Wirtschaft : Bei E-Mail: Protest

Aktivisten nutzen das Internet immer öfter, um Sympathisanten auf der ganzen Welt zu Aktionen aufzurufen

Jim Carlton

An einem sonnigen Tag im vergangenen Juli marschierte der 43-jährige Steve Brown vor dem französischen Konsulat in San Francisco auf und ab und skandierte auf französisch: „Libérez José Bové“ – Freiheit für José Bové.

Später gab Brown zu, von Bové erst eine Nacht zuvor erfahren zu haben. Da erhielt er eine E-Mail, in der Aktivisten gebeten wurden, Druck auf die französische Regierung auszuüben, den französischen Landwirtschaftsaktivisten freizulassen. Bové war einige Wochen zuvor wegen seines Protestes gegen genetisch veränderte Lebensmittel eingesperrt worden. „Ich kannte ihn nicht, aber ich interessiere mich für Lebensmittelfragen“, sagt Steve Brown. Der Computerforscher war einer von 13 Aktivisten, die am 15. Juli einen lautstarken Protest veranstalteten. Sie alle hatten per E-Mail eine entsprechende Aufforderung erhalten.

Dass überhaupt eine Gruppe auf der anderen Seite der Welt so kurzfristig zusammengetrommelt werden konnte, um einen wenig bekannten Aktivisten zu unterstützen, zeugt von der wachsenden Bedeutung des Internets im organisierten Protest. Das Internet wird immer häufiger genutzt, um Unterstützung für Demonstrationen gegen die Abholzung unberührter Wälder bis zum Protest gegen Militäraktionen im Nahen Osten zu gewinnen. Die Aktivisten versenden nicht nur E-Mails, sie richten in vielen Fällen auch Webseiten ein, um ihre Sicht der Dinge darzustellen.

Eine Gruppe von Aktivisten begründete zum Beispiel 1999 eine Webseite namens Independent Media Center, um eine so genannte „Basis“-Berichterstattung über das Treffen der Welthandelsorganisation in Seattle anzubieten. Die Seite Indymedia.org hat sich dem „radikalen, genauen und leidenschaftlichen Erzählen der Wahrheit“ verschrieben und beinhaltet Berichte von Aktionen in der ganzen Welt.

Die Macht des Internets hat sogar viele Organisatoren verblüfft. So sind zum Beispiel 80 Protestaktionen gegen den Irak-Krieg in den USA hauptsächlich von der Wohnung eines Aktivisten in Silver Spring aus organisiert worden. Koordinator Gordon Clark war Mitbegründer einer Antikriegsgruppe namens Iraq Pledge of Restistance, die hauptsächlich über das Internet agiert, um Protestgruppen in 55 Städten zu verbinden.

Umweltaktivisten schätzen das Internet, weil es ihnen ermöglicht, kurzfristig große Proteste zu organisieren. Wie zum Beispiel 1998, als die Familie der Gründer der amerikanischen Bekleidungskette Gap, Donald und Doris Fisher, einen Teil ihres Investmentgeschäfts in die Abholzung von Mammutbäumen an der nordkalifornischen Küste verlagern wollte. Die Organisatoren sagen, die Proteste und kontinuierlichen Kampagnen hätten nur mäßigen Erfolg gehabt. Als Grund gaben die Aktivisten an, die für die Abholzung Verantwortlichen seien in der Lage gewesen, die Boykott-Bemühungen durch die Förderung ihrer eigenen verschiedenen Umweltinitiativen wettzumachen. Auch sie bedienten sich dabei des Internets.

Die Schwierigkeiten bei der Kampagne haben die Begeisterung der Aktivisten für das Internet aber nicht geschmälert. „Das Internet hat sich als unentbehrliches Instrument zur Organisation der Aktionen erwiesen“, sagt Mary Bull, die Mit-Organisatorin der Kampagne.

Die Aktivisten wissen aber auch, dass sie sich nicht zu sehr auf das Internet verlassen dürfen. Um eine große Anzahl Demonstranten zu bekommen, sagen sie, müssten sie auf traditionelle Formen der Kommunikation wie Kundgebungen, Präsentationen und Flugblätter zurückgreifen. Und viele Aktivisten beschweren sich, dass einige Mitglieder inzwischen zu viel Zeit am Computer verbringen. Dabei würden sie vergessen, so der Vorwurf, dass es bei Protestbewegungen darum geht, viele Menschen aus einem einzigen Anlass zusammenzubringen. Ein weiteres Problem ist, dass viele Protestbotschaften in der Flut der E-Mails untergehen.

Trotzdem, vor allem, wenn die Zeit fehlt, eine Aktion offline zu organisieren, erweist sich das Internet als effektives Instrument. So erhielten verschiedene Gruppen in San Francisco dringende E-Mails von einigen europäischen Aktivistengruppen, in denen sie aufgefordert wurden, an einer Reihe von weltweiten Protesten gegen die Verhaftung des Franzosen José Bové am 22. Juni teilzunehmen. Die Aktivisten sollten weltweit um den französischen Nationalfeiertag am 14. Juli herum, an dem traditionell Begnadigungen vorgenommen werden, vor französischen Einrichtungen eingesetzt werden. In San Francisco beschlossen die örtlichen Organisatoren, ihren Protest erst am 15. Juli abzuhalten, weil das französische Konsulat am Nationalfeiertag geschlossen war.

Aus dem Konsulat ließ sich trotzdem niemand blicken, als Brown und die anderen zwölf Aktivisten vor dem Gebäude im Kreis marschierten, einen Sprechchor anstimmten und Schilder wie „Lasst ihn jetzt frei!“ hoch hielten. Aber zumindest ein Franzose war beeindruckt. „Ich bin überrascht, eine Demonstration in San Francisco zu sehen, weil es doch um ein sehr französisches Thema geht“, sagt François Lepoutre, ein 35-jähriger Tourist aus Paris. „Ich hätte nicht gedacht, dass das hier jemanden interessieren würde.“

Texte wurden übersetzt und gekürzt von Tina Specht (US-Börsen), Svenja Weidenfeld (E-Mail), Christian Frobenius (Grasso), Matthias Petermann (Holland) und Karen Wientgen (WTO).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben