leute. Und wir haben den direkten Zugang zur Politik. Berlin ist ein toller Standort für uns.

Was erhoffen Sie sich von dem neuen Senat?
In Berlin hat sich das Gesundheitscluster in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt. Die Leistungsfähigkeit im Bereich Wissenschaft und Forschung ist von großer Bedeutung, um diesen für die wirtschaftliche Entwicklung von Berlin so wichtigen Bereich weiter zu stärken. Wir begrüßen und unterstützen es daher, dass dies zur Chefsache des Regierenden Bürgermeisters gemacht wird.

Leben Sie in Berlin?
Ja, klar. In Mitte.

Sie sind im Vorstand des Konzerns. Müssten Sie da nicht in Leverkusen sein?
Ich fahre zu Meetings nach Leverkusen.

In welcher Sprache werden Ihre Vorstandssitzungen in Leverkusen abgehalten?
Die Sprache bei Bayer ist Englisch. Nur die Aufsichtsratssitzungen sind in Deutsch. Wegen der (spricht jetzt deutsch) Mitbestimmung. Dann spreche ich Deutsch.

- Das Interview führte Heike Jahberg.

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