BDI-Präsident Keitel : "Das ist die letzte Chance für Griechenland"

Die deutsche Industrie gibt Griechenland noch nicht verloren. Zugleich beklagt sich BDI-Präsident Keitel im Tagesspiegel-Interview über mangelnden Patriotismus der griechischen Eliten.

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Hans-Peter Keitel.
Hans-Peter Keitel.Foto: Thilo Rückeis

Herr Keitel, waren Sie schon mal in Griechenland?

Ganz oft. In meiner Zeit bei Hochtief habe ich immer wieder in Griechenland verhandelt. Ich war vier Jahre lang beteiligt, den Flughafen von Athen zu privatisieren. Die Mautstraßen, die wir geplant haben, sind leider immer noch im Bau.

Was ist das für ein Land?

Ich würde von drei verschiedenen Ebenen sprechen, die man unterscheiden muss. Da sind die ganz normalen Bürger und kleinen Leute. Sie sind so, wie man sie hier vom Griechen um die Ecke kennt: freundlich, fleißig, sparsam, ein bisschen lässiger, als wir Deutschen es sind, und häufig unglaublich großzügig. Das sind sehr sympathische Menschen. Die zweite Ebene ist der Staat. Griechenland hat ein marodes Staatswesen, von dem einige Cliquen seit Jahrzehnten sehr egoistisch profitieren. Das Problem ist nicht Schlampigkeit. Manches funktioniert absichtlich nicht. Steuern nicht zu erheben oder gezielt nicht zu erheben – das ist ein Unterschied. Zu oft versorgt sich die politische Klasse selbst.

Und die dritte Ebene?

Es gibt immens reiche griechische Unternehmer. Wir denken da nur an Onassis, aber die Zeit ist nicht stehen geblieben. Es gibt zum Beispiel in der IT-Branche Unternehmer, die mit dem Staat glänzende Geschäfte machen. Viele wohlhabende Griechen haben es aber versäumt, Verantwortung für ihr Land zu übernehmen. Jede Generalisierung ist natürlich falsch, aber ich sage es trotzdem: Insgesamt verhalten sich die griechischen Eliten unpatriotisch. Ausländische Investoren steigen nicht ein, wenn die einheimischen Investoren ihr Geld massenhaft abziehen. Den griechischen Unternehmern kann ich nur sagen: Marschiert zurück und baut endlich eure Wirtschaft wieder auf! Dann steigen die ausländischen Unternehmen ein, auch die deutschen. Die Begeisterung kann ich nicht von außen hineintragen.

Wie viel Sinn macht ein Rettungspaket von 130 Milliarden Euro, wenn das Land so ist, wie Sie es beschreiben?

Es ist der Versuch, einen stabilen Zustand hinzukriegen. Das Geld fließt, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen und auch nicht auf einen Schlag. Wenn Griechenland seine Zusagen nicht einhält, wird sich das Blatt drehen. Wir sollten nicht mit einem Rausschmiss aus dem Euro drohen, aber klarmachen: Das Rettungspaket ist die letzte Chance.

Teilen Sie die Einschätzung von Bosch-Chef Franz Fehrenbach, dass Griechenland eigentlich im Euro nichts zu suchen hat?

Das ist eine technische Bewertung, die ich teile. Natürlich hätte Griechenland nicht aufgenommen werden dürfen. Und möglicherweise haben auch geostrategische Gründe eine Rolle gespielt. Aber was nützt mir diese Erkenntnis heute? Wenn ich am Berg stehe und mich verstiegen habe, weiß ich auch, dass ich da eigentlich nicht hingehöre, aber diese Einsicht bringt mich nicht in Sicherheit. Die Erkenntnis, dass Griechenland sich übernommen hat, löst kein einziges Problem.

Griechenland soll Euro-Mitglied bleiben?

Über die rein wirtschaftlich-monetäre Sicht hinaus haben wir Europäer die Pflicht, Griechenland diese eine letzte Chance zu geben, sich selbst zu retten. Daraus folgt aber kein Automatismus. Wir zahlen so lange, bis Griechenland gerettet ist – diese Rechnung geht nicht auf.

Wenn Griechenland seine Zusagen nicht einhält, wendet sich das Blatt, haben Sie gesagt. Wie lange darf es, kann es dauern, bis Klarheit herrscht?

Ich kann keine Frist nennen, aber es dauert jedenfalls keine drei Jahre. Nach der Wahl im April werden wir sehr schnell Klarheit haben. Dieser Termin ist für Griechenland außerordentlich wichtig, damit neues Vertrauen geschaffen werden kann. Eine durch Wahlen legitimierte Regierung tut sich jedenfalls leichter, die Zusagen umzusetzen.

Der Bundestag stimmt am Montag über das Rettungspaket ab. Was halten Sie von Abgeordneten der Koalition, die mit Nein stimmen?

Ich habe in dieser Frage großes Verständnis für jeden Abweichler. Ich würde mich wundern, wenn alle zustimmen. Die Schuldenkrise ist vielleicht das einzige Thema, bei dem seit Jahren keiner sagen kann, wie eine konsistente Lösung aussieht. Bei anderen politischen Problemen gibt es immer zwei, drei Lösungsansätze, die man genau beschreiben und abwägen kann. Manchmal fehlt dann der Mut, das umzusetzen, was man für richtig hält. Hier ist es ganz anders. Keiner hat eine endgültige Antwort. Wir sind im Versuchsstadium. Deswegen können wir nicht alle einer Meinung sein, auch nicht im Bundestag.

In welchen Branchen liegt die Zukunft für Griechenland?

Bei der Entwicklung von Solarenergie in großem Stil schauen viele bislang nur darauf, was das Desertec-Konsortium in Nordafrika plant. Aber das Mittelmeer hat auch ein nördliches Ufer, an dem die Sonne scheint. Für ein ähnliches Industrieprojekt in Griechenland ließen sich sicher private Investitionen realisieren, sobald die Rahmenbedingungen stimmten. Wenn wir eine integrierte europäische Energieversorgung angehen, hat Griechenland große Chancen. Aber eigentlich geht es um alle Industriebereiche.

Griechenland hat doch nicht in allen Industriebereichen große Chancen?

Wieso eigentlich nicht? Vergleichen Sie doch einmal Griechenland mit seinem Nachbarn, der Türkei. Vor 20 Jahren hatte die Türkei die viel schlechtere Ausgangsposition: schlechte ökonomische Lage, niedriger Bildungsstand, geringe Alphabetisierung, starke politische Spannungen. Heute steht die Türkei erstaunlich gut da.

Was sagt mir das?

Es hat nicht in erster Linie externe Gründe, dass zwei Staaten an der gleichen Stelle der Welt sich so unterschiedlich entwickeln. Die griechischen Eliten müssen sich diese peinliche Frage stellen.

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