Wirtschaft : "Bei einem Verbraucher-ADAC machen wir nicht mit"

Die Stiftung Warentest hält nichts von einem bundesweiten Verbraucher-Verband / Die Tests sollen aktueller werden TAGESSPIEGEL: Die Verbraucherorganisationen leiden unter Finanznöten.Nun bekommt die Stiftung Warentest seit Jahr und Tag vom Bund einen jährlichen Zuschuß von 13 Mill.DM, obwohl sie jedes Jahr Überschüsse erwirtschaftet.Bräuchten andere das Geld nicht dringender? BRINKMANN: Wir brauchen diesen Betrag auf jeden Fall.Die Stiftung Warentest ist ja das einzige Unternehmen, das von den eigenen Publikationen lebt und keine Anzeigen aufnimmt und auch nicht aufnehmen darf.Insofern fehlen uns gemessen an anderen Häusern vergleichbarer Art die Einnahmen, die mit der Werbung erzielbar wären.Das wären zwischen 20 und 30 Mill.DM im Jahr.Mit den 13 Mill.DM vom Bund kommen wir über die Runden, aber wir brauchen sie auch dringend. TAGESSPIEGEL: Was würde passieren, wenn die 13 Mill.DM wegfielen? BRINKMANN: Wir müßten unsere Unterstützung für andere Institutionen drastisch einschränken - also die Beiträge an die internationalen Verbraucherorganisationen, aber auch die unentgeltliche Ausstattung der Beratungsstellen in den Verbraucher-Zentralen mit unseren Publikationen.Dadurch ließen sich insgesamt einige hunderttausend DM sparen, aber bei den Empfängern wären die Konsequenzen bitter.Wenn das nicht reichte, müßten wir bei unseren Prüfkosten sparen.Wir würden natürlich nicht unsere klassischen Untersuchungen - Waschmaschinen oder Fernseher - mit geringerem Aufwand betreiben.Wir würden aber keine Tests mehr machen, die wir heute aufgrund einer gewissen sozialen Verpflichtung durchführen, von denen wir aber wissen, daß das Interesse der Leser eher klein ist.Ein typisches Beispiel sind Rollstühle.Hier ist die Resonanz beim Leser gering, bei den betroffenen Stellen - Krankenkassen, Krankenhäuser - aber enorm hoch.Solche Untersuchungen würden dann entfallen. TAGESSPIEGEL: Das heißt also: Wenn der Bund seine Zuwendungen streichen würde, würden sich "test" und "Finanztest" nur noch auf solche Untersuchungen konzentrieren, die sich für die Leser unmittelbar in Heller und Pfennig auswirken? BRINKMANN: Ja.Wir würden uns noch stärker an den Interessen derjenigen orientieren, die für unsere Leistung Geld zahlen. TAGESSPIEGEL: Würden Sie notfalls auch Anzeigen aufnehmen? BRINKMANN: Denkbar ist alles.Ich persönlich würde einen solchen Schritt aber auf gar keinen Fall ansteuern.Ich bin fest davon überzeugt, daß man nur als Herausgeber anzeigenfreier Publikationen seine Arbeit als Testveranstalter völlig unbeeinflußt von außen machen kann. TAGESSPIEGEL: Was halten Sie von den in Bonn kursierenden Vorschlägen, eine Art "Verbraucher-ADAC" - die sich über Mitgliedsbeiträge finanziert - zu schaffen? BRINKMANN: Man kann in nennenswertem Umfang nur dann Mitglieder gewinnen, wenn man unsere Leistung mitanbietet, also unser Abonnement.Dann müßte aber der Mitgliedsbeitrag höher liegen als unser Abopreis, weil die Mitgliedschaft ja noch zusätzliche Extras - etwa Rechts- und Versicherungsberatung - beinhalten soll.Der Jahresmitgliedspreis müßte also bei 90 oder 100 DM liegen.Ich kann mir nicht vorstellen, daß man eine nennenswerte Zahl von Mitgliedern anwerben kann, die bereit sind, einen solchen Betrag zu zahlen. TAGESSPIEGEL: Selbst dann nicht, wenn man für das Geld ein umfassendes Beratungsangebot bekäme? Immerhin würde man sich ja durch die Rechtsberatung die Kosten für einen Anwalt ersparen. BRINKMANN: Die Rechtsberatung der Verbraucherverbände beschränkt sich auf rechtliche Probleme, die mit der Verbraucher-Eigenschaft verbunden sind.Bei Scheidung, Erb- oder Arbeitsrecht können die Verbraucherverbände gar nicht aktiv werden, ihnen bleiben nur das Kauf-, Werk- oder Dienstleistungsrecht, vielleicht auch das Mietrecht.Mit einer Rechtsberatung für diesen thematisch doch sehr eingeschränkten Bereich kann man aber kaum Mitglieder werben.Nebenbei bemerkt sind Rechtsschutzversicherungen auch nicht besonders teuer, und die decken mehr ab. TAGESSPIEGEL: Sind Sie nur gegen ein Mitgliedsmodell oder überhaupt gegen die Bildung einer neuen großen Verbraucher-Dachorganisation? BRINKMANN: Wir sind gegen eine bundesweite Verbraucher-Dachorganisation, die die Stiftung Warentest einbindet.Das hat zwei Gründe: Zum einen haben wir nach unserer Satzung das klare Gebot, uns aus der Verbraucherpolitik herauszuhalten.Zum anderen passen wir von unserer Struktur her nicht zu den anderen.Wir haben ein Organ, das Kuratorium, in dem neben Verbrauchervertretern auch Repräsentanten von Handel, Handwerk, Industrie und Finanzdienstleistern sitzen.Eine ähnliche Zusammensetzung haben wir in unseren Fachbeiräten, die vor Beginn einer jeden Untersuchung durchgeführt werden.Wir haben daher eine relativ starke Einbindung der Anbieterseite.Das hat aber den Vorteil, daß die Akzeptanz unserer Arbeit recht hoch ist.Das gilt für die Anbieter, aber letztlich auch für die Verbraucher und die Öffentlichkeit, da wir im Anschluß an unsere Veröffentlichungen nur selten Streitigkeiten mit Herstellern ausfechten müssen.Wenn man uns in einen Verbraucher-Dachverband einbinden würde, wäre unser Selbstverständnis als wissenschaftliche, neutrale Organisation gefährdet. TAGESSPIEGEL: Aber ohne die "Cash cow" Stiftung Warentest könnte ein Verbraucher-Dachverband doch gleich einpaêken. BRINKMANN: Das Wort "Cash cow" höre ich ausgesprochen ungern.Das gilt auch für den Gedanken, der dahinter steht, daß nämlich die Stiftung Warentest viel Geld hat.Richtig ist: Vom finanziellen Volumen her sind wir mit Abstand die größte Verbraucherorganisation.Aber: Wir haben auch die höchsten Aufwendungen.Unsere Untersuchungen sind enorm teuer.Wir haben einen Prüfkostenetat von mehr als 15 Mill.DM im Jahr.Das allein schon ist deutlich höher als die Etats der anderen Verbraucherorganisationen.Daher brauchen wir auch den Zuschuß von 13 Mill.DM.Das Bild von der "reichen" Stiftung Warentest ist schief. TAGESSPIEGEL: Mit der vielgerühmten Akzeptanz der Testergebnisse war es beim letzten Apfelsaft-Test ja nicht weit her.Immerhin wollte die Firma Klindworth das Urteil Ihrer Testtrinker, die den Saft mangelhaft fanden, nicht hinnehmen. BRINKMANN: Man muß hier zwei Probleme auseinanderhalten.Das ist zum einen die Durchführung der sensorischen Prüfung.Die hat in der Form, in der wir sie durchgeführt haben, dem Gericht nicht gereicht.Wir haben die Methode aber inzwischen fortentwickelt und setzen jetzt ein größeres Panel ein.Das war aber nicht das Entscheidende.Entscheidend war die Streuung der Ergebnisse.Die getesten Säfte waren von unterschiedlicher Qualität, offensichtlich abhängig von der jeweiligen Mindesthaltbarkeit.Dieses Problem werden wir bei Lebensmittel-Tests aber oft haben. TAGESSPIEGEL: Das muß Ihnen aber doch zu denken geben.Immerhin sind das die Testfelder der Zukunft.Bei den klassischen Themen, mit denen die Stiftung Warentest groß geworden ist, wie Waschmaschinen oder Staubsauger ist doch die Luft raus.Die Testergebnisse werden hier immer ähnlicher. BRINKMANN: Ja und Nein.Die Lebens- und die Arzneimittel sind als Testfelder tatsächlich neu hinzugekommen.Wobei wir Arzneimittel natürlich nicht selber an Testpersonen ausprobieren, sondern Veröffentlichungen und Studien auswerten.Ich würde aber nicht unterschreiben, daß damit die klassischen Warenfelder ihre Bedeutung verloren haben.Für den "Do-it-yourself"-Bereich trifft das zwar zu.Aber die Haushaltsgroßgeräte, mit denen wir unseren Ruf aufgebaut haben, sind nach wie vor wichtig.Wir entwickeln uns hier aber auch weiter.Bei den Wasch- und Spülmaschinen machen wir seit einiger Zeit eine zusätzliche Lebensdauerprüfung.Die ist enorm aufwendig, aber bringt interessante Ergebnisse.So weiß der Leser nicht nur, welche Waschmaschine zum Zeitpunkt des Kaufs die beste ist, sondern auch welche in den ersten sechs Jahren die wenigsten Reparaturen hat. TAGESSPIEGEL: Was sind Ihrer Einschätzung nach die vier Top-Themen, die morgen im "test"-Heft stehen müßten? BRINKMANN: Telefon-Tarife, ein Handy-Test, ein Test aus dem Bereich Unterhaltungselektronik und dann noch ein Test aus dem Bereich PC/EDV.Leider kann man das nicht zwölf Mal im Jahr machen. TAGESSPIEGEL: Nicht selten müssen Ihre Leser den Laden frustriert verlassen, weil die getesteten Geräte nicht mehr aktuell sind.Wie wollen Sie das ändern? BRINKMANN: Ich will vorab mal eines sagen: Es besteht natürlich ein gewisser Zusammenhang zwischen der Sorgfalt der Untersuchung und ihrer Dauer.Bei einem komplexeren Gerät dauern die Laboruntersuchungen nun einmal mindestens drei Monate.Dann muß man die Ergebnisse auswerten und die Zeitschrift drucken.Dadurch sind Sie schon bei einem Wert von sechs Monaten, mit dem ich bereits sehr zufrieden wäre, wenn wir ihn hätten.Wir liegen höher.Ich peile einen Zeitraum von maximal acht Monaten zwischen Einkauf der Prüfmuster und Veröffentlichung der Testergebnisse an.Der zweite, vielversprechendere Schritt sind gezielte Nachuntersuchungen, mit denen wir vorhergehende Tests schnell und unbürokratisch ergänzen können. TAGESSPIEGEL: Wissen Sie schon, daß die Leute Sie für zuverlässiger halten als die Kirchen? BRINKMANN: Ja, wir kennen diese Umfragen.Bei solchen Befragungen schneiden wir immer sehr gut ab.Üblicherweise kommt erst der Bundespräsident, dann das Rote Kreuz und dann wir. TAGESSPIEGEL: Wird das auch in Zukunft so bleiben? BRINKMANN: Darauf arbeiten wir hin.

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