BDI-Präsident Jürgen Thumann : „Wir haben Fehler gemacht“

Nicht nur Fehler in den internationalen Finanzsystemen, sondern auch die Gier vieler Manager werden weithin als Ursache der Finanzkrise angesehen. Im Tagesspiegel-Interview äußerst sich BDI-Präsident Jürgen Thumann zu diseen Vorwürfen, gesteht Fehler ein und bemängelt fehlende Kontrolle auf den Geldmärkten.

Thumann
BDI-Präsident Jürgen Thumann -Foto: Thilo Rückeis

Herr Thumann, unermessliche Gier Einzelner hat uns an den Rand einer Weltwirtschaftskrise geführt – können Sie diesem Satz zustimmen?

Ja, das kann ich. Man muss hinzufügen, dass es sich um Fehlentwicklungen in den USA und England gehandelt hat. Zum Beispiel haben die 20 bestverdienenden Finanzmanager im Jahr 2006 im Durchschnitt 650 Millionen Dollar verdient, im Jahr 2007 eine knappe Milliarde. Diese Gier kritisiere ich.

In Deutschland gab es keine Gier?

Auch in Deutschland hat mancher versucht, an dem vermeintlich reich gedeckten Gabentisch teilzuhaben. Aber dazwischen liegen doch Welten. Die Hauptursache liegt in den USA. Die Amerikaner sollten plötzlich alle Hausbesitzer werden, auch wenn sie kein Eigenkapital hatten und Zins und Tilgung gar nicht bedienen konnten. Das war politisch gewollt. So hat diese verheerende Krise ihren Anfang genommen.

25 Prozent Eigenkapitalrendite vor Steuern, wie sie etwa die Deutsche Bank angestrebt hat – das sehen Sie nicht als Gier?

Das ist ein extrem ehrgeiziges Ziel, das sich vielleicht mal in sehr guten Zeiten erreichen lässt. Als Unternehmer habe ich selbst bescheidenere Ziele formuliert. In meinen Unternehmen ist eine Eigenkapitalverzinsung von 15 Prozent vor Steuern sicherlich ausreichend, um das Wachstum des Unternehmens voranzutreiben und die nötigen Investitionen zu finanzieren.

Die Finanzkrise kommt aus den USA, sagen Sie. War es für Deutschland falsch, sich sehr für die Globalisierung zu öffnen?

Keineswegs. Wir sind in einer globalen Wirtschaft tätig, in diesem Jahr zum sechsten Mal in Folge Exportweltmeister. Wir sind Globalisierungsgewinner Nummer eins. Die starke deutsche Industrie braucht eine international aufgestellte Finanzwirtschaft und tätigt natürlich auch selbst Finanzinvestitionen. Aber auch wir haben Fehler gemacht. Womöglich waren wir auf manchen Märkten und in manchen Projekten zu gutgläubig, zu vertrauensselig. Wir sind davon ausgegangen, dass die Banken ihr Risikomanagement im Griff haben, die Ratingagenturen immer zuverlässig arbeiten. Wir haben geglaubt, dass es richtig ist, die internationalen Bilanzierungsregeln bei uns umzusetzen. Jetzt müssen wir erkennen, dass wir uns über das Ausmaß der Risiken getäuscht haben.

Aber von der Immobilienblase ist seit Jahren die Rede. Wie konnte das passieren?

Wie groß das Risiko ist, wurde in den letzten anderthalb Jahren klar. Im Nachhinein steht fest: Es fehlte an Kontrolle. Wenn ich in der Industrie ein neues Produkt anbieten will, werde ich zertifiziert und auditiert. Finanzprodukte kamen oft ungeprüft auf den Markt. Das muss sich schnell ändern, international und national.

Jetzt muss der Steuerzahler mit rund einer halben Billion Euro haften.

Wir reden nicht über eine halbe Billion Euro, die der Steuerzahler jetzt übernehmen muss. Die Bundesregierung hat mutig ein Paket geschnürt, um die Finanzmärkte zu stabilisieren und Vertrauen zu schaffen. Die Banken sollen anfangen, sich wieder Geld zu leihen. Zugesagt sind bis zu 400 Milliarden Euro für Bürgschaften. Wir dürfen aber davon ausgehen, dass diese nicht tatsächlich in Anspruch genommen werden.

Die kleinen Leute müssen die Exzesse der Finanzmanager ausbaden – verstehen Sie, dass viele das als ungerecht empfinden?

Ich habe volles Verständnis dafür, dass die Menschen diese Entwicklung kritisieren. Ich gehöre auch zu den Kritikern, zu den scharfen Kritikern, schon seit langem. Dreistellige Millionengehälter, enorme Boni und Optionen lehne ich ab. Auch puren Shareholder-Value habe ich noch nie gemocht. Das passt alles gar nicht zu unserer sozialen Marktwirtschaft. Ich gönne es jedem, für Erfolg belohnt zu werden. Aber das muss mit Augenmaß geschehen. Wir müssen uns doch vor unseren Belegschaften verantworten können, und wir müssen sie am unternehmerischen Erfolg teilhaben lassen. In manchen Regionen der Welt ist vieles aus dem Ruder gelaufen. Die Finanzwelt hat sich von der realen Welt, der realen Wirtschaft entkoppelt. Diese Finanzmanager in London und New York suchen gar nicht das Gespräch mit der Politik. Das interessiert die gar nicht.

Geld regiert die Welt.

Das haben diese Leute geglaubt. Aber das ist vorbei. So bitter die ganze Finanzkrise auch ist, sie führt zu einer Selbstheilung. Lassen Sie es mich westfälisch formulieren: Es ist gut, dass diese Leute mit den Füßen auf den Teppich zurückkehren. Bitter ist, dass es uns möglicherweise einige Milliarden kostet. Aber ich hoffe sehr, dass ich mit meiner etwas optimistischeren Betrachtung recht behalte. Der Staat sollte sich jetzt an den Not leidenden Instituten beteiligen, und er sollte deutlichen Einfluss nehmen, um Gewinnausschüttungen und Managervergütungen zu begrenzen. So würde ich es in meinem eigenen Unternehmen auch machen.

Finanzminister Steinbrück möchte die Vergütungen von Managern dieser Banken auf 500 000 Euro pro Jahr begrenzen – ist das eine gute Sache?

Ob es 500 000 Euro sein müssen, weiß ich nicht. Die Richtung ist absolut richtig. Wenn es einem Unternehmen schlecht geht, müssen alle ihren Beitrag leisten. Dann muss auch der Vorstand zurückstecken.

Sollten Manager der Bankenbranche einen eigenen Solidaritätsfonds einrichten? Gut verdient haben sie ja in den letzten Jahren.

Die meisten werden ohnehin nicht ungeschoren aus der Finanzkrise herausgekommen sein. Auch das ist eine Art Selbstheilungsprozess. Ich kann mir persönlich durchaus vorstellen, dass sich Führungskräfte aus Banken und Finanzinstitutionen mit einem persönlichen Beitrag an der Sanierung beteiligen.

Soll die Bundesregierung ein Konjunkturprogramm auflegen?

Ein Konjunkturprogramm halte ich für falsch, weil zu viel Geld verpufft. Jedwede weitere Belastung für die Wirtschaft muss abgewendet werden. Das Klimapaket der Bundesregierung zum Beispiel kann wie geplant auf europäischer Ebene bis zum Jahresende verabschiedet werden, aber die deutsche Industrie darf nicht zusätzlich belastet werden. Denn das würde Arbeitsplätze kosten. Die Bundesregierung sollte ihre Investitionen auf keinen Fall reduzieren, sondern sogar beschleunigen und aufstocken. Infrastruktur sollte erneuert werden und zwar in Partnerschaften mit privaten Unternehmen. Ich denke etwa an Straßenbau, Flughäfen oder Kraftwerke. Projekte gibt es genug.

Haushaltskonsolidierung ist jetzt kein Thema mehr?

Doch natürlich! Aber der öffentliche Haushalt muss atmen können. Man muss sich nicht jetzt auf ein Jahr festlegen, in dem es einen ausgeglichenen Bundeshaushalt gibt. Aber wir dürfen das Ziel nicht aufgeben. Es dauert nur etwas länger. Hier ein paar Milliarden, da ein paar Milliarden – das geht nicht.

Ist es nicht absurd, wie das 480-Milliarden-Paket durchgewunken wird? Über kleinere Beträge wurde viel mehr gestritten.

Das beweist, wie ernsthaft die Politik diesen Turbulenzen begegnet. Ich weiß nicht, ob diese 480 Milliarden Euro ausreichend sind. Ich messe es an den Schritten anderer Länder. Ich will offen gestehen, dass ich fassungslos war, als ich zum ersten Mal hörte, dass die Amerikaner 700 Milliarden Dollar mobilisieren wollen. Ich dachte, da hat sich jemand vertan. Genau wie wir alle werde ich von Tag zu Tag von den Ereignissen überrascht. Um den Schaden so gering wie möglich zu halten, darf unsere Antwort auf keinen Fall zu kleinlich ausfallen.

Verspüren Sie Angst?

Nein, das Wort Angst trifft es nicht. Aber mir wird immer bewusster, wie ernst die Lage ist. Wir dürfen nicht dramatisieren, aber müssen verantwortungsvoll und schnell handeln. Die große Koalition hat sich in dieser schwierigen Situation bewährt. Einer anderen Koalition wäre es sicherlich schwerer gefallen, innerhalb von wenigen Stunden ein Paket diesen Ausmaßes zu schnüren.

Die Wiederwahl 2009 wäre kein Unglück?

Wenn fünf Parteien in den Bundestag gewählt werden, ist dieseKonstellation durchaus wahrscheinlich. Derzeit bin ich zuversichtlich, dass die große Koalition unser Land aus der Krise führen wird. Dann spricht auch nichts dagegen, dass sie weiter regiert. Wir müssen alles versuchen, damit die aktuelle Lage nicht von Populisten missbraucht wird.

Das Gespräch führten Moritz Döbler und Antje Sirleschtov.

DER UNTERNEHMER

Jürgen Thumann (67) stammt aus einer westfälischen Unternehmerfamilie. Nach der mittleren Reife lernte er Groß- und Handelskaufmann. Als sein Vater starb, übernahm er mit 19 die Führung des elterlichen Unternehmens und baute es zu einer global tätigen Gruppe aus. Bei Stahlhülsen für Batterien hält Heitkamp & Thumann einen Weltmarktanteil von 50 Prozent.

DER LOBBYIST

Thumann engagiert sich seit langem in Wirtschaftsverbänden. Seit vier Jahren ist er Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Ende November wird er vom ehemaligen Vorstandschef des Baukonzerns Hochtief, Hans-Peter Keitel, abgelöst. Tsp

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