Wirtschaft : BDI: Die deutsche Industrie gönnt sich zum Stabwechsel eine Gala

Elisabeth Binder

Der Kanzler war gerührt. In tiefrotes Licht war das Konzerthaus am Gendarmenmarkt zur Feier der Gala des Bundesverbandes der Deutschen Industrie getaucht, die Tische mit purpurfarbenem Samt bedeckt, darauf hellere Rosenblätter und mächtige Kandelaber. Er selbst freue sich ja über die ästhetisch so ansprechende Aufmachung der Szenerie, sagte er und fragte ironisch: "Aber musste es wirklich so viel Rot sein?" Zur Stabübergabe des scheidenden Präsidenten Hans-Olaf Henkel an den Nachfolger Michael Rogowski hatte sich ein ausgesprochen hochkarätiges Publikum am Gendarmenmarkt eingefunden. Die großen Namen der deutschen Wirtschaft - darunter Daimler-Chrysler Chef Jürgen Schrempp, Siemens-Vorstandvorsitzender Heinrich von Pierer, Bahnchef Hartmut Mehdorn oder Deutsche-Bank Aufsichtsrat Hilmar Kopper - waren vertreten. Aber auch viele Politiker: Wolfgang Schäuble, Innenminister Otto Schily, CDU-Fraktionschef Friedrich Merz und eine ganze Reihe von Ministerpräsidenten. Dass sich Rot und Schwarz verstehen können, zeigten nicht nur die überwiegend dunklen, dezent eleganten Roben der Damen, und die Tatsache dass mit Ursula Engelen-Kefer auch Gewerkschaftsvertreter geladen waren.

Gerhard Schröder wirkte ausgesprochen souverän und traf den richtigen Ton, als er die vielen Gemeinsamkeiten der rotgrünen Regierung mit dem BDI herausstrich, zum Beispiel die, Deutschland in der globalen Community als ein wirklich weltoffenes, gleichzeitig selbstbewusstes und bescheidenes Land darzustellen. Die persönlichen Worte des Kanzlers für Hans-Olaf Henkel gaben einen guten Einblick in eine sehr besondere Streitkultur: "Dass er die frühere Regierung als mittelmäßig betrachtet hat, hat mich gefreut, aber er musste es nicht auf mich mitübertragen." Gegensätze und Gegnerschaft dürften in einer zivilen Gesellschaft nie in Feindschaft umschlagen, fügte Schröder hinzu. Henkels bleibendes Interesse an Öffentlichkeit ahnend und um seine angeborene Unruhe wissend gab der Kanzler ihm einen besonderen Wunsch mit auf den Weg: Er möge sich möglichst wenig publizistisch betätigen, besser viel wissenschaftlich im Stillen forschen.

Hans-Olaf Henkel bedankte sich mit einer Einsicht, die sicher auf viele Positionen passt: "Seitdem ich dieses Amt niedergelegt habe, sind alle so nett zu mir." Die sechs vergangenen, seien die schönsten Jahre seines Lebens gewesen. Der BDI hatte sich auch ein besonders schönes Geschenk ausgedacht. Zum einen einen Filmzusammenschnitt mit lustigen, auch aus dem Zusammenhang gerissenen Szenen mit politischen Gegnern, zum anderen ein Buch mit den schönsten Karikaturen seiner Präsidentenzeit.

Diese Gala war auch wieder ein erstes Mal in Berlin. Zum ersten Mal Berlin, zum ersten Mal so viele Gäste, zum ersten Mal historisches Ambiente. Berlin stachelt offenbar an. Hier muss alles einen etwas glanzvolleren Rahmen haben. Was auffiel: anders als bei den vielen Film- und Glamourgalas sahen die Damen sehr realistisch aus. Und die Sicherheit, die sonst schon bei äußerst mediokren Starlets verrückt spielt, blieb bei den wirklich Mächtigen und Einflussreichen angenehm unsichtbar. Nicht nur Rot und Schwarz verlebten diesen Abend bei Zander im Kräutermantel und Crêpinet vom Deichlamm-Risolé in Harmonie miteinander.

In Rogowskis leidenschaftlichem Plädoyer für Freiheit, Weltoffenheit, Solidarität, Nachhaltigkeit, Initiative und Chancengleichheit, kam kräftiger Zwischenbeifall an der Stelle, als er weitere Reformen forderte. Rogowski erinerte an seine Lieblingsthemen: "Ein Arbeitsmarkt, der durch starre Flächentarife und ausufernde Mitbestimmungsvorschriften eingeengt wird, gefährdet die Arbeitsplatzinhaber und schließt jene aus, die Arbeit suchen." Ein wenig unerwartet - und deshalb vom Kanzler mit besonderem Lob bedacht - plädierte Rogowski dafür, Freiheit als Solidarität zu verstehen. "Solidarität ist der Kitt, der unsere moderne Gesellschaft zusammenhält." Doch wenn der Staat für alles sorge, komme es gerade auf die Bereitschaft des Einzelnen zur Solidarität nicht mehr an. Deshalb müsse der Staat sich beschränken.

Rogowski lobte den Vorgänger ("ich denke wie er"): In der Ära Henkel sei der BDI öffentlicher, streitbarer und noch grundsätzlicher in der Sache geworden. Henkel habe sich nie nur als Interessenvertreter verstanden. Er habe gesellschaftspolitsichen Anspruch angemeldet "mit großer Leidenschaft und klaren Überzeugungen". Und Rogowski verbreitete gleichzeitig Zuversicht, dass es so weitergehen möge.

Gehard Schröder saß übrigens an einem gar nicht so unkomplizierten Tisch gegenüber Berlins Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen. Direkt neben dem war der ehemalige US-Botschafter John Kornblum plaziert, beide, wie man weiß, heillos zerstritten über die künftige amerikanische Botschaft. Obwohl Kornblum den Job gewechselt hat, müssen beide steife Hälse bekommen haben vom angestrengten in die entgegengesetzte Richtung Schauen. Ganz so gut wie zwischen Schröder und Henkel klappt das mit den zivilen Gegnerschaften doch nicht immer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar