Wirtschaft : Bei Aktien der Chipmaschinen-Hersteller brauchen Anleger einen langen Atem

Sigrun Schubert

Investoren im High-Tech-Sektor mussten in den vergangenen Wochen oft zusehen, wie viele ihrer liebgewonnenen Wachstumswerte im Depot brutal abstürzten. "Die Aktien von Applied Materials haben sich im Gegensatz zu vielen Dot.Coms und Anbietern von B 2 B-Lösungen gut gehalten", meint Gunnar Miller, Analyst beim Investmenthaus Goldman Sachs. Tatsächlich werden die Aktien an der Nasdaq aktuell bei 95,31 Dollar gehandelt. Damit haben sie sich im Vergleich zu den Verlusten im Gesamtmarkt relativ gut gehalten: Ihr Jahreshöchststand betrug 115 Dollar.

"Wir sind ein Dot.Com-Unternehmen ohne das Risiko eines Internet-Unternehmens", hatte der Vorstands-Chef von Applied Material, Jim Morgan, vor wenigen Wochen gescherzt. Zumindest bei den derzeitigen Markt-Turbulenzen scheint er recht zu behalten. Und das, obwohl der Erfolg von Applied Materials eng an die Ausbreitung des Internets gekoppelt ist. Das Unternehmen aus dem kalifornischen Santa Clara stellt Chip-Maschinen her, auf denen die Mikroprozessoren gefertigt werden. Die Mikroprozessoren aber sind die Kernstücke in jedem Computer, jedem Internet-Server, jedem Handy und jedem tragbaren Rechner. Je stärker sich diese Geräte ausbreiten, desto größer ist auch der Bedarf an immer mehr Computer-Chips.

Kürzlich erst hatte der Chiphersteller Intel angekündigt, dass er die Ausgaben für die Produktion von Mikroprozessoren um sechs Milliarden Dollar aufstocken wolle. "Das bedeutet mit Sicherheit, dass Intel weitere Fertigungsanlagen bei Applied Materials bestellen wird", meint Mark Fitzgerald, Analyst beim Investmenthaus Merrill Lynch. Intel ist einer der größten Kunden des Chipmaschinen-Herstellers und trägt zwischen 10 und 12 Prozent zum jährlichen Umsatz bei. Der Aktienkurs von Applied Materials, einem Unternehmen mit einem jährlichen Umsatz von knapp fünf Milliarden Dollar, hat sich in den vergangenen zehn Jahren sogar besser entwickelt, als der von Intel.

Eine der Stärken von Applied Materials ist die breite Produktpalette. Das Unternehmen bietet für jeden Schritt der MikroprozessorFertigung entsprechende Maschinen an, die auch als sogenannte Module - integrierte Teile einer Fertigungsreihe - verkauft werden. Ein grosser Teil der Prozessentwicklung verlagert sich damit auf Applied Materials, was den Kunden ein bestimmtes Qualitätsniveau und eine bestimmte Produktionsmenge pro Fertigung garantiert. Applied hat sich so die Führerschaft in einem Markt gesichert, der in diesem Jahr ein geschätztes Volumen von rund 43 Milliarden Dollar haben wird - rund 25 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. In diesem Markt ist Applied Materials bestens positioniert, meint Robert Maire, Analyst beim Investmenthaus Bear Stearns glaubt: "Applied Materials befindet sich in der beneidenswerten Lage, sowohl Marktführer als auch Entwickler der führenden Technologien zu sein."

Die Nachfrage nach Chipmaschinen boomt, und ein Ende ist bislang nicht abzusehen. "Zur Zeit zeigen alle Zeichen auf ungebrochenes Wachstum", betont Mark Fitzgerald von Merrill Lynch. Das sieht Gunnar Miller von Goldman Sachs ähnlich: "Die Branche befindet sich am Anfang einer mehrjährigen Wachstumsphase", glaubt er. Neben der gestiegenen Nachfrage nach Computer-Chips geben technische Neuerungen weitere Wachstumsimpulse: In den nächsten Jahren werden eine ganze Reihe von Chipherstellern bei der Produktion auf Silizium-Wafer mit einem Durchmesser von 300 Millimetern umsteigen. Bisher gelten 200 Millimeter als Standard. Zudem wirddurch die immer stärkere Miniaturisierung der Chips die Verwendungen von neuen Materialien - beispielsweise Kupfer statt Aluminium - nötig. Für jede Umstellung benötigen die Hersteller von Mikroprozessoren wie Intel und AMD neue Maschinen. Auf so einen Wachstumsschub haben die Chipmaschinen-Hersteller lange Zeit gewartet: Die Produzenten von Computer-Chips befanden sich fünf Jahre lang in einer Rezession.

In den vergangenen Jahren hat sich Applied Materials stark international expandiert: Inzwischen ist das Unternehmen Marktführer in den Vereinigten Staaten, Korea, Japan, Taiwan und Europa. 63 Prozent der Bestellungen für neue Fertigungsanlagen von Applied kommen in diesem Jahr aus Asien, das macht das Unternehmen weit weniger anfällig für Schwankungen im heimischen Markt. Trotzdem ist sicher: "Die Branche wird auch weiterhin durch starke Auf- und Abschwünge geprägt sein", meint Gunnar Miller von Goldman Sachs. Er rät Anlegern nur dann Aktien von Chipmaschinen-Herstellern zu kaufen, wenn sie eine längere Rezession durchstehen können, in der der Kurs möglicherweise stark abrutscht und sich über lange Zeit nicht wieder erholt. Das Kursziel für die Aktien von Applied Materials für die kommenden 12 Monate sieht er bei 130 Dollar. Auch Mark Fitz Gerald empfiehlt die Aktie nur für Investoren mit einem langen Anlage-Horizont. Er rät, sinkende Kurse zum Einstieg zu nutzen.

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