Wirtschaft : Bei den fünf Weisen beginnt das Stühlerücken

BONN/BERLIN (aho/hej).Wolfgang Franz ist sauer: "Ich bin aus allen Wolken gefallen", sagt der Direktor des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim.In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" konnte der international anerkannte Arbeitsmarktexperte nachlesen, daß er künftig dem erlauchten Kreis der fünf Wirtschaftsweisen nicht mehr angehören wird."Niemand hat mit mir gesprochen", wundert sich der Wirtschaftsprofessor, dessen Fünf-Jahres-Vertrag Ende Februar ausläuft.

Weitere fünf Jahre im Kreise des "Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" werden Franz wohl nicht beschert sein, obwohl er gern weitermachen würde.Der Sprecher des Bundesfinanzministeriums, Torsten Albig, betonte, daß für Franz ein Nachfolger gefunden werden soll."Das Ministerium wird zu gegebener Zeit einen Vorschlag machen", sagte Albig.Die fünf Weisen werden mit der Unterschrift des Bundespräsidenten von der Bundesregierung bestellt.

Bei der Kandidatenwahl haben die Gewerkschaften ein gewichtiges Wörtchen mitzureden.Denn Franz ist der "Quotenweise", der nach informeller Regel auf Vorschlag der Gewerkschaften in den Rat einzieht.In der Vergangenheit wurde jeweils eine Stelle in dem renommierten Ökonomenkreis, der einmal jährlich sein Gutachten zur gesamtwirtschaftlichen Lage präsentiert, von Arbeitnehmervertretern besetzt, eine andere von den Arbeitgebervertretern - derzeit ist dies Horst Siebert.Davor steht eine Anhörung, in der sich der Bewerber den Fragen der restlichen Weisen stellen muß.

Gerüchten zufolge soll Franz jetzt die Unterstützung der Gewerkschaften verloren haben.Der Arbeitsmarktexperte habe im jüngsten Gutachten, das scharfe Kritik an den rot-grünen Steuerplänen enthielt, kein Minderheitsvotum vorgelegt und sich stattdessen der Mehrheit angeschlossen, schreibt die "Frankfurter Allgemeine".Die fünf Weisen hatten dem Vorwurf von Bundesfinanzminister Lafontaine (SPD) widersprochen, die desolate Lage auf dem Arbeitsmarkt liege an der Angebotspolitik der Regierung Kohl.Schröder und Lafontaine setzen im Gegensatz zu ihren Vorgängern auf eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik und wollen besonders die Binnenkonjunktur ankurbeln.Die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft bestätigte am Freitag, daß es Unbehagen im Gewerkschaftslager gegenüber Franz gebe.Im Sachverständigenrat war man dagegen überrascht.Dort war bislang nicht bekannt, daß Franz in Ungnade gefallen sei.Allerdings räumt man ein, daß der Ökonom "aus Sicht der Gewerkschaften sicher kein Gewährsmann" sei.So teile er beispielsweise die Ideen zu einem Ende der Lohnzurückhaltung wie sie der Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Heiner Flassbeck, und Oskar Lafontaine vertreten, nicht.Franz selbst sieht sich als Vermittler.Eine richtig verstandene Angebots- und eine richtig verstandene Nachfragepolitik schließen sich nicht aus, meint der Wirtschaftsweise.Auch eine moderate Lohnpolitik unterhalb des Produktivitätsfortschritts steigere die kaufkräftige Nachfrage, glaubt Franz.Zudem verhindere sie, daß Jobs wegrationalisiert werden.

Als mögliche Nachfolger für Franz werden verschiedene Namen gehandelt, unter anderem die beiden Berliner Ökonomen Jan Priewe, Fachhochschulprofessor, und Jürgen Kromphardt von der TU.Beide sind Vertreter einer Nachfragepolitik und würden insofern die Anforderungen von Gewerkschaftsseite erfüllen.Doch noch ist alles offen.Gespräche habe es bisher mit keinem von ihnen gegeben, beteuern die Hochschullehrer.Zu den Kandidaten, die in der Branche als besonders aussichtsreich genannt werden, gehören auch der Würzburger Wirtschaftswissenschaftler Peter Bofinger und der Darmstädter Sozialpolitiker Bert Rürup.Im Gespräch ist auch der Bremer Rudolf Hickel.Im Kreis der Weisen läuft jedes Jahr ein Vertrag aus.Nach Franz steht im Jahr 2000 der Posten von Herbert Hax zur Disposition.

Die Opposition rügte das Vorgehen.Die CSU-Wirtschaftspolitikerin Dagmar Wöhrl warf Lafontaine vor, er plane eine "stalinistische Säuberungsaktion".An die Stelle der "fünf Weisen" sollten "fünf Hofschranzen" treten.Der FDP-Chef Wolfgang Gerhardt sieht mit dem Personalwechsel "die Schmerzgrenze überschritten".Der stellvertretende Parteivorsitzende Rainer Brüderle sprach von einem "dreisten Versuch, ein unparteiisches Gremium vor den Karren einer falschen Politik zu spannen".Die Regierung benötige "offensichtlich einen wissenschaftlichen Persilschein für ihre falschen wirtschaftspolitischen Ansätze".

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