Wirtschaft : „Bayer wird Berlin sicher stärken“

Reinhard Uppenkamp, Chef der Pharmafirma Berlin-Chemie, über Jobs für Schering-Mitarbeiter und die Haltbarkeit von Reformen

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Herr Uppenkamp, haben schon Schering-Mitarbeiter an Ihre Tür geklopft und nach einem neuen Job gefragt?

Ja, natürlich. Es gehört sich auch so, dass wir als Berliner Pharmaunternehmen mit den Führungsleuten von Schering reden, wenn wir freie Stellen haben.

Ist schon abzusehen, ob die ein oder andere Übernahme klappt?

Ich hatte Freitag ein Gespräch mit dem Personalleiter von Schering, wo wir die Profile der Mitarbeiter mit den Profilen unsere freien Stellen verglichen haben. Wenn es Möglichkeiten gibt, Mitarbeiter zu übernehmen, werden wir das tun.

Was hätten Sie denn im Angebot?

Alles. Von der Führungskraft über den Produktionsmitarbeiter bis zum Pharmavertreter, in Berlin und vor allem auch im Ausland. Wir haben im März den 4000. Mitarbeiter eingestellt und wollen bis zum Jahresende auf rund 4300 kommen, davon etwa 100 in Berlin.

Ist die Übernahme des einzigen Berliner Dax-Konzern durch Bayer ein großer Verlust für die Stadt?

Ganz im Gegenteil, es ist sogar ein großer Vorteil für den Standort, wenn Bayer Schering übernimmt, weil Bayer gleichzeitig das Versprechen gegeben hat, dass die Zentrale der Gesundheitssparte in Berlin bleibt. Das wäre bei Merck...

...dem Darmstädter Konkurrenten, der Schering ebenfalls schlucken wollte...

... nicht der Fall gewesen. Bayer wird Berlin sicherlich stärken, allein durch die Präsenz. Ich kann mir vorstellen, dass Bayer einige Forschungsaktivitäten zusätzlich von Wuppertal oder Leverkusen nach Berlin verlegt. Wichtig ist nur, dass die Integration jetzt schnell erfolgt. Sonst verlieren die Mitarbeiter die Lust.

Dann ist es gar nicht schlimm, dass Berlin sein einziges Dax-Unternehmen verliert?

Nein. Man kann den Wert einer Hauptstadt nicht daraus ableiten, ob sie einen oder zwei oder fünf Dax-Unternehmen hat. Dafür kann man sich nichts kaufen.

Schering war allein erfolgreich. Hätte das Management die Übernahme verhindern können, wenn es früher reagiert hätte?

Alle Dax-Unternehmen müssen fürchten, übernommen zu werden. Wenn man immer nur an daran denken muss, den Gewinn zu steigern - und das müssen börsennotierte Unternehmen - erregt man Aufmerksamkeit und weckt Begehrlichkeiten. Und dann kann es passieren, dass ein Unternehmen wie Schering durch Bayer übernommen wird, obwohl es keine großen Synergien gibt, allein um der schieren Größe wegen. Darum sind wir so froh, dass wir ein Familienunternehmen sind. Wir können langfristig denken und langfristige Strategien entwickeln. Und haben das Problem nicht.

Schering wird gekauft, Samsung und der Baumaschinenhersteller CNH stehen vor dem Aus, das Spandauer Waschmaschinenwerk kämpft. Trotzdem sind Berliner Unternehmer sehr zuversichtlich, wie Umfragen zeigen. Woher kommt das?

Die Güter, die wir in Deutschland produzieren, sind im Ausland sehr begehrt. Viele Unternehmen haben inzwischen einen Exportanteil von 70 bis 90 Prozent. Wir dürfen in Berlin nicht den Fehler machen, uns an den alten Industrien zu messen, sondern müssen einen Schnitt machen und uns an den modernen Zukunftsindustrien und Zukunftsmärkten orientieren. Die gibt es auch schon in Berlin. Einige Biotechnologie-Firmen sind sogar schon an der Börse notiert. Das ist der richtige Weg.

Teilen Sie den Optimismus?

Ja. Unsere Produktion ist voll ausgelastet, wir wachsen vor allem im Ausland stark, mit Diabetes-, Herzkreislauf- und Magenmitteln. Und wenn wir nicht zuversichtlich wären, dass das in den nächsten drei bis fünf Jahren so bleibt, hätten wir nicht gerade die Pharmafirma AWD Dresden mit 250 Mitarbeitern gekauft.

In den vergangenen Jahren haben Sie den Umsatz zweistellig gesteigert, vor allem wegen des stark wachsenden Russland-Geschäfts. Können Sie das Tempo durchhalten?

Wir erwarten zum Jahresende einen Umsatz von 880 Millionen Euro, vor allem wegen des starken Exports. Das bedeutet zweistelliges Wachstum. Und für das nächste Jahr sind wir zuversichtlich, die Milliarde zu knacken.

Im Frühjahr ist ein neues Arzneimittelspargesetz in Kraft getreten, das den Kassen jährlich rund eine Milliarde Euro ersparen soll. Belastet das Ihr Inlandsgeschäft?

Nein, wir erwarten in diesem Jahr auch in Deutschland zweistelliges Wachstum.

Dann kann die Belastung so schlimm nicht sein, die die Pharmaunternehmen beklagen. Während viele Rekordgewinne melden, sind die Ausgaben der Kassen für Arzneimittel in den ersten Monaten um zehn Prozent gestiegen. Was läuft da schief?

Wir haben viele neue, teure Medikamente zum Beispiel für die Krebstherapie, die sehr teuer sind. Wenn wir sie auch weiterhin zur Verfügung stellen wollen, kosten sie natürlich Geld.

Kritiker sagen, dass zwei Drittel der neuen, teuren Medikamente nicht besser sind als ältere, bewährte Mittel. Gegen eine Kosten-Nutzen-Analyse durch ein unabhängiges Institut hat sich die Pharmaindustrie bislang erfolgreich gewehrt.

Es ist Aufgabe der Regierung zu entscheiden, welche Therapien der Solidargemeinschaft zur Verfügung gestellt werden sollen. Wir müssen aber auch als Verbraucher entscheiden, was wir uns leisten wollen. Wir kümmern uns nicht genug um unsere Gesundheit, das haben wir verlernt – als Folge der Vollkasko-Mentalität der vergangenen Jahrzehnte. Jetzt kommen wir an Engpässe. Wenn wir uns den medizinischen Fortschritt künftig leisten wollen, müssen wir mehr für unsere Gesundheit bezahlen.

Reicht die Reform der Großen Koalition aus, um die Probleme des Gesundheitssystems in den Griff zu bekommen?

Den Wählern ist viel versprochen worden, aber das ist keine Reform, höchstens ein Reförmchen, das nur andeutungsweise in die richtige Richtung geht. Um den Übergang in ein modernes, steuerfinanziertes System zu schaffen, hätte man einmalig einen Betrag von rund 45 Milliarden Euro in die Hand nehmen müssen. Aber dazu hatte niemand den Mut. Jetzt steigen zwar die Beiträge und damit auch die Lohnnebenkosten, aber die Finanzierungslücke bleibt trotzdem.

Wie lange hält die Reform, die jetzt auf den Weg gebracht werden soll?

Ein halbes bis ein Jahr, länger sicher nicht. Aber ich rechne trotzdem nicht damit, dass es vor 2009 eine neue Reform gibt. Bis dahin wird die Politik weitere Notstandsgesetze verabschieden, wie bisher auch. Und das geht zu Lasten aller.

Das Gespräch führte Maren Peters.

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