Wirtschaft : Behäbig wie eine Behörde

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Für Pharmakonzerne ist es so etwas wie eine Standardlösung geworden: Wenn das eigene Wachstum nicht mehr den hoch gesteckten Erwartungen entspricht, dann kaufen sie eben einen Konkurrenten. Das bringt einen Umsatzschub und beruhigt die Finanzmärkte. In dieser Woche hat der amerikanische Pharmakonzern Pfizer zugeschlagen. Er kündigte an, den kleinen Konkurrenten Pharmacia für 60 Milliarden Dollar zu kaufen. Das könnte einige Bewegung in die Branche bringen. „Der Deal wird den Druck auf andere erhöhen, auch zu fusionieren“, heißt es in einer Studie der Deutschen Bank. Doch Kritiker bezweifeln, dass das die Probleme der Branche lösen kann.

Die Pharma-Industrie ist in einer schwierigen Phase: Auslaufende Patente auf wichtige Originalmedikamente, damit drohende Umsatzeinbrüche, die starke Konkurrenz der Nachahmerhersteller, zu wenige neue, bahnbrechende Produkte, Probleme bei der Zulassung und ein zunehmender Preisdruck seitens der Politik gefährden die steilen Wachstumsziele. Besonders heftig leiden die anglo-amerikanischen Konzerne Bristol-Myers Squibb, Merck&Co und Schering-Plough. Sie werden immer wieder als Fusionskandidaten ins Spiel gebracht.

Pfizer war dagegen in einer vergleichsweise günstigen Ausgangsposition. Schon vor der Fusion dominieren die Amerikaner die Branche. Der Konzern hat mit der Potenzpille Viagra, den Herz- und Kreislaufmedikamenten Lipitor und Norvasc starke Medikamente, die in absehbarer Zeit nicht durch auslaufende Patente bedroht sind. Warum also trotzdem der neue Milliarden-Deal, der nach der Fusion mit Warner-Lambert schon der zweite innerhalb von zwei Jahren ist?

Pfizer dürfte es – neben der angekündigten Kostenersparnis – vor allem auf eins abgesehen haben: auf Pharmacias Arthritis-Medikament Celebrex. Das gehört zu den begehrten Blockbustern – das sind Medikamente, die mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz bringen. Außerdem bekommt Pfizer durch die Übernahme Zugriff auf vielversprechende Medikamentenkandidaten in der Entwicklungspipeline von Pharmacia. Mit der eigenen wäre es nach Meinung von Analysten schwer geworden, die Wachstumserwartungen künftig zu erfüllen. Ob die Übernahme als Vorbild für schwächelnde Konkurrenten taugt, wird von Kritikern allerdings bezweifelt. „Es gibt viele, die Fusionen als ein Naturgesetz betrachten", sagt Isabella Zinck, Pharma-Analystin der Hypo-Vereinsbank. „Aber ich sehe nicht ein, warum das alle machen müssen."

Die Pharmabranche war bisher verwöhnt, Wachstumsraten von zehn Prozent pro Jahr waren durchaus normal. Dementsprechend groß ist der Druck der Finanzmärkte, dieses Tempo auch in Zukunft beizubehalten. Doch das ist angesichts auslaufender Patente für wichtige Originalmedikamente und einer trotz neuer Techniken und der Hilfe der Biotechnologie wenig effizienten Forschung schwer. „Um das Tempo zu halten, müssten die Konzerne fast in jedem Jahr neue Blockbuster auf den Markt bringen“, sagt Zinck. Doch mit Größe allein sei das nicht zu bewerkstelligen. Im Übrigen, gibt Zinck zu bedenken, stelle jede Fusion ein Risiko dar. Eingekaufte neue Medikamentenkandidaten könnten nach Jahren teurer Forschung an der Zulassung scheitern, bestehende Arzneipatente durch Konkurrenten ausgehebelt werden. Nur einen einzigen Vorteil einer Großfusion kann die Analystin sich vorstellen: „Je größer der Konzern, desto größer die Verhandlungsmacht gegenüber der Politik.“ So klagen in den USA, dem mit einem Umsatz von 175 Milliarden Dollar größten Pharmamarkt der Welt, bereits mehrere Staaten gegen Pharmakonzerne. Sie wollen Rabatte für bedürftige Patienten aushandeln. Das bedroht die zukünftigen Umsätze der Konzerne. Auch in Deutschland ist im Wahljahr der politische Druck auf die Pharmapreise größer geworden.

Abgesehen davon werfen Fusionen noch ganz andere Probleme auf. Für viele Mitarbeiter heißt Fusion vor allem jahrelange Unsicherheit über den Arbeitsplatz – und Frustration. „Wer so viel Strukturwandel mitmachen muss, hat Angst“, sagt ein Insider. Gerade bei grenzüberschreitenden Zusammenschlüssen kommt oft die Konkurrenz der multinationalen Forschungsstandorte dazu. „Da entstehen viele Reibungsverluste, und das absorbiert sehr viel Produktivität“, sagt ein Branchenkenner, „die Projekte leiden." Auch das fördert nicht gerade die Suche nach neuen Bestseller-Pillen. Kritiker meinen sogar, dass die Effizienz der Forschung mit zunehmender Größe des Konzern abnimmt. „Diese Riesenmolochs sind wie eine Behörde – viel zu behäbig“, sagt etwa Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für biomedizinische und pharmazeutische Forschung in Nürnberg. Außerdem, sagt er, müsste der Forschungsleiter eines Riesenkonzerns wie Pfizer oder Glaxo Smithkline, der die wissenschaftliche Hoheit über ein weites Spektrum vom Schnupfen über Bluthochdruck bis zum Krebs behalten muss, „ja die Genialität eines Paul Ehrlich und Albert Einstein zusammen mitbringen, um den Überblick zu behalten."

Sörgel hält Fusionen als Lösung für die Probleme der Branche daher für nicht geeignet. Und propagiert stattdessen den Gegentrend: „Das Kunststück wird sein, wieder zu kleineren Forschungseinheiten zurückzukehren“, sagt er. Irgendwann würden auch die großen Pharmakonzern das einsehen. „Und erst dann werden sie wieder effizienter arbeiten.“Maren Peters

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