BDI : Wer ist Hans-Peter Keitel?

Der BDI hat einen neuen Präsidenten. Der mag keine Ideologien, wohl aber Grundsätze. Dazu ist er sehr gut vernetzt – und streitbar: Von seinen Managerkollegen verlangt er Anstand.

Moritz Döbler
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Das Gesicht der deutschen Wirtschaft. Hans-Peter Keitel ist seit 1. Januar 2009 neuer Präsident des Bundesverbandes der deutschen...Foto: ddp

WAS FÜR EIN TYP IST KEITEL?

Die Zeit der Einstecktücher beim Bundesverband der Deutschen Industrie ist vorbei. Jürgen Thumann (67), ein westfälischer Familienunternehmer, trat stets sehr distinguiert, vornehm auf. Doch das war nicht nur eine Frage des Stils – Kritiker warfen ihm vor, er mache in Berlin nicht genügend Druck für die Themen der Wirtschaft. Vor zwei Jahren kostete ihn das fast die Wiederwahl, jetzt ist er mit dem Jahreswechsel nach vier Jahren im Amt abgetreten.
Sein Nachfolger als Präsident des mächtigsten deutschen Wirtschaftsverbandes erscheint hemdsärmeliger, dynamischer. Dabei ist Hans-Peter Keitel (61) gerade nicht der typische zupackende mittelständische Unternehmer, sondern war jahrzehntelang als angestellter Manager tätig. Der promovierte Bauingenieur ging 1988 zu Hochtief und stand seit 1992 an der Spitze des global tätigen Baukonzerns, bis er 2007 in den Aufsichtsrat wechselte.
Doch wurde sowohl Thumann, der nie studiert hat, als auch Keitel das unternehmerische Denken in die Wiege gelegt: Thumann trat mit 19 in den elterlichen Betrieb ein, als sein Vater gestorben war, und Keitel entstammt einer Pfälzer Bauunternehmerfamilie.

WIE MACHT ER POLITIK?

Anders als Thumann ist er von Anfang an in der Politik bestens vernetzt. Angela Merkel kennt er noch aus ihrer Zeit als Umweltministerin und schätzt sie sehr, er kann gut mit Kanzleramtschef Thomas de Maizière und hält Wirtschaftsminister Michael Glos für einen notorisch unterschätzten Politiker. Aber auch für manche Sozialdemokraten hat er Sympathien. So findet er „sehr vernünftig“, wie Finanzminister Peer Steinbrück durch die Krise steuert, und zählt Hans-Ulrich Klose zu seinen wichtigsten Gesprächspartnern in Berlin. Auch nach Brüssel hat Keitel beste Kontakte: EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes kennt er seit 15 Jahren, damals saßen sie gemeinsam im Aufsichtsrat eines niederländischen Unternehmens. Keitel ist ein begnadeter Netzwerker – innerhalb, vor allem aber außerhalb des BDI.

WAS HAT ER BISHER GELEISTET?

Hochtief wuchs unter seiner Führung von einem Bauunternehmen zu einem internationalen Baudienstleister mit fast 50 000 Mitarbeitern. Der Konzern errichtet nicht nur Bauwerke, sondern betreibt sie häufig auch als Flughäfen oder Mautstraßen, zum Beispiel. Dabei hat Keitel frühzeitig auf „Public Private Partnerships“ gesetzt, also halbstaatliche Projekte. Den Vorstandsvorsitz hat er 2007 unter Verweis auf private Gründe überraschend niedergelegt, sein Vertrag wäre noch bis 2010 gelaufen. Was ihn dazu bewegte, wurde nie ganz klar. Er selbst sagte nur: „31 Jahre in der Tretmühle und davon sehr viel Zeit auf Auslandsreisen, das lässt man nicht einfach in den Kleidern zurück.“

WARUM TRITT AUSGERECHNET ER DIE NACHFOLGE THUMANNS AN?

Keitel beschreibt seine Kandidatur als Zufall. Eine Findungskommission sei durch die Lande gereist und habe ihn, den Präsidenten des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie, gefragt, ob er einverstanden sei. Er sei in Eile gewesen, habe zum Flughafen gemusst und die Frage so gedeutet, ob er mit einer dritten Amtszeit Thumanns einverstanden sei. Seine Antwort war „Ja“ – dass es um seine eigene Kandidatur gegangen sei, habe er nicht sofort begriffen. Ein paar Wochen Bedenkzeit habe er sich ausgebeten, sich mit der Familie beraten und dann zugesagt. Harmlos klingt diese Geschichte – und das ist eigentlich eine Eigenschaft, die man Keitel nicht nachsagen kann. Fest steht, dass er nicht erst seit jenem Besuch der Findungskommission eng mit dem BDI verbunden ist, sondern seit 2005 als einer von sieben Vizepräsidenten amtierte. Manche seiner bisherigen Positionen wird er überdenken müssen: So akzeptierte er für die Baubranche den Mindestlohn, und er machte sich nachdrücklich für die PKW-Maut stark. Dass ein Mann vom Bau an die Spitze der feinen Industrielobby aufrückt, ist ungewöhnlich.

WELCHE ZIELE VERFOLGT ER?

Wie der BDI residiert auch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) im Haus der Wirtschaft in Berlin-Mitte. Manche Strategen in beiden Verbänden wünschen sich ein Zusammengehen, damit die Wirtschaft stärker mit einer Stimme spricht. Keitel zeigt sich davon bisher wenig angetan. „Die Fusion hat nie jemand ernsthaft erwogen“, sagt er. Dieter Hundt, den BDA-Präsidenten, kenne er schon lange, und man verstehe sich bestens. Der BDI sei „eine funktionierende Organisation“. Keitel setzt damit offenbar auf Stabilität, und die kann der BDI wirklich gut brauchen. Der Berufung von Werner Schnappauf zum Hauptgeschäftsführer vor gut einem Jahr ging ein regelrechtes Desaster voraus. Mehrere Kandidaten wurden verschlissen, darunter der CDU-Politiker Norbert Röttgen, und einige Mitgliedsverbände kritisierten Thumann öffentlich. Keitel will offenbar Ruhe in den BDI bringen, aber an Struktur und Ausrichtung nichts ändern. Die Hinwendung zu grünen Themen, wie sie der frühere bayerische Umweltminister Schnappauf forciert hat, scheint Keitels Sache nicht zu sein. Seine ersten Auftritte seit seiner Nominierung legen jedenfalls nahe, dass er eher auf die klassischen Wirtschaftsthemen setzt.

WIE POSITIONIERT ER SICH IN DER AKTUELLEN WIRTSCHAFTSKRISE?

An dem Konjunkturgipfel im Kanzleramt Mitte Dezember nahm Thumann noch teil, aber Keitel auch. Interessant ist, dass ausgerechnet seine Branche, die Bauindustrie, von den geplanten Konjunkturpaketen besonders profitieren wird, denn Bund und Länder wollen die staatlichen Investitionen erhöhen. Ob Zufall oder gezielte Lobbyarbeit – Keitel tritt auch für andere Maßnahmen ein, etwa einen zusätzlichen Steuerfreibetrag. Konsumschecks oder eine niedrigere Mehrwertsteuer lehnt er dagegen ab, und er glaubt nicht daran, dass sich die Rezession mit Ausgaben des Staates aufhalten lässt. Auf Vorhersagen der wirtschaftlichen Entwicklung will er sich nicht einlassen. „Wir können nur auf Sicht fahren“, sagt er. Endlos werde die Krise aber nicht dauern, und die deutsche Wirtschaft sei widerstandsfähiger als in früheren Jahren. Auch sich selbst beschreibt er als krisenerprobt: „Ich habe seit dem Mittelalter eigentlich alles erlebt.“ Die aktuelle Herausforderung vergleicht er mit dem Wiederaufbau nach 1945 und dem Aufbau Ost nach 1989.
Obwohl er lange an der Spitze eines börsennotierten Großkonzerns stand, urteilt er doch eher negativ über manche Mechanismen des Finanzmarkts. Dass man sich als gestandener Unternehmensführer vor jugendlichen Analysten rechtfertigen muss, stört ihn gewaltig – und auch, dass die Banken derzeit mit sich selbst beschäftigt sind, statt für Finanzierungen zu sorgen.
Aber er wäre nicht Präsident des BDI, wenn er die Manager nicht gegen Pauschalkritik in Schutz nähme. So sieht er die Verantwortung für die zum Teil exzessiven Gehälter bei den Aufsichtsräten, nicht bei den Vorständen selbst. Damit schiebt er den schwarzen Peter auch den Arbeitnehmervertretern zu, die in den Aufsichtsgremien mitentscheiden.

WELCHE WERTE VERTRITT ER?

„Ich habe keine Präferenz für laut oder leise, ich habe nur ein Präferenz für wirksam“, sagt er über sich. Streitbar ist er jedenfalls, und das hat er gerade mit einer Rede in München gezeigt. „Die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft“ war sie überschrieben, und schon in den ersten Minuten geißelte er Gier und Hochmut. Eine neue Systemdebatte sei nun zu führen, es gehe um „eine intelligente Balance von Staat und Markt“. Von Werten spricht Keitel viel – die soziale Marktwirtschaft sei eine Wertegemeinschaft, er selbst stehe für klassische Werte wie Anstand. „Auf dem Bau habe ich gelernt, dass ein Handschlag gilt. Das hat mich geprägt.“
Keitel will die Welt des Geldes rehabilitieren, die Akzeptanz von Unternehmern und Managern in der Gesellschaft wiederherstellen. „Ideologie liegt mir nicht“, sagt er, aber er lässt nicht von den Grundsätzen, die in den vergangenen Jahren die deutsche Wirtschaft geprägt haben. „Wir müssen uns behaupten gegen neue Staatsgläubigkeit“, sagte er zum Beispiel in seiner Münchner Rede. Und Keitel wirbt für die Globalisierung, weil Deutschland von ihr profitiere. „Wer auf dem Markt bleiben will, muss sich ändern“, formuliert er als Lehre seiner gesamten Berufserfahrung.
Es sind also nicht so sehr brandneue Ideen, die ihn ausmachen, sondern ein neuer Ton. Nun ist ein BDI-Präsident auch kein Entscheider, sondern eher Moderator zwischen Wirtschaft und Politik. In dieser Rolle wird Keitel an Hans-Olaf Henkel, einen seiner Vorgänger, erinnern, aber vielleicht nicht so oft anecken. Der Neue ist glaubwürdig, charismatisch und fernsehtauglich – das wird der Industrie auf dem Weg durch die Krise nützen.

ZUR PERSON: Hans-Peter Keitel wurde 1947 in Kusel in der Pfalz geboren. Sein Vater und seine beiden Großväter waren Bauunternehmer. Er hat Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften studiert und in München als Bauingenieur promoviert. Erste Erfahrungen machte er als Projektmanager im Tunnelbau. Er spricht Englisch, Französisch und Spanisch. Der frühere Hochtief- Chef sitzt in einigen Aufsichtsräten und Gremien, unter anderem im Stiftungsrat der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Er ist Honorarprofessor an der Technischen Universität Berlin. Keitel ist verheiratet und Vater dreier erwachsener Kinder. Er wandert und jagt gerne. Musikalisch ist er auch: So liebt er Jazzmusik und spielt Klavier.

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